Allein nach Berlin

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Allein nach Berlin

Category : Rad Touren

Proseken – Berlin

Gleich drei Nachbarn quetschen mich aus, als sie die roten Radtaschen vor der Garage entdecken. Brav beantworte ich alle Fragen und schwinge mich in den Sattel. Nach drei Stunden bin ich in Schwerin. Im Gartenhaus von unserem Freund Rüdiger breite ich zwei Nächte meinen Schlafsack aus.

Radtour Berlin

In der Lewitz

Perleberg: 10.000 km

Mein nächstes Ziel ist Perleberg. Ich kurbele durch die Lewitz. Unzählige Wildgänse erheben sich gleichzeitig, drehen über mir eine Runde, landen wieder auf ihrer Wiese. Als wenn sie neugierig mein schwarz-rotes Rad betrachten wollten. Schwertransporter dieser Art gibt es bestimmt nicht jeden Tag zu sehen. Nach fast 100 km bin ich bei meiner Nichte. Die Kinder Janne, Ole und Wiebke sind begeistert, als ich mein Zelt aufbaue. Mit Vergnügen rammt Ole die Zeltheringe in den Rasen. Die Kamera kommt aufs Stativ. Auch das finden die Kinder interessant. Dann zeigen sie mir ihre Räder und wir können sogar schon ein klein bisschen fachsimpeln. Am nächsten Morgen kurbele ich zum Friedhof, besuche das Grab meines früh verstorbenen Bruders Udo. Genau hier zeigt mein Fahrradtacho 10.000 km.

Radtour Berlin

Mit Janne, Ole und Wiebke

„Tour de Prignitz“ ganz allein

Meine persönliche „Tour de Prignitz“ beginnt. Zu meinen Eltern nach Wittstock geht es. Ruhiges Herbstwetter, beschauliche Dörfer, geerntete Felder, schnatternde Wildgänse. In Wittstock treffe ich mich mit Herrn Wagener von der Märkischen Allgemeinen Zeitung. Wir reden eine ganze Stunde. Nach eine paar Tagen erscheint der Artikel. Die Überschrift „Das kleine Schwarze steht bei mir in der Garage“ (Online-Version „Zu Besuch bei den Eltern in Wittstock“) trifft genau ins Schwarze.

Radtour Berlin

In der Prignitz

Radfahrer unter sich

Neuer Tag – neues Treffen. Diesmal mit Sven aus Berlin. Wir sind in Wustrau-Altfriesack am Ruppiner See verabredet. Wie kann es anders sein, Sven verbringt auch viele Stunden im Sattel. Er wurde vom Pflegefall zum Globetrotter. Großartige Geschichte. Nutzt seine Möglichkeiten, jammert nicht über die Schwierigkeiten. Kommt mir bekannt vor. Wir reden lange und kurbeln am nächsten Tag nach Berlin. Bald sind wir ein eingespieltes Radfahr-Team. Ich zeige ihm essbare Wildkräuter und Sven kostet Löwenzahn, Brennnessel, Schafgarbe, Vogelmiere, Spitzwegerich und Gundermann. Sven dreht ein Runde mit meinem Rad, testet die Rohloff-Schaltung. An dieser Stelle schicke ich ein Dankeschön nach Kanada, an meine Verwandten Renate und Berthold aus Quebec. Sie schickten uns den Link der Sendung „sonntags“. Mit dem Hinweis, dass es um einen Radfahrer geht. Sven – hätten wir uns sonst jemals kennen gelernt?

Radtour Berlin

Sven testet meinen Schwertransporter

Mein Zelt steht am Hohenzollernkanal in Siemensstadt. An der Rezeption erzählt man mir von Radlern aus Australien. Die beiden sind auf Europa-Tour. Waren in Schottland und Niederlande, wollen nach Prag, in die Schweiz, zum Schwarzwald.

Mit den Radlern aus Australien

Mit den Radlern aus Australien

Wunder hinter Wall

Auf dem Zeltplatz am Ruppiner See hat es mir gefallen, ich fahre dort wieder hin. Nehme eine andere Strecke. Überall Kraniche. In Sommerfeld erklärt man mir eine Abkürzung. Ich komme durch Wall. Gleich hinterm Ortsschild Golfplatz und Hotel. Ein Stück weiter ist der Glanz dahin. Von einem Mann erfahre ich, dass die Brücke auf dem Weg nach Wustrau abgerissen ist. Er weiß nicht, ob ich durchkommen werde und will mit den Auto hinfahren und nachsehen. Ich habe eine andere Idee. Wenn ich nicht weiterkomme, drehe ich um und zelte auf seinem Grundstück. Er ist einverstanden. Zurück fahren zur Hauptstraße geht nicht, es ist bald dunkel. Nach zwei km bin ich an der Baustelle. Ein Arbeiter ist noch da. Eigentlich darf er niemanden durchlassen, doch mein Frau-allein-unterwegs-Bonus hilft weiter. Taschen vom Rad und alles über eine schmale Mauer tragen. Ich bin schließlich schwindelfrei. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit steht mein Zelt. Das war knapp, aber auf Wunder kann man sich schließlich verlassen.

"Frau allein" darf durch die Baustelle

„Frau allein“ darf durch die Baustelle

Dusche? Nein danke

Dann steuere ich nochmals Wittstock an. Eine kurze Etappe, denn am nächsten Tag geht es zum Südufer vom Schweriner See, nach Raben-Steinfeld. Kurz vor Meyenburg kommt mir Heinrich aus Lübeck entgegen. Er war mit dem Rad schon am Nordkap. Jetzt will er nach Berlin zu seinem Sohn. Es ist neblig und kalt. Ich überlege, Handschuhe anzuziehen. Mache aber lieber Tempo und im nächsten Ort ist mir wieder  warm. Nach 99 km bin ich auf dem Campingplatz. Ob ich es ernst meine mit zelten, fragt man mich in der Rezeption. „Klar, und wo ein Badesee ist, brauche ich auch keine Dusche.“ Spätestens jetzt hält man mich für verrückt. Das Bad war herrlich. Tatsächlich steht noch ein Zelt auf der Wiese. Aber kein Fahrrad. Als es dunkel ist, kommt ein Auto.

Sonnenuntergang am Schweriner See

Sonnenuntergang am Schweriner See

Wieder Treffen mit Freunden in Schwerin. Nun baue ich mein Zelt ein letztes Mal auf dieser Tour in Seehof auf. Am nächsten Morgen Wolkenbruch. Ich warte im Sanitärgebäude. Wenn das Zelt jetzt in die Knie geht und mein Schlafsack wegschwimmt – heute Abend bin ich zu Hause. Sorgen umsonst. Alles trocken. Meine Ausrüstung ist gut. Wusste ich doch …

Berlin – Proseken

Mein Wunsch, in diesem Jahr die 10.000 auf dem Tacho meines kleinen Schwertransportes zu sehen, ging in Erfüllung. Und das genau am Grab meines großen Bruders. Udo brachte mir das Rad fahren bei. Unserer erste gemeinsame Radtour war ein Reinfall. Ich fuhr einem Mann über den Fuß. Udo war sauer und wir drehten um. Wenn er wüsste, was seine kleine Schwester heute für Fahrrad-Runden dreht …

Ach ja, hätte ich beinahe vergessen.

Proseken – Berlin – Proseken: 655 km

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