Deutschland – immer noch Gegenwind

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Deutschland – immer noch Gegenwind

Unsere Freunde Marion und Michael wohnen in Pampow, vier km hinter der Grenze. Sie erwarten uns.

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Zwischen Blankensee und Pampow gibt es das außergewöhnliche Ortschild „Pampsee“, das Kunstdorf. Unsere Freunde beteiligen sich an diesem Projekt. Bald entdecken wir einen alten Bauwagen, bunt beschriftet. Der Kunstkiosk verkauft Kaffee und Kuchen und Marion ist heute hier tätig. Sie entdeckt uns, ruft und wedelt mir den Armen. Was für ein Empfang in Deutschland. Wir stärken uns und quatschen. Es gibt im Pampow keine Gastronomie mehr und dieser Kiosk schließt zur Zeit diese Lücke. Hier entlang geht der Oder-Neiße-Radweg. Und Radler sind grundsätzlich hungrig.

Kunstkiosk in Pampow

Kunstkiosk in Pampow

Wir wollen unser Zelt aufbauen, doch Michael hat es sich nicht nehmen lassen, für uns schon im Gästezimmer Betten herzurichten. Nach dem Frühstück treten wir wieder in die Pedalen. Es ist heute nicht windig, es ist stürmisch. Sturm aus Westen, wo wir hin wollen. Da der Asphalt glatt ist, kann ich oft in Werners Windschatten fahren. Die Radwege sind gut ausgeschildert. Bald sind wir in Pasewalk. Hier wird der Himmel schon dunkel. Von dort geht es nach Strasburg und dann Richtung Friedland. Zum ersten Mal auf unserer Tour ziehen wir Regenjacken an. Der Wind haut uns die Tropfen ins Gesicht, vertreibt aber auch schnell wieder die Wolken. Vor Strasburg radeln wir durch ein Dorf namens Wismar. Der Fachwerkkirche täten ein paar EU-Mittel gut. Wir suchen in unserer Radkarte einen Campingplatz, nichts zu finden. Es taucht auch keiner aus dem Nichts auf. Ein paar km vor Friedland biegen wir wieder in einen Waldweg ab. Himmlische Ruhe. Nur die Baumwipfel rauschen im Wind. Und Kraniche schreien.

Mittwoch, 14. August – 89 km

Kein Förster kommt. Wir schlafen wie die Murmeltiere und verlassen früh unser Refugium. Wir sind keine drei km unterwegs, da taucht ein Campingplatzschild auf. Zu spät. Wieder Sturm von vorn. Und das geht über 60 km so. In Friedland halten wir zum Frühstück am Netto, mit Bäcker und Fleischerei. Wir holen Kaffee und Brötchen und schauen uns das Treiben am. Ein junger, tätowierter Mann – angetrunken mit Bierflasche in der Hand – schiebt einen Kinderwagen. Eine blondierte Frau ist dabei. Ein älterer Mann meint zu uns „schmeckt es?“ Der nächste Tätowierte fragt mich nach unserer Tour aus. Er fährt ja auch viel Rad. Danach sieht er allerdings nicht aus. Viele Leute sind zu dick. Fast jeder fährt mit dem Auto vor. Obwohl kaum jemand seinen Kofferraum richtig voll packt und wohl auch nicht weit weg wohnt.
Heute ist wieder Windschatten fahren hinter Werner angesagt. Ich kann den Blick nicht durch die schöne Mecklenburger Landschaft schweifen lassen. Ich starre auf Werners Hinterrad, habe die Hände an der Bremse. Und muss höllisch aufpassen, ihm nicht hinten rauf zu brettern. Einmal drückt mich der Seitenwind von links vom Asphalt. Auf diese Weise kommen wir mit unseren Schwertransporter trotz Sturm auf eine gute Durchschnittsgeschwindigkeit. In Stavenhagen erkundige ich mich in der Tourist-Info nach Campingplätzen.

Rast in Stavenhagen

Rast in Stavenhagen

Auf unserer Route Fehlanzeige. Bei dem Wind haben wir keine Lust auf Umwege. Ich bekomme die Telefonnummer der Jugendherberge in Teterow. Ein Anruf, und die Übernachtung ist gesichert. Ab hier wird der Sturm zu starkem Wind. Hinter Malchin kriechen wir die Anstiege der Mecklenburgischen Schweiz hoch. In Teterow ist die Jugendherberge gut ausgeschildert. Mein Name ist registriert. Auf der Wiese sind wir nicht die ersten. Ein anderer Radler kommt von Boizenburg und will in die Lausitz. Er war dienstlich mehrfach in Kenia und kennt sich dort aus. Wie immer, wir treffen bemerkenswerte Typen.

 

Donnerstag, 15. August – 82 km

Das Jugendherbergs-Frühstückbuffet hatten wir gar nicht erst gebucht und fahren in Teterow Richtung Marktplatz. Gleich drei Bäcker zur Auswahl. Wir entscheiden uns für den, wo am meisten los ist. Die nicht (mehr) arbeitende Bevölkerung ist zum Frühstück angerückt. Alte mit Rollator, Handstock oder Elektro-Rollstuhl und einige viel zu dicke, junge Frauen kommen vorbei, als wir draußen sitzen. Ein paar flotte, schlanke können wir auch ausmachen. Da Wochenmarkt ist, sind die umliegenden Dörfer auf den Beinen. Das entnehmen wir den Gesprächen um uns herum.
Wir machen uns auf den Weg nach Güstrow. An der 104 vermissen wir den Radweg. Zum Glück kein Gegenwind mehr. Nach zehn km fängt mein neues Reise-Rad vorn leicht zu wackeln an. Das kenne ich vom Trekking-Rad, wenn die Lowrider zu schwer beladen waren. Ich halte an und kontrolliere die Taschen. Alle fest. Das Vorderrad ist prall. Ich lange nach hinten, das Rad ist weich, aber noch nicht platt. Werner ist inzwischen weit vor mir und kommt zurück. Zum Glück ist der Straßenrand gemäht. Wir legen das Rad auf die Seite. Werkzeug raus, Bremse aushaken, Reifen runter – ohne das Rad auszubauen. In die Faltschüssel kommt der Inhalt meiner Trinkflasche. Sehr hilfreich, wir finden das Loch und können flicken. Zur Sicherheit nochmal den Schlauch ins Wasser. Keine Bläschen. Wir bauen zusammen. Als wir fast fertig sind, hält ein Auto mit Hänger. Der nette Mann könnte uns samt Räder mit nach Teterow zum Radgeschäft nehmen. Doch noch einer, der uns Hilfe anbietet. Nun ist mein Rad aber wieder fahrbereit.

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Kurz nach der Panne beginnt endlich ein Radweg, der ohne Unterbrechung bis Güstrow führt. Nach Bützow geht es über wenig befahrene Nebenstraßen. Die Stadt beeindruckt uns. Rathaus, Schloss, Kirche – alles schick. Richtung Neukloster suchten wir uns ruhige Nebenstraßen. Endmoränen rauf und runter. Den Großtessiner See sehen wir lange von oben. Nach gut 80 km sind wir in Neukloster am Campingplatz. Statt Dusche springen wir in den See. Zwei Radler mit Zelt sind schon da, zwei weitere kommen bald nach uns.

Freitag, 16. August – 29 km

Auf zur letzten Etappe. Ein paar Mal kurbeln, und wir sind in Wismar. Zielgerichtet steuern wir unser Radgeschäft an. Wir werden mit Kaffee bewirtet. Manche Kunden in unserem Alter kaufen Räder mit tiefem Einstieg oder E-Bikes. Ich jedoch habe gerade mein neues Reise-Rad mit Oberrohr eingefahren. 2104 km. Wir müssen erzählen. Weiter zum Markt, wo wir Bekannte treffen. Sie wissen von unserer Tour und wieder werden wir ausgefragt. Als wir schon hinter Wismar sind, sausen wir beinahe an unserer Freundin Rita vorbei, die am Radweg Brombeeren pflückt. Wieder Fragen beantworten. Unsere Nachbarin will gerade ins Auto steigen, als wir vor der Garage halten. Wir werden später erzählen. Jetzt erst mal ausgepacken, sortieren, waschen.
Bis es das nächste Mal heißt: Let´s radel!

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Woraus besteht der Mensch? Aus Körper, Seele und Pass. 

Russisches Sprichwort

 

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