Allein nach Frankreich

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Allein nach Frankreich

Kleine Frau, viel Gepäck – 1600 km allein unterwegs

An der Weser

An der Weser

Werner muss arbeiten, und so packe ich allein die Radtaschen. Zelt, Schlafsack, Kocher und Fotoausrüstung dürfen nicht fehlen. Mein kleines Rad wird zum Schwertransporter mit Überbreite. Doch zielsicher steuere ich es von der Ostsee bis in die Vogesen. Besuche Freunde und Verwandte und entkräfte unzählige Male die Behauptung, dass ich als Frau allein Angst haben müsste.

Mein Kenntnisse im Reifen flicken kann ich kaum einsetzen, da hilfsbereite Männer wie gerufen zur Stelle sind. Immer wieder werde ich angesprochen: Von Neugierigen, Entsetzten – der vermeintlichen Strapazen wegen – und Bewunderern. Nach knapp vier Wochen bin ich am Ziel. Und ahne nicht, dass es noch hoch hinaus gehen wird…

Frankreich allein_Seite

 

Freitag 7. Juni, Wismar – Naturcamping am Salemer See – 62 km

Traumhaft. Ich sitze am See und schreibe. Das Abendlicht könnte schöner nicht sein. Vögel geben ihr Gratis-Konzert. Haubentaucher verschwinden mit einem vernehmlichen Geräusch von der Wasseroberfläche. Eine Ente gleitet fast lautlos aus dem Schilf. Mein Zelt steht versteckt hinter einer Hecke.

Zelten in Salem

Zelten in Salem

Seit Tagen packte ich meine Radtaschen ein und aus. Ließ immer mehr weg und trotzdem bringt mein Gepäck noch 34 kg auf die Waage. Na gut, jede Menge Essen ist dabei. Es wird also täglich weniger.
Mit meiner Cousine Christine tausche ich Bücher per Post aus. Christine wohnt in Eddersheim bei Frankfurt/Main. Irgendwann kam mir die Idee, ein ganz bestimmtes Buch persönlich abzuholen. Mit dem Auto kann das jeder. Ich will auf besondere Weise nach Eddersheim gelangen. Richtig reisen – nicht in Windeseile von hier nach dort. Es soll die erste große Tour mit meinem neuen Rad werden. Und wenn ich bei Frankfurt bin, möchte ich weiter nach Süden rollen. Zu Hans nach Besigheim. Wir lernten uns vergangenes Jahr in Ungarn kennen – als Radler, wie sonst. Von dort ist es nicht weit zu meinen Verwandten in Heimerdingen bei Stuttgart. Soweit mein Plan. Der Rest wird sich ergeben.
Um kurz nach 14 Uhr ging es los. Werner begleitete mich mit dem Rennrad. Wir waren ein unglaublich ungleiches Paar. Strafende Blicke trafen Werner am laufenden Band. Wie konnte er der kleinen Frau so viel Gepäck aufhalsen und mit dem federleichten Renner um sie herum tänzeln.

Unterwegs als ungleiches Paar

Unterwegs als ungleiches Paar

Elke, meine Chor- und Radfahrfreundin hätte mich gern auf dieser ersten Etappe begleitet. Doch ein Gipsverband mache den Plan zunichte. Ihr Mann Uli fuhr mit ihr nach Mühlen Eichsen. Zum Picknick an der Kirche. Er fing uns ab und Elke fiel aus allen Wolken. Uli, deine Abschieds-Erdbeeren schmeckten ausgesprochen lecker.
Kurz vor Roggendorf machte Werner kehrt. Eine letzte Umarmung plus ein paar Tränen. Nun war ich allein auf der Piste. Um 18.30 Uhr parkte ich das Rad an der Hecke und stellte mein kleines Zelt auf. Statt duschen bin ich eine Runde geschwommen. Auf der Bank am See brodelte das erste Teewasser und ich kochte das erste Essen.

Kochen am See

Campingküche am See

Ein Dauercamper erklärte, dass es an meinem Zelt Strom gibt. Er wollte mir einen Rasenteppich vors Zelt legen. Nett der Mann. Doch es lohnt sich nicht für eine Nacht. Ich düse doch morgen weiter. Kopfschüttelnd humpelte er zu seinem Wohnwagen.
Nach diesem ersten Rückblick sitze ich immer noch auf der Bank am See. Es wird dunkel und kühl. Wie ich wohl die erste Nacht allein überstehen werde?

Samstag 8. Juni, Salem – Westergellersen (Poecksche Zeltwiese) – 94 km

Die Nacht war recht kühl. Das Außenzelt ist auch innen nass. Gestern Abend machte ich mir ernsthafte Gedanken, wie ich die steile Ausfahrt hochkommen soll. Erst mal Taschen hoch schleppen? Schlafe darüber lange nicht ein. Mache mir sogar Gedanken, dass jemand mein Rad wegschleppen könnte. Was für ein Blödsinn! Dann muss ich an die Daheim gebliebenen denken. Mutter seufzte am Telefon, als ich mich verabschiedete. Ich gehe doch (noch) nicht auf Fahrrad-Weltreise! Nur ein paar km durch Deutschland! Und Sicherheit geht vor, das ist völlig klar. In der Pampa werde ich auch nicht zelten, ich habe es versprochen……

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Eine junge Frau packt morgens auch ihr Zelt zusammen. Sie ist mit einem etwas betagten Rucksack unterwegs. Das Zelt ist Marke Aldi und enorm schwer. Wir unterhalten uns über gute Ausrüstung. Bei Globetrotter hat sie sich bereits umgesehen und eine Wunschliste im Kopf. Genau wie ich will Ann-Christin dafür sparen. Sagenhaft, es gibt noch junge Leute, die ungewöhnliche Dinge drauf haben.
Weil wir recht lange quatschen, komme ich erst kurz vor 10 los. Die steile Ausfahrt schaffe ich dank Klick-Pedalen. Vorgeschmack auf die Hessischen Berge? Ich bin stolz auf die Steigerung. Letztes Jahr schaffte ich es mit weniger Gepäck hier noch nicht.
In Mölln, nach 16 km, mache ich die erste Pause. Stehe hinter einem Stand. Zwei Schlipsträger verteilen fromme Literatur. Der Aufsteller stellt die Frage: „Was würden Sie Gott fragen?“ oder so ähnlich. Komisch, mich quatschen sie nicht an, obwohl ich rüber schiele. Allein Rad fahrende Frau scheint den beiden suspekt. Mit deren Fragen kann wohl Gott nichts anfangen.
Ann-Christin empfahl, am Elbe-Lübeck-Kanal bis Büchen zu fahren. Doch ich entscheide mich für die Bundesstraße. Der Weg am Kanal ist sehr schmal. Mit meinem überbreiten Schwertransporter müsste ich bei Gegenverkehr anhalten. Ein Umweg wäre es auch. Der Radweg an der Hauptstraße ist oft durch dichtes Gebüsch von der Straße getrennt. Es fährt sich gut. In Breitenfelde halte ich beim Netto mit Bäcker. Mein Rad kann ich von drinnen sehen. Es steht zwischen zwei Mopeds. Die Fahrer hantieren an ihrer alten Schlitten und niemand interessiert sich für mein Gefährt. Ich trinke in aller Seelenruhe meinen Kaffee und verdrücke ein Brötchen. Vielleicht bilde ich es mir nur ein. Aber von anderen Radlern ernte ich bis jetzt verständnislose oder mitleidige Blicke. Niemand grüßt oder spricht mich an. Vermissen die einen Mitfahrer? In Schwarzenbek wird es anders. Ich frage eine junge Frau mit Kinderwagen nach dem Weg. Sie ist sehr freundlich und interessiert. Im nächsten Dorf steckt ein Stein im Profil. Ein anderer Radler ist sofort zur Stelle und bietet Hilfe an. Sein Neffe, 24 Jahre alt, radelt gerade nach Istanbul und er macht sich Sorgen. Rumänien wäre zum Beispiel so unsicher. Ich kann ihn besten Gewissens beruhigen.
Ein Rennradfahrer grüßt, ein anderer hebt sogar den Daumen. In Geesthacht erreiche ich die Elbe. Das Wasser brodelt in unglaublicher Lautstärke unter der Brücke aus dem Wehr.

Elbe bei Geesthacht

Elbe bei Geesthacht

Der Elberadweg, dem ich nun folgen will, ist nicht vom Hochwasser überflutet. An der Brücke fotografiere ich und ein Rennradfahrer fragt, ob er mir den Weg beschreiben soll. Nettes Gespräch. Schon nach 2 km hinterm Deich stehe ich vor dem ersten Zeltplatz. Viel zu früh. Er ist gerade 15 Uhr und 60 km sind Peanuts. Ein Radler mit Anhänger will hier übernachten und schaut sich interessiert meine Ausrüstung an. Ich düse weiter, will das herrliche Wetter nutzen. Drei Mal überhole ich ein älteres Pärchen. Sie lachen und wünschen mir gute Fahrt. In Laßrönne fehlt die Ausschilderung nach Winsen/Luhe. Eine nette Frau schickt mich auf den richtigen Weg. Das waren 5 km Umweg. Kein Problem. In Winsen fahre ich Richtung Salzhausen. Plötzlich eine Ausschilderung nach Westergellersen. Dort wohnen unsere Freunde Jette und Axel. Ich rufe an, sie sind zu Hause. Hinter Vierhöfen klingelt es hinter mir und ein Mann staunt, wie schnell ich mit meinem Schwertransporter unterwegs bin. Bald steht mein Zelt auf der Poeckschen Zeltwiese. Axel wollte gerade den Grill anschmeißen, einfach so, weil die Sonne lacht. Das war nun wirklich nicht abgesprochen………………

Sonntag 9. Juni, Westergellersen – Frankenfeld (Rittergut-Camping) – 97 km

Heute früh ist der Himmel grau. Der Wetterbericht versprach Sonne. Gegen 10.30 Uhr endlich gestartet. Jette hat es sich nicht nehmen lassen, ein Lunchpaket zu packen.

Abschied von der Poeckschen Zeltwiese

Poecksche Zeltwiese

Der Wind bläst von vorn, das kann ja heiter werden. In Oldendorf ziehe ich meine Jacke aus, die Sonne zeigt sich. Ich folge einer Ausschilderung nach Sodersdorf. Die Anstiege schaffe ich nur im Schneckentempo. Plötzlich bin ich an einer Kreuzung ohne Ausschilderung. Nicht in der Karte zu orten und kein Navi. Niemand weist mir den Weg. Nach Gefühl und Himmelsrichtung fahre ich nach links und entdecke bald erleichtert das Ortsschild. Irgendwo gibt es Tisch und Bank, ich verdrücke Jettes leckeres Lunchpaket. Käse-Baguette, Paprika mundgerecht und Ei. E-Bike-Radler kommen vorbei und staunen nicht schlecht, als ich an der nächsten Steigung hinter ihnen bin. Ich lasse eine Gruppe Freizeit-Radler vorbei und höre: „Das sieht aus wie Nordkap bis Sizilien.“ Bald nach drei rolle ich durch Dorfmark. Der Radweg holprig wie vor zwei Jahren, als wir aus Frankreich kamen. Hat der staatlich anerkannte Erholungsort kein Herz für Radfahrer? Nur Schilder „Radwegschäden“ als Rechtfertigung? Plötzlich dunkle Wolken. Es sieht nach Gewitter aus und hier gibt es einen Zeltplatz. Ich bin kurz davor, meine Etappe nach nicht mal 60 km abzubrechen, fahre aber weiter. Und komme heil davon. Der Wind pustet nun von der Seite und die Wolken verschwinden.
Irgendwo heftet sich jemand an mein Hinterrad. Soll das jetzt Windschatten fahren sein? Im Rückspiegel kann ich nicht erkennen, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Nach einer Weile überholt mich in junges Mädchen und fährt mir dabei fast in die Seite. In Walsrode stehe ich an den Schranken. Eine sehr dicke, unförmige Frau – sie kann kaum laufen – starrt mich erst an, dann lächelt sie. Ich komme mir wie eine Mücke vor. Vielleicht bedauert sie mich mit dem schweren Rad. Ein junger Mann steht mit seinem Rad – zwei kleine Taschen hinten – neben mir an einer Ampel und fragt mich irritiert, ob das alles mein Gepäck ist.
Da ich in Walsrode keine Ausschilderung nach Rethem finde, frage ich eine Frau. Sie beschreibt mir den Weg und fragt mich aus. Winkt mir hinterher und ihr Mann ruft „Respekt“.
Kurz vor Rethem entdecke ich einen Campingplatz. Nein, ich will weiter nach Frankenfeld zum Rittergut-Camping. Ich weiß, warum. Als ich über die Aller fahre, frage ich mich, ob der aus den Ufern geratene Fluss das Rittergut überschwemmt hat. Der Radweg verläuft hinterm Deich und ist befahrbar. Die Zeltwiese ist in der Aller verschwunden, aber auf der höher gelegenen Wiese finde ich einen netten Platz. Man erkennt mich sogar wieder. Bei schönstem Abendlicht stelle ich den Kocher auf den Tisch und genieße Soja-Geschnetzeltes mit Nudeln und Gemüse.

Rittergut in Frankenfeld

Rittergut in Frankenfeld

Essen aus der Tüte kann so lecker sein, besonders nach 97 km. Und Wildkräuter gibt es in Hülle und Fülle – Löwenzahn, Brennnessel, Giersch, Gundermann. Tolle Abendstimmung an der überschwemmten Aller, die ich noch mit der Kamera einfange.

Montag 10. Juni, Frankenfeld – Lahde (Weser-Camping) – 77 km

Erst nach elf komme ich los. Gestern Abend schaltete mein Gehirn ab. Ich konnte nichts notieren. Heute setze ich mich an den Tisch und schreibe. Der Frau vom Rittergut gab ich gestern meine Karte und sie hat sich bereits auf unserer Homepage die Wilkräuterseite angesehen. Ich erkläre ihr alle essbaren Kräuter, die hier zu finden sind und wir unterhalten uns recht lange darüber.
Ich muss mit Gegenwind kämpfen. Komme nicht gut voran und mein Rücken zieht. Rückenschmerzen sind im Sattel der Horror. Genau deswegen hätte ich beinahe das Rad fahren aufgegeben. Ich bin geliefert, wenn dieser Horror mich hier einholt. Dann kann mich Werner abholen und ich werde über meinen Plan schweigen. Was tue ich mir an. Warum sträube ich mich so beharrlich gegen die Alternative Couch mit Glotze? Oder Geld verdienen statt gegen den Wind nach Süden kurbeln? Ich will weder Rekorde brechen noch jemandem etwas beweisen. Doch ich will unterwegs sein, weil ich es liebe und dazu heute in der Lage bin. Und mir nicht eines Tages vorwerfen, meine Träume verschlafen (oder auf der Couch versessen) zu haben. Aus Feigheit, Bequemlichkeit oder Angst. Und weil mich am Ziel ein unbeschreibliches Glücksgefühl erwartet. Darauf bin ich heiß. Über diese Gedanken ist das Ziehen im Rücken gänzlich verschwunden.
In Nienburg finde ich einen Bäcker. Ein Mann setzt sich zu mir und fragt mich aus. Er war letzte Woche in Wismar auf dem Wohnmobilstellplatz. Besuchte das Hafenfest, vor dem ich flüchtete. Zum Abschied gibt er zu, mit seinem Schweinehund ein ernsthaftes Problem zu haben. Sein Rad läuft mit Akku. Im Radgeschäft Bohn lasse ich den Reifendruck prüfen. Ich frage eine Frau nach dem Weg in die Altstadt und fotografiere an der Kirche.

Nienburg/Weser

Nienburg/Weser

Dann führt der Weg endlich an die Weser. Die Piste ist gerade abgetrocknet. Der Radweg bleibt nicht lange am Fluss. Bis Estorf nehme ich die Bundesstraße. An einem Stand am Bauerhof kaufe ich Äpfel und ein Stück Melone zum Sofortverzehr. Die Verkäuferin ist ganz aufgeregt, als sie hört wohin ich fahre. Sie erzählt es allen Kunden und als ich losfahre, gestikuliert sie mit einem Mann, zeigt auf mich und winkt.
Jetzt fahre ich langsam, singe und fotografiere. Halte immer an, wenn ich Wildkräuter entdecke und lasse sie mir schmecken. Nehme mir Zeit, denn bis zum Zeltplatz ist es nicht weit. Als ich gerade einen Apfel esse, kommt eine junge Frau mit schwer beladenem Rad vorbei. Ihre Begleiterin hat kaum Gepäck und ruft im Vorbeifahren: „Sie will nach Schweden und Lappland.“ Als ich kurz vor Lahde bin, spricht mich eine Frau an. Sie erklärt mir den Weg zum Zeltplatz, bietet mir sogar ihr Gästezimmer an.
Auf der Zeltwiese stehen bereits einige Zelte. Ein Pärchen mit Tandem aus Dresden links neben mir. Sie empfehlen für morgen einen Zeltplatz in Rinteln. Die beiden haben Klapptisch und -stühle im Anhänger. Uwe zeltet rechts von mir. Er startete in Göteborg und ist mit sehr wenig Gepäck unterwegs. Sein Rad hat er aus Japan mitgebracht. Wir haben uns eine Menge zu erzählen. Zum Beispiel Negativ-Storys über die Bahn. Uwe schaut sich genau mein Rad an und will wissen, welch spezieller Akku in der Hinterradnabe steckt. Er sieht mich ungläubig an, als ich ihm von der Rohloff-Schaltung erzähle. Ihm ist suspekt, wie ich mein Gepäck ohne Unterstützung durch die Gegend treten kann. Doch er findet keinen Motor.

Sonnenuntergang an der Weser

Sonnenuntergang an der Weser

Dienstag 11. Juni, Lahde – Camping-Wohnpark Am Weserangerbad in Rinteln – 59 km

Heute früh in Petershagen vier lustige Rentner getroffen. Ich frage nach dem Weg. Sie fahren auch nach Minden, fragen mich aus. „Meine Güte, alle Achtung“ bekomme ich zu hören. Ich sause vorbei und die Truppe holt mich ein, als ich fotografiere. Einer ist so nett und nimmt mich mit meiner Kamera auf. Bald klebe wieder ich am letzten Mann. Eis wollen sie schlemmen. Dann sollen sie mal über Berlin zurück düsen, empfehle ich. Kaum bin ich auf der Weserbrücke, hält ein entgegen kommender Radler mit Gepäck an und fragt mich aus. Auch er ist beeindruckt.
Ein Kakao wäre jetzt nicht schlecht. Ich fahre zur Altstadt zum Bäcker. Hier war ich mit Werner nach Pfingsten. Die nette Verkäuferin kann sich sogar an uns erinnern. Es war sehr kalt und sie schickte mich in ein Geschäft zum Handschuhe kaufen. Als ich meinen Kakao trinke, fragt ein Mann, ob ich zum Training in der Muckibude war. Gerade will ich weiter, kommt eine geschminkte und nach Parfüm duftende Frau. Sie ist ganz irritiert, als sie meine Fracht sieht. Wie ich denn den Weg finde, und woher ich weiß, wo es Zeltplätze gibt. Sie hat wohl noch nie im Leben eine Karte gelesen. Meine Tour vergleicht sie mit einer beringten Taube, die ihr zugeflogen ist. Wie das Tier in die Freiheit entlassen und seinen Weg finden wird, so bin ich unterwegs. Die Metapher gefällt mir. Die Frau ruft mit den Worten „Das musst du dir ansehen“ eine Bekannte heran. Nun schütteln sie gemeinsam über mich den Kopf.
Hinter Minden überhole ich endlich den ersten Schwertransporter mit Überbreite. Gerhard kurbelt 40 kg durch die Gegend. Wir radeln gemeinsam durch den Weser-Durchbruch. Vorbei am Kaiser-Wilhelm-Denkmal.

Kaiser-Wilhelm-Denkmal bei Porta Westfalica

Kaiser-Wilhelm-Denkmal bei Porta Westfalica

Auf einer Brücke spricht mich ein einheimischer Radler an. Die üblichen Fragen. Allerdings nicht die Mutter aller Fragen, ob ich allein Angst habe. Er zeigt mir ein Storchennest. Ich hätte es nicht entdeckt.
Singend kurve ich weiter. Das Wetter ist optimal. Mein Kopf leert sich. Die Gedanken fliegen mit dem Fahrtwind in alle Himmelrichtungen. Auf dieser Tour bin ich für alles allein zuständig. Dass ich nicht durch Glas oder Löcher rolle, dass die Taschen ordentlich befestigt sind, muss auf andere Radler und Fußgänger mit Hund (mit und ohne Leine) achten, darf nichts stehen lassen………… Es funktioniert. Frau allein kommt gut zurecht. Jeden Tag werde ich beschwingter.
Neben mir zwei einheimische Radler. Wie kann es anders sein, die üblichen Fragen. Wolfgang ist über 70 und radelt durch die Berge. Alle Achtung. Er macht Musik und düst auch mit dem Motorrad umher. Spontan lädt er mich zum Eis ein. So sitze ich mit Wolfgang und seinem Kumpel mitten in Vlotho beim Italiener. Herbert hat Arthrose und weiß, dass vegetarische Ernährung und Rohkost die Schmerzen lindern. Er singt in einem Männerchor. Wolfgang spielt in einer Jazz-Band.
In Rinteln frage ich ein älteres Paar nach dem Weg zur Weserbrücke. Sie stellen die üblichen, aber erstaunlich, nicht die Mutter aller Fragen. Der Mann schätzt mich auf höchstens 35. Da klopfe ich mir auf die Schulter und gebe an, als Werner anruft. Auf dem Zeltplatz treffe ich Gerhard mit seinem Schwertransporter wieder. Wir beschließen, morgen gemeinsam nach Höxter zu rollen. Es dürften 100 km werden.

Mittwoch 12. Juni, Rinteln – Weser-Camping in Höxter – 101 km

Heute war ich um 7.30 Uhr startklar. Über der Weser hängt noch Nebel. Das Außenzelt ist nass. Mit Gerhard aus Biberach – er kurbelt von der Nordsee nach Hause – fahre ich Richtung Hameln. Die Sonne lässt sich nur spärlich blicken. Der Wind kommt von vorn. Trotzdem – es rollt, und rollt, und rollt. Die Weserufer sind ausgefranst vom Hochwasser. Der Radweg ist abgetrocknet und meist sogar gereinigt. Gutes Timing. Ich fahre heute nicht allein und werde auch nicht so häufig angesprochen. Mein Radel-Kumpel ist noch schwerer beladen als ich. Ein Mann ruft „Mein lieber Scholli“ und fragt, wie lange wir unterwegs sein wollen. Gerhard ruft „10 Wochen“. Ich kann mir nicht verkneifen, mit „Weltumrundung“ meinen Senf dazu zu geben. Den ganzen Tag begegnet uns nur ein Pärchen mit viel Gepäck.

Unterwegs mit Gerhard

Unterwegs mit Gerhard

E-Bikes sausen vorbei. Die meisten sind nur mit ein oder zwei Radtaschen bestückt. Bestimmt Regenklamotten. Und danach sieht es vor Holzminden aus. Der frische Wind vertreibt zum Glück die Wolken. Das Wesertal ist beeindruckend. Steile Felswände, wogende Kornfelder, roter Mohn, sanfte Anhöhen. Ein paar Mal müssen wir doch noch wegen überfluteter Radwege auf die Straße ausweichen. Kurz vor Holzminden rütteln wir über Schotterpisten eine Umleitung entlang. In Höxter finden wir hinter der Weserbrücke einen kleinen Zeltplatz.

Frankreich allein_Beitrag09

Im Wesertal

Heute war mein Testtag. Ich habe folgendes gegessen: Morgens vier Eßlöffel Müsli, bestehend aus Süßlupinenmehl, Hirseflocken, Sonnenblumenkerne, Kokoschips und Rosinen. Dazu eine Handvoll Wildkräuter (Vogelmiere, Löwenzahn, Gundermann, Brennnessel). Ich fuhr 101 km und habe in den paar kurzen Pausen nur vier Sesam- und Nussriegel und Kräuter vom Wegesrand gegessen. Das Wildgrün kaute ich lange, wie Kaugummi. Natürlich viel getrunken. Nicht müde, nicht schlapp – warum bin ich nicht noch zum nächsten Campingplatz gedüst? Irgendwann musste Schluss sein. Höxter war das Ziel. Nachdem mein Zelt stand, lief ich in den Ort und bestellte beim Bäcker Kakao, Brötchen und ein Stück Kuchen. Ausgehungert war ich immer noch nicht.
Hier stehen schon einige Zelte. Plötzlich kommt ein junger Mann im Cabrio angerauscht. Er baut sein Zelt ab, wollte eigentlich länger bleiben. Freundlicherweise zeigt er uns die Wetteraussichten im Internet. Morgen etwas kühler und nachmittags Regen. Wir checken gemeinsam den Zeltplatz in Kassel. Immer noch wegen Brandschaden geschlossen. Naja, zur Not gibt es die Jugendherberge. Das Cabrio saust los, der nächste Radler mit Gespann rollt an. Ein waschechter Schwabe, der auf meine Rohloff-Nabe deutet und mir ein E-Bike unterstellt. Da kann ich nur lachen. Rohloff-Schaltung hört der Typ das erste Mal in seinem Radlerleben. Nun muss er sich von einer Frau die noble Nabenschaltung erklären lassen. Er nimmt es locker. Fragt mich noch, ob er sein weißes Shirt mit der schwarzen Hose zusammen waschen kann. Und wie die Waschmaschine zu bedienen ist. Quatsch, Radler waschen mit der Hand und trocknen die Klamotten am Rad. Gerhard versorge ich mit Kettenöl und Lappen. Als Frau bin ich die Henne im Korb.

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