Flamingos, Polizeischutz, Zeltplatzsuche

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Flamingos, Polizeischutz, Zeltplatzsuche

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7. Juli 2014 – wieder zu Hause in Proseken

Radtour England

Foto: P. van Weele

Die Radtaschen sind ausgepackt, die dreckigen Klamotten gewaschen. Bewegung fehlt mir ungemein. Schlafen im Haus, geht das überhaupt? Die Hosen viel zu weit, da hilft nur der Gürtel (habe ich noch vom letzten Jahr). Alternative: Hosenträger und Sicherheitsnadel. Drei kg sind weg. Werner meint, es sieht aus wie zehn. Ständig bin ich hungrig und weiß nicht, warum.

Ob diese Tour empfehlenswert ist, wurde ich gefragt. Auf jeden Fall.
Niederlande ist ein Traum für Radfahrer. Die Wege sind meist gut, die Ausschilderung bestens. Wer nach dem Knotenpunkt-System fahren will, braucht nur die passende Radkarte. Hier radelt groß und klein, alt und jung. Die Radtaschen sind oft so bunt wie die Blumenbeete. In Kisten wird so allerhand befördert: z. B. Kinder, Möbel, Blumenkübel. Und die Jugend rollt Händchen haltend durch die Gegend. In England sind Radler wie Radwege eher selten. Doch wer im Auto sitzt, nimmt auf Radfahrer Rücksicht. Deshalb ist Rad fahren in England trotzdem ein Vergnügen, zumal die Leute nett und interessiert sind. In Frankreich fand ich in Calais keine Ausschilderung des R 1. Der Weg bis Watten war voller Löcher, danach wurde er besser und irgendwann erspähte ich ein Schild. Da war ich fast in Belgien. Hier sind die R 1-Wege asphaltiert und verirren unmöglich – die Belgier führten das Knotenpunkt-System ein und der R1 ist gut markiert.
Auf mein Gefühl konnte ich mich verlassen und auf Wunder sowieso. Nicht mit jedem wäre ich zusammen gefahren – nur mit Radlern, die sehr spezial sind. Wie Mark und Peet. „Keine Zeit hat jeder“ las ich gerade. Ich bin nicht jeder…………

Von der Ostsee über England ins Emsland...

Von der Ostsee über England ins Emsland…

27. Juni 2014 – 2400 km in Kluse/Deutschland

Die Campingplatz-Betreiber empfehlen mir ein kleines Cafe in Sellingen. Ich fahre zur Festung Bourtange. Ein Auto hält neben mir. Der Fahrer stellt die üblichen Fragen. Er war auch schon mit einem schwer beladenen Rad unterwegs und fragt seitdem jeden Schwertransporter-Fahrer aus. In Sellingen stoppe ich am gemütlichen Cafe. Leckerer Kaffee und selbst gebackener Kuchen. Eine empfehlenswerte Adresse, Gon´s Theetoentje. Noch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, einen kleinen Sticker mit der niederländischen Flagge für mein Schutzblech zu finden. Deshalb frage ich – leider vergeblich – in einem kleinen Geschäft. Ich sehe schon von drinnen den nächsten Interessierten an meinem Rad. Der Nette fährt auch mit Rohloff-Schaltung und dreht seine Runden ebenso auf einem Sqlab-Sattel. Wo mein Rahmen her ist, möchte er wissen. Und natürlich wo ich her komme und hin will. Wir fachsimpeln eine Weile. Seine Frau ist wie ich recht klein, sie fand auch nicht auf Anhieb das passende Rad. Da er seit kurzem den Ruhestand genießt, ist er oft auf Achse.

Bourtange

Bourtange

In Bourtange steuere ich sofort die Festung an. Doch nicht der letzte Pannenkoeken in Vorden, sondern in Bourtange. Leider ist es windstill. Die Bockwindmühle dreht sich nicht. Gern hätte ich sie in Aktion gefilmt. Werner meldet sich, er macht sich auf den Weg ins Emsland. Ich habe es nicht mehr weit. Nehme, da noch genügend Zeit, den Weg nach Rhede/Ems. An der Grenze zeigen mir zwei Frauen den Schlagbaum, der seit 1993 – dem Wegfall der europäischen Binnengrenze – keine Funktion mehr hat. Ich hätte ihn übersehen. In Rhede empfehlen mir nette Leute einen Bäcker. Es hat gerade angefangen zu regnen, ich muss mich irgendwo unterstellen. Nach einem Kakao will ich weiter, doch es schüttet. Ich warte eine Weile. In Regenklamotten mache ich mich auf den Weg nach Heede. Als ich dort an der Ems stehe, hat der Regen längst aufgehört. Werner ruft an. Er ist schon ganz in der Nähe. An der Heeder Emsbrücke wollen wir uns treffen. Nach ein paar Minuten bin ich an der Schleuse Bollingerfähr. Die Brücke kommt in Sicht. Und Werner, der mit beiden Armen ganz wild winkt. Ich bin für ihn der rote Punkt, der immer näher kommt. Nach vier Wochen nehmen wir uns endlich in die Arme. Ich kurbele die letzten km zu seinen Eltern. Werners Geschwister und seine erstaunten Eltern nehmen mich in Empfang. Niemand kann es fassen – 2400 km in 5 Wochen.

Radtour-England

Wiedersehen am der Heeder Emsbrücke

Radtour-England

Wie – ich soll ins Auto steigen?

26. Juni 2014 – 2327 km in Roswinkel/Niederlande

Nun bin ich schon wieder Richtung Westen abgebogen. Grund: Hier in den Niederlanden gibt es in fast jedem Ort einen Campingplatz. Was man von Deutschland nicht behaupten kann. Gestern stand ich um 20 Uhr noch mitten in einem Gewerbegebiet und glaubte fest an ein Wunder…..
Von Zwilbroek radele ich nach Vreden. Immer schön einer Ausschilderung für Fahrräder entlang. Eine Baustelle stoppt meine rasante Fahrt. Kein Durchkommen mit dem Rad. Das Navi zeigt mir den Weg zur Hauptstraße. Ich entdecke die Ausschilderung des R 1. Gute Alternative, denke ich mir. Es geht durch Sand und Schotter, ich kann trotzdem gut fahren. Doch bald finde ich keine Schilder mehr. Stehe im Wald und der Weg teilt sich. Wieder hilft mein Navi. Plötzlich wieder Schilder. Vielleicht brauche ich mal ´ne neue Brille. In Vreden stehen an jeder Ecke Polizisten und Leute mit Warnwesten. Auch vor einem Bäcker, wo ich meinen Schwertransporter parke. Suchend sehe ich mich nach einem Papierkorb um.

Polizeischutz in Vreden

Polizeischutz in Vreden

Der Polizist meint, ich soll ihn fragen, wenn ich den Weg nicht weiß. Ich kläre den Fall und der Polizist begutachtet mein kleines Rad. Sein Urteil: geile Karre. Mein Kommentar: stimmt genau. Ich trinke beim Bäcker in Ruhe einen Kaffee – mein Schwertransporter hat draußen Polizeischutz. Wenn mein netter Fahrrad-Beschützer nicht gerade die radelnden Kinder überwacht wie jetzt gerade, ist er auch oft mit dem Rad auf Tour. In Vreden legt man viel Wert auf Verkehrserziehung. Die Kids legen heute eine Art Radfahrprüfung ab. Ich lasse mich auf keine R 1- oder ähnliche Experimente mehr ein.

Entdeckt bei Legden

Entdeckt bei Legden

Das Navi zeigt mir zuverlässig den Weg über Stadtlohn, Büren, Legden nach Darfeld. Kurz vor meinem Ziel steht ein älterer Mann mit Lederjacke am Straßenrand und spricht mich an. Sein Motorrad streikt und er wartet auf seinen Sohn. Die schicke, alte Seitenwagenmaschine steht am Straßenrand. Das erste Mal in seinem Leben hat sein Fahrzeug eine Panne. Nun ist er völlig überrumpelt, dass ihm viele Leute Hilfe angeboten haben. Gemeinsam stellen wir fest, dass die Menschen besser sind als ihr Ruf in den Medien. Sie sind meist hilfsbereit und interessieren sich füreinander. Und genau das erlebe ich heute Abend. Kurz nach 17 Uhr bin ich in Darfeld. Hier erwartet mich ein ganz besonderer Zeltplatz. Die Wiese bei Petra und Ralf.

Zeltwiese bei Petra und Ralf

Zeltwiese bei Petra und Ralf

Die beiden traf ich in Domburg an der Nordsee und sie luden mich zum Kaffee ein. Daraus wurde das Angebot, in ihrem Wohnwagen zu übernachten. Doch sie haben auch einen Rasen für mein Mini-Zelt. Und wussten ganz genau: Die meldet sich, wenn sie auf dem Weg nach Münster ist. Die beiden verwöhnen mich mit bestem Essen (Petras Spargel Suppe – unglaublich lecker), ich kann das Internet nutzen und wir reden lange. Ralf ist Marathon-Läufer und hat viel zu erzählen. Das ist für mich eine Sensation. Wer möchte darüber berichten?
Am nächsten Morgen radele ich durch Darfeld. Der stillgelegte Bahnhof ist sehenswert und erst recht das Schloss.

Schloss Rosendahl

Schloss Rosendahl

Ein Mann rät mir, den R 1 nach Münster zu fahren. War ein guter Tipp. Die Hügel der Baumberge machen mir nichts aus – ich war in Kent unterwegs. Hinter Havixbeck geht es bis Roxel wunderschön durch den Wald. Die breiten Reifen rollen prima durch Schotter, Sand und über Baumwurzeln. Schloss Hülshoff liegt auf dem Weg und man kommt ohne Eintritt in den sehenswerten Schlossgarten. Nur mein Schwertransporter muss draußen bleiben. So kommt er zu den gelben Leihrädern (aus Münster) und diversen E-Bikes.

Schloss Hülshoff

Schloss Hülshoff

Münster ist die Fahrradstadt in Deutschland, da wollte ich hin. Auch wenn ich große Städte am liebsten umfahre. Viel sehe ich mir auch nicht an. Junge Leute mit 8 Wochen alten Zwillingen erklären mir den Weg zur Promenade. Es ist der Ring um die Altstadt. Von hier aus kann ich durch die Warendorfer Straße den Dortmund-Ems-Kanal erreichen. Zur Promenade führt eine Treppe mit schräger Ebene für Fahrräder. Der junge Mann schiebt mir meinem Schwertransporter hoch. Das hätte ich allein nicht geschafft. Er erklärt mir noch, wie ich am besten die richtige Ausfahrt finde.

Schloss in Münster

Schloss in Münster

Ich rolle am Schloss vorbei und entdecke ein großes Radgeschäft. Hier sollte doch die Auswahl an Zubehör riesig sein. Dringend brauche ich eine größere Lenkertasche. Immer wenn es regnet, muss ich die Spiegelreflexkamera wasserdicht verpacken, weil die Tasche nicht zu geht. Natürlich finde ich ein passendes Teil und lasse es sofort anbauen. Die alte Tasche nehme ich für mein Trekkingrad mit. Kaum bin ich auf der Piste Richtung Kanal, fängt es an zu regnen. Um meine Kamera muss ich mir keine Sorgen machen, nur mich in Regenklamotten hüllen. Wie so oft war mein Gefühl richtig. Es hat bisher nicht oft geregnet. Aber hier ließ mich der Gedanke an eine passende Lenkertasche nicht los. Und jetzt gießt es. Blitz und Donner. In meiner Karte finde ich einen Campingplatz in Münster-Handorf, nicht weit vom Kanal. Bald bin ich da und sehe eine Ausschilderung, nur keinen Zeltplatz. Ich fahre mehrmals hin und her und frage an einer Tankstelle. Die Einfahrt zum Hotel soll ich nehmen. Tatsächlich entdecke ich hinter der noblen Adresse Wohnwagen. Nur für Dauercamper steht dran. Das fehlt mir noch. Bei dem Wetter ist kein Camper zu sehen. Ich finde aber jemanden, der mich zur Hotelrezeption schickt. Nass und dreckig marschiere ich rein und verlasse mich auf ein Wunder. Tatsächlich hat man kürzlich zwei Plätze für Zelte eingerichtet. Weil so oft Radler abgewiesen werden mussten. Als die Formalitäten erledigt sind, scheint wieder die Sonne. Es gibt sogar einen kleinen Schuppen, wo das Rad und die nassen Taschen über Nacht stehen können.Radtour-England
Morgens gebe ich an der Rezeption den Schlüssel vom Sanitärgebäude ab. Einige Hotelgäste sind total überrumpelt, wie man so weit mit dem Rad unterwegs sein kann. Ich fahre nicht zurück zum Dortmund-Ems-Kanal. Lieber gleich zur Ems nach Telgte. Ein Mann erklärt mir den Weg, denn die Ausschilderung ist hier nicht eindeutig, später aber gut. Neben mir hält ein Motorradfahrer. Nach Klärung der üblichen Fragen meint er, dass die Wege durch den Wald gut sind. Recht hat er. Vor Emsdetten kann man eine Ausweichroute nehmen, denn der Weg soll stellenweise sandig sein. Steht auf einem Schild. Die unbefestigte Route ist meine, ich komme prima klar.

Bei Emsdetten

Bei Emsdetten

Der Weg vorbei an Emsdetten führt durch die Ems-Auen. Ich sehe mir die Infotafeln an. Zwei junge Frauen halten an. Sie fuhren die Ausweichstrecke und wissen nun überhaupt nicht mehr, wo sie sind. Dann suchen sie noch verzweifelt das Dorf, wo sie heute früh ihr Zimmer buchten. Auf meiner Karte zeige ich den beiden unseren Standort und wo sie ihr Quartier finden. Mir ist noch nicht klar, dass ich auch noch suchen werde. Ich will zum Campingplatz nach Rheine. Gegen 18 Uhr bin ich da, doch kein Schild taucht auf. Ich frage einen Mann, der nicht Bescheid weiß, mir aber einen Stadtplan schenkt. Ein Zeltplatz ist nicht eingezeichnet. Ich habe das Gefühl, hier weg zu müssen. Frage niemanden mehr, will in Salzbergen mein Glück versuchen. Die 10 km schaffe ich jetzt auch noch. Nach ein paar km merke ich, dass mich das Navi in die falsche Richtung führt. Mein Fehler, ich habe es so programmiert. Um 20 Uhr stehe ich in einem Gewerbegebiet. Jetzt sind es nochmal 10 km nach Salzbergen. Das Navi zeigt mir eine Route über Dörfer. Ich werde den nächsten Bauernhof ansteuern und um eine Zeltwiese bitten. Ein Mann sitzt auf einer Bank. Ich frage, ob er aus der Gegend ist. Nein, aus Nürnberg. Aber er hilft mir trotzdem. Findet mit seinem Smart-Phone den Platz in Salzbergen. Ich rufe an und es meldet sich jemand mit „Campingplatz an der Ems“. Klar kann ich kommen. Der nette Mann aus Nürnberg findet gut, dass mir Zeit mehr wert ist als Geld. In den schmucken Ferienhäusern hier an der Ems wird man nie so viel erleben wie ich unterwegs, meint er. Wieder hat mir jemand geholfen. Das verbuche ich unter Wunder, auf die man sich verlassen kann. Um 21 Uhr baue ich mein Zelt auf.
Gleich hinter Salzbergen lasse ich ein paar E-Biker hinter mir. Tatsächlich sind hier heute ein paar Schwertransporter unterwegs. Einer hat einen Hänger, transportiert Tisch und Stühle. An der Wasserstraßenkreuzung Ems und Ems-Vechte-Kanal treffen wir uns zum zweiten Mal und fotografieren uns gegenseitig. Kurz vor Lingen radelt eine nette Frau neben mir. Sie zeigt mir einen Bäcker und ich verlasse hier den Ems-Radweg. Nach Kaffee, Brötchen und einem netten Gespräch mit der Verkäuferin geht es Richtung Niederlande. Der Grund: Campingplatz-Garantie. Vor Twist halte ich am Geest-Moor.

Geest-Moor bei Twist

Geest-Moor bei Twist

Von einer Aussichtsplattform hat man einen herrlichen Blick über die einzigartige Landschaft. Das Navi führt mich durch ein Gewerbegebiet in den Ort. Ein Solarpark versperrt mir den Weg. Ein Arbeiter schickt mich am Zaun entlang, dann komme ich zur Feuerwehr. Ich könnte auch umdrehen und den bequemen Weg über die Straße nehmen. Da mein Schwertransporter schon durch so viel Sand gerollt ist, nehme ich auch hier den unbequemen Weg. Über eine Wiese gelange ich zur Feuerwehr und Hauptstraße. Ein kleiner Laden taucht auf. Zeit für ein kühles Getränk. Davor ein beladenes Liegerad. Der Radler kommt aus Bremen und will nach London. Er ist seine letzten Touren ausschließlich mit Navi gefahren und nimmt keine Karten mehr mit. Sollte die Technik streiken, wird er sich unterwegs Karten besorgen. Er nimmt den kürzesten Weg nach Amsterdam, ich kurbele nach Zwartemeer/Niederlande. Kein Hinweis, dass Deutschland aufhört und Niederlande anfängt. Der nächste Ort, das nächste Land. Schon hier gibt es einen Zeltplatz, aber ich will noch ein paar km fahren. Mein Navi zeigt eine gute Auswahl an Campingplätzen.

Camping in Roswinkel

Camping in Roswinkel

Ich entscheide mich für den Platz in Roswinkel bei Ter Apel. Hoffentlich ein Mini- oder Bauern-Camping. Wenn nicht – der nächste Platz ist um die Ecke. Über Barger-Compascuum und Emmer-Compascuum rolle ich ins Dorf. Niederlande ist immer noch im Fußball-Fieber.

Fussballfieber

Fussballfieber

Fahnen liegen am Kanalufer. Wo steht mein Zelt? Beim Bauern. Etwas wehmütig habe ich es aufgestellt. Es ist die letzte Nacht im Zelt auf dieser Tour. Morgen werde ich mein Ziel in Kluse im Emsland erreichen. Hier wohnen Werners Eltern und er holt mich mit dem Auto ab.

 22. Juni 2014 – 2024 km in Zwilbroek/Niederlande

Mein Zelt steht in Zwilbroek. Geteilter Ort, es gibt auch Zwillbrock. Hier war ich heute schon. Habe mein Rad am Schild „Deutschland“ fotografiert. Die Barockkirche ist geschlossen. In der Nähe lege ich „2000“ aus Rindenmulch auf den Weg und fotografiere mich mit der kleinen Kamera auf dem Stativ. Eine nette Frau aus Borken nimmt mich mit meiner Kamera auf. Prima, jetzt habe ich ein noch besseres Bild…..

Zwillbrock: 2000 km

Zwillbrock: 2000 km

Mein letzter Eintrag war von Utrecht. Oder ein paar km davor. Zeitig rolle ich los. Auf dem Weg zwei Schwäne. Als ich ihre fünf Jungen gleich neben dem Weg entdecke, halte ich für ein Bild. So schnell habe ich noch nie die Kamera verpackt und meinen Schwertransporter gewendet, denn die beiden kommen mir flügelschlagend entgegen. Im Spiegel sehe ich, dass sie sich sofort beruhigen. Auf andere Radler reagieren sie gar nicht. Hat ihnen die Kamera nicht gefallen, oder etwa meine rote Jacke? Ich kurbele an ihnen zügig vorbei und sie beachten mich jetzt nicht. Radtour-EnglandBald bin ich in den ersten Wohngebieten von Utrecht. Nette Leute wollen wissen, ob mir der Vorort gefällt. Sie wohnen hier. Ich halte bei einem Bauern, der Kaffee und Kuchen in einem Bauwagen anbietet. Mit Äpfeln auf dem Gepäckständer geht es weiter. In einem Kanal liegen Hausboote. Auf in die City. Eine Brücke ist gesperrt. Ich suche eine andere. Zwei haben Treppen. Über die dritte komme ich ohne Probleme und fahre an der anderen Kanalseite zurück, um bloß nicht meinen Weg zu verlieren. Der Bahnhof ist eine Großbaustelle.

Bewachte Stellplätze in Utrecht

Bewachte Stellplätze in Utrecht

Davor gibt es einen riesigen bewachten Fahrrad-Stellplatz. Zuerst will ich ohne Stopp durch die Stadt, dann entdecke ich das alte Stadtzentrum. Decke mich beim Bäcker mit Brot ein und halte an einer Kirche.

Entdeckt in Utrecht

Entdeckt in Utrecht

Obwohl ich immer auf Ampeln achten muss, entgeht mir nicht das Straßenschild „Mecklenburglaan“. Trotzdem bin ich froh, als ich die Stadt hinter mir lasse und wieder am Kanal rolle. Die Landschaft ändert sich. Mehr Bäume, seltener Kanäle, weniger quakende Frösche. Mein Tacho meldet, dass die Batterie vom Sender fast leer ist. In Amerongen frage ich ein paar Jugendliche nach einen Radgeschäft. Sie erklären es mir und ich finde es gleich. Bester Service. Nach ein paar Minuten bin ich mit einer neuen Batterie auf der Piste. Als ich das nächste Mal mein Rad abstelle, merke ich, dass der Ständer vorn lose ist. Für diese Schrauben habe ich kein passendes Werkzeug. Nun brauche ich schon wieder einen Radladen und finde keinen. Doch auf dem Campingplatz in Wageningen Hoog habe ich einen netten Nachbarn. Er begutachtet mein Rad während ich dusche. Und spricht mich englisch an. Den Irrtum kläre ich auf. Er schraubt mir freundlicherweise den Ständer fest.
Als ich am Sonnabend Richtung Arnhem starte, werde ich rasant von einer nicht enden wollenden Gruppe Rennradfahrern überholt. An der nächsten Kreuzung Polizei und Einweiser. Einer fragt mich, wo ich hin will. Ich soll vorsichtig sein. Jan Janssen Classics. Rennräder und MTBs sind unterwegs. Vergleichbar wohl mit RTF in Deutschland. Sie sausen auf den Radwegen und kommen aus allen Richtungen. Zum Glück gibt es Richtungspfeile. So halte ich immer an, wenn ich woanders hin will und lasse die Raser passieren. Am Lenker haben sie Startnummern, aber nicht auf den Rad-Shirts. Viele grüßen mich und manche heben den Daumen.

Arnheim

Arnheim

Arnheim

Arnheim

In Arnhem sehe ich mich im Zentrum um. Der Ständer am Vorderrad ist leider nicht optimal befestigt und ich schiebe meinem Schwertransporter nochmal in ein Radgeschäft. Der Mechaniker versteht mein Problem sofort und korrigiert den Fehler. Auf einem Wochenmarkt kaufe ich Äpfel und Käse. Eine junge Frau wird von ihrem Vater im Rollstuhl geschoben. Sie kann sich auch selbst fortbewegen, indem sie eine Kugel mit dem Mund bedient. Ich muss ganz dicht an ihr vorbei. Sie ruft ängstlich ihren Vater, der sich kurz entfernt hat. Der Rollstuhl ist hinten voller Technik. Wie gut es mir doch geht. Und wie gern ich hier doch jede Steigung hoch kurbele. In Rozendaal führt der Weg vorbei an einem Schloss. Und schon bin ich im Nationalpark Veluwezoom.

Nationalpark Veluwezoom

Nationalpark Veluwezoom

Herrlicher Wald, Fingerhut und Farne zu beiden Seiten. Es geht ständig auf und ab. Der Weg ist asphaltiert. Vom höchsten Punkt, Posbank, hat man einen grandiosen Blick auf die Heide- und Dünenlandschaft. Nachtkerzen recken sich gelb blühend empor und verschönern die Landschaft zusätzlich. Viele Rennradfahrer machen Pause. Das Restaurant ist gut besucht. Motorradfahrer wollen wissen, ob meine Packsäcke wasserdicht sind.

Radtour-EnglandSie sind beeindruckt, dass ich hier mit dem Rad hoch gefahren bin. Ich fand es gar nicht schlimm. Und frage mich, wo die in meiner Karte beschriebene lange Steigung war. Hinter Dieren ist es wieder eben und ich komme gut voran. In Brummen warte ich mit deutschen E-Bikern, die bestimmt nicht älter sind als ich, auf die Fähre über die Ijssel. Sie waren schon in Wismar und lieben die Ostseeküste. Am Tag fahren sie etwa 40 km. Soll ich jetzt erzählen, dass ich über England hier bin? Mein Zelt kann ich in Vorden wieder günstig beim Bauern aufstellen.
Um 9 Uhr bin ich mit der Bäuerin verabredet. Zu Kaffee und Eis. Bauern-Eis. Kenne ich schon. Auch hier sehr lecker. Das war mein erstes Sonntags-Frühstück. Das zweite gibt es in Vorden. Hübscher Ort. Zwei Windmühlen, die ich fotografiere. Die Kirchentür ist offen. Messe. Ich gehe nicht rein, will nicht stören. In einem netten Lokal gönne ich mir ein Stück Apfelkuchen. In Barchem sehe ich ein Schild „Pannenkoeken“. Heute werde ich Niederlande verlassen. Außerdem ist Sonntag. Ich bestelle den Pannenkoeken. Es wird der letzte auf dieser Tour sein, stelle ich wehmütig fest. Eine Frau spricht mich an, will wissen, wie lange ich unterwegs bin. E-Biker rollen an zum Kaffee trinken. Dieser Pannenkoeken schmeckt besonders gut. Radtour-EnglandGut gesättigt kurbele ich nach Borculo. Ein freundlicher Mann beschrieb mir den besten Weg hierher. Mit fällt eine Zugbrücke auf, die ich fotografieren will. Schon wieder werde ich angesprochen. Der Nette fragt zuerst, ob ich noch genug Wasser habe. Dann stellt er die üblichen Fragen und schickt mich zu einer kleinen Schleusenanlage. Nur ein paar km, und ich bin in Zwilbroek an der Grenze. Ich rolle nach Zwillbrock. Nachdem ich meine Bilder von der 2000 auf dem Weg im Kasten habe, stehe ich vor einer Info-Tafel. Lese vom Flamingo-See. Kommt mir bekannt vor. Entweder ich habe davon gelesen oder jemand hat es mir erzählt. Ich kann gar nicht zu Ende lesen, da höre ich, ob ich mit meinem vielen Gepäck aus China komme. Manni aus Hamburg will es wissen.

Flamingos im Zwillbocker Venn

Flamingos im Zwillbocker Venn

Er hat ein Fernglas und will mir den Weg zu den Flamingos zeigen. Zuvor geht er noch mit mir zum Besucherzentrum. Es hat schon geschlossen. Eine Frau kommt, die nochmal aufschließt. Weil Manni (augenzwinkernd) behauptet, ich sei auf Weltreise. Ich bekomme mein Prospekt und schiebe meinem Schwertransporter mit Manni zu einem Beobachtungsturm. Manni war schon in China und Afrika Tiere beobachten. Nur noch nicht im Donau-Delta, wo ich schon Pelikane aufgenommen habe. Ich bin nun im Zwillbrocker Venn. Lachmöwen und Flamingos. Europäische Rosaflamingos und südamerikanische Chileflamingos. Wie kommen sie in diese Region? Seit Mitte der 1980er Jahre brüten sie hier und überwintern am Ijsselmeer und im Rheindelta. Vermutlich stammen die Tiere aus privater Haltung. Richtig geklärt ist ihre Herkunft jedoch nicht, weiß Manni. Mit seinem Fernglas entdeckt er ein Junges bei seiner Mutter. Ich kann es filmen und fotografieren. Traumhaft. Wie war das noch mit den Wundern? Ich konnte mich wieder drauf verlassen. Manni sieht es auch so. Er meint, ich passe in diese Welt. Und sollte ich keinen Campingplatz finden, soll ich zu seinem Wohnmobil auf den Parkplatz kommen. Da stehen noch mehr und ein Zelt dazwischen fällt bestimmt nicht auf. Ich bin in Deutschland. Campingplatz Fehlanzeige. Aber 800 Meter hinter der Grenze finde ich einen.

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