Lettland – kein Elch im Storchenland

  • 0

Lettland – kein Elch im Storchenland

Montag, 22. Juli – 105 km

Wir kurbeln Richtung Kap Kolka, wo Ostsee und Rigaer Bucht aufeinander prallen. Die Straße   P 124, unsere Radpiste, verläuft parallel zur Küste. Zuerst grober Asphalt. Nach 25 km kündigt das Radhandbuch Schotterpiste an. Doch die EU hat einen edlen Fahrbahnbelag spendiert, glatt wie ein Kinder-Popo.

Schnurgerade und nagelneu

Schnurgerade und nagelneu

Schnurgerade zieht sich das Asphaltband durch den nicht enden wollenden Küstenwald. Selten eine Kurve, ab und zu Sumpf. Manchmal reichen Sanddünen bis an die Straße. Rainfarn, Rohrkolben, wilde Möhre, Königs- und Nachtkerzen und andere genügsame Pflanzen säumen die Straße.

Baltikum_Beitrag02

Um Abwechslung in das sture geradeaus radeln zu bringen, biegen wir in ein Dorf ab. Und finden nur wenige, weit verstreute Holzhäuser, die schon bessere Tage gesehen haben. Ladas rosten ohne Räder vor sich hin. Vielleicht ist die Entsorgung teuer. Auf der Straße sahen wir diese fahrbaren Relikte der Vergangenheit noch gar nicht. Im Gegenteil, überwiegend neue Autos flitzen umher. Wir versuchen es im nächsten Dorf, in Mirzene nochmal. Werner bittet auf dem kleinen Campingplatz um Wasser. Die Frau spricht bestes Deutsch und füllt uns gern die Flaschen. Wir finden einen kleinen Supermarkt und entdecken die Begegnungsstätte der Liven, einer hier im Kurland (Kurzeme) ansässigen Minderheit.
Weiter geht es durch den Wald und nochmals Wald, der nun Nationalpark ist und überwiegend aus Kiefern besteht, die sich mit dem Dünensand begnügen. Blaubeeren, Flechten und Moose, soweit das Auge zwischen die Kiefern reicht. Wenn ein Sumpf auftaucht, dominieren Moorbirken. Farne wehen im Wind und Weidenröschen wiegen dazwischen ihre knallfarbenen Blüten. Die Piste erklären wir zum breitesten Radweg der Welt. Ab und zu lassen wir gnädigerweise ein Auto vorbei. Tatsächlich überholen uns einmal fünf Autos hintereinander. Der Konvoi stört das gleichförmige Grillengezirpe und verscheucht den kleinen Vogel, der schon lange aufgeregt vor uns her schwirrt. Danach haben wir die Straße wieder für uns. 90 km und endlich offene See – Kap Kolka.

Die Brandung ist schon lange zu hören. Die Brecher von Ostsee und Rigaer Bucht krachen aufeinander und peitschen sich auf. Ungestümes Meer.

Kap Kolka

Kap Kolka

Hinter Kolka steuern wir den nächsten Campingplatz an. Die Dusche ist ein Holzhäuschen. Auf dem Dach befindet sich ein deformierter schwarzer Behälter. Es ist unklar, wie viel Wasser zur Verfügung steht. Ich springe ins Meer. Morgens sitzen auf der Toilette – wie die Dusche ein Holzverschlag – drei junge Schwalben auf dem Balken über mir. Ich hoffe, sie lassen jetzt nicht das auf mich fallen, was ich gerade nicht los werde. WiFi gehört zum Standard.

Dienstag, 23. Juli – 94 km

Über Nacht regnete es. Heute früh ist es bedeckt. Der frische Wind hat das Zelt fast getrocknet. Werner ist wie immer sehr früh wach und versucht eine ganze Weile vergeblich, mich zu wecken. Im Zelt schlafe ich immer tief und fest. Als ich endlich die Augen aufschlage, ist mein Tee fast kalt. Kurz vor neun sind wir startklar – für Werner gerade so akzeptabel – und rollen wieder die Küstenstraße entlang. Es geht wieder mal durch Wald, heute abwechselnd Kiefern- und dichter Mischwald. Erlen, Eschen, Ahorn und Birken fallen uns auf. Zwei Radler mit Gepäck kommen uns entgegen, grüßen freundlich. Woher die beiden stammen, erfahren wir leider nicht. Roja ist mit seinem überdimensionalen Ortsschild nicht zu übersehen. Zimmer werden an jeder Ecke angeboten. Hier lauert man auf Touristen. Wir werden vor einem Supermarkt von älteren Leuten angesprochen. Der Mann kann deutsch und möchte wissen, wo wir herkommen und wohin die Reise gehen soll. Als Werner einkauft, esse ich ein Stück Kuchen. Ein junger Mann geht vorbei und wünscht „Guten Appetit“. Woher wusste der, dass ich Deutsche bin? Sieht man uns das an? Wir könnten ja auch Holländer oder Briten sein. Aber nein, wir werden als Deutsche identifiziert.

Baltikum_Beitrag31

Hinter Roja führt die Straße dicht an der Küste entlang. Der Wald gibt oft den Blick aufs Meer frei. Auch die andere Seite ist nicht mehr dicht bewaldet. Bunte Wiesen sind eine willkommene Abwechslung zu Kiefern und Blaubeeren. In Kaltene halten wir am Strand. Ein Riff lockt Taucher an. Die See ist aufgewühlt. Schaumkämme bis zum Horizont. Mit Rückenwind rollen wir weiter. Bald wieder nur beidseitig Kiefern. Hinter Mersrags kurbeln wir zwischen Rigaer Bucht und Engures See. Der See war ursprünglich eine Lagune und ist heute ein Vogelschutzgebiet. Wir verzichten auf das Naturschutzgebiet und rollen weiter Richtung Tukums. Hinter Engure entfernt sich die Straße von der Rigaer Bucht und die Landschaft ändert sich schlagartig. Der Wald wird zu dichtem Laubwald. Teils nur Birken. Der Wald lichtet sich. Seen und Sümpfe und Hügel.

Lettland - Seenland

Lettland – Seenland

Hoch und runter geht es. Geändert haben sich auch die Bushaltestellen. Keine hübschen Wartehäuschen mehr, nur noch schäbige Bänke. Die letzten km werden anstrengend, zumal es nun regnet. Vor Tukums soll es laut Karte einen Zeltplatz geben. Wir finden die Ausschilderung und biegen rechts auf eine Schotterpiste ab. Nach ein paar km das nächste Schild, der Pfeil nicht eindeutig. Wir kurbeln weiter und landen im nächsten Dorf. Vom Campingplatz keine Spur. Also doch der Bauernhof am letzten Schild. Eine ältere Frau nimmt uns in Empfang. Sie spricht russisch und telefoniert rum. Das Zelt können wir aufstellen. Ich lasse mir die Toilette zeigen. Aus dem Waschbecken klaubt die Babuschka Essensreste. Seife, Papiertücher und Klopapier sind zu meiner Überraschung vorhanden. Naja, was soll´s, hier bleiben wir. Dann kommt die englisch sprechende Tochter. Nimmt uns 5 Lats ab und zeigt uns die Dusche. Die Sauna ist angeheizt und wir können schwitzen. Hier alles vom Feinsten. Ein Storchenpaar klappert und stolziert neben unserem Zelt über die Wiese. Schwalben schwirren wild umher. Im Teich quakt unverdrossen ein Frosch. Auf der umliegenden Weide blöken weiße Kühe. Wir sind doch in einer Idylle gelandet.

Mittwoch, 24. Juli – 108 km

Bis Tukums gibt es noch eine Steigung. 9 % steht auf dem Schild. Die Vegetation erinnert an ein Mittelgebirge.

Bei Tukums

Bei Tukums

Im Ort gibt es einen neuen Radweg. Vermutlich hat die EU bezahlt. Werner kauft in einem hochmodernen Supermarkt ein. Inzwischen unterhalte ich mich mit einer Frau. Sie lächelte mich an, ansprechen musste ich sie. So sind sie, die Letten. Die Initiative ergreifen sie nach unserer Empfindung nicht so schnell. Die Frauen in der Touristen-Info fragen sogar, woher ich komme und versorgen mich mit Karten. Ich zeige ihnen die Räder. Als wir später vorbei radeln, winken sie. Viel sehenswertes entdecken wir nicht und kurbeln weiter nach Jelgava. Rückenwind schiebt uns durch Felder und Wälder. Manchmal liegt Ackerland brach und es entstanden bunte Wiesen. Der Asphalt ist gut und Löcher sind ausgebessert. Wir kommen bestens voran. Störche staksen am Straßenrand. Wenn wir uns nähern, fliegen sie auf, umkreisen uns und landen wieder an der gleichen Stelle. Die Ortschaften bestehen oft nur aus wenigen Häusern. Alte Fabrikgebäude gammeln vor sich hin. Leider auch die schönen Holzhäuser, die nicht gestrichen oder geölt werden. Doch Autos sind anscheinend des Letten liebstes Kind. Nur zwei Ladas, gut gepflegt, sichteten wir. Ansonsten sieht man auffallend viele neue Skoda, teure Geländewagen und ältere Fahrzeuge, die gut in Schuss sind. Nichts mit klapprigen Rostlauben kurz vorm Zerbersten. Und Pferdekarren erst recht nicht. Handys klingeln in eine Tour – wie bei uns.

Ortsschild von Jelgava

Jelgava hat den Elch im Wappen. Wir sind also im Elchland. Vielleicht sichten wir endlich ein stattliches Exemplar. Die Stadt ist eine riesige Baustelle. Radwege sind bereits fertig. Wir halten an einem Einkaufszentrum. Hochmodern. Handyladen reiht sich an Handyladen und ein riesiger Supermarkt dominiert hier. Blumen, Kosmetik, Parfüm, Klamotten, Arzneimittel – alles gibt es für den, der bezahlen kann. Doch viele Habenichtse, meist volltrunken, warten auf ihre Möglichkeiten. Als Werner einkauft, umkreist mich ein Bettler, spricht mich aber nicht an. Als Werner erscheint, wird er mutig. Wir schieben weiter. Der nächste erhofft sich von uns Kohle. Hartnäckig werden wir immer wieder angebaggert, oder besser belästigt. Nichts wie weg hier. Ich habe nicht mal die kleine Kamera gezückt. Sonst hätte ich sie vielleicht nicht mehr. Wir atmen auf, als wir auf der Landstraße rollen. Bloß gut, dass wir Riga weiträumig umfahren haben. Jelgava hat gereicht.
Vielleicht erreichen wir noch Iecava. Der Asphalt ist teilweise eine Waschbrettpiste und zunehmend mit Löcher gespickt. Je östlicher, je schäbiger. Auch auf die Straßen trifft es zu. Campingplätze gibt es gar nicht mehr. Wir müssen uns nach einer anderen Bleibe umsehen. Bis hinter Iecava schaffen wir es. Hier rollen wir einfach auf ein Grundstück und fragen ein paar junge Männer, ob wir zelten dürfen. Klar dürfen wir. In zwei Häuser wohnen mehrere Generationen. Die Kettenhunde bellen sich heiser. Wir stellen unser Zelt hinter dem Gewächshaus auf, da geben sie Ruhe. Für den kleinen Jungen sind wir die Attraktion. Er saust mit seinem neuen Rad an unserem Zelt vorbei. Witzig, er muss uns sein Rad zeigen. Die Katze sieht sich bei uns um, ebenso der kleine Hund, der erst mal ordentlich kläfft. Die Babuschka schickt die Tochter. Wir verstehen nicht, was sie will. Dann kommt ein junger Mann und erklärt in bestem Englisch, dass wir uns an ihn wenden sollen, wenn wir Hilfe brauchen. Er fragt, ob wir Trinkwasser haben und bietet uns Kaffee an. Doch der bekommt uns abends nicht. Leider hat das alte Holzhaus, in dem die Babuschka wohnt, auch viel zu wenig Farbe gesehen. Schade. Es könnte noch so schön aussehen. Das Dach wurde notdürftig mit Dachpappe repariert und die Schornsteine drohen umzukippen. Doch die Grundstücke – wie auch hier – sind immer gut in Schuss. Für hübsche Gärten haben die Letten ein Händchen.

Lettland_Beitrag01

Donnerstag, 25. Juli – 65 km

Babuschka hat beobachtet, dass wir unseren Kram packen. Sie steht in der Tür, als wir vom Hof rollen. Ich rufe „Otlitschna, spaciba“, was russisch „Prima, danke“ heißt. Sie lacht und winkt. Um der drohenden Schotterpiste zu entgehen, rollen wir nach Iecava zurück, kaufen dort ein und nehmen die asphaltierte Straße nach Baldone. Wir kurven kreuz und quer und finden die durch den Ort verlaufende Schnellstraße nicht. Ein Rasenmäher-Fahrer hilft gern weiter. Gestern waren wir schon mal beim Maxima und heute finden wir nicht hin. Aldi, Lidl, Netto und die anderen alten Bekannten haben wir bisher nicht entdeckt. Nicht mal im großen Jelgava.
Werner kauft ein und ich traue draußen meinen Augen nicht. Aus Richtung Riga kommend kurbelt ein Radfahrer Marke Schwertransporter mit Überbreite und Hänger auf der viel befahrenen Schnellstraße. Er starrt in den Rückspiegel und sieht mich nicht. Ich schaue ihm hinterher, vielleicht will er auch einkaufen. Doch er saust weiter. Ich beobachte die Menschen. Schick und schäbig sind dicht beieinander. Manche Leute lächeln mich an, das kenne ich schon. Eine alte Frau schleppt sich gebeugt an Krücken vorbei. In Deutschland hätte sie einen Rollator. Leute, die schlecht laufen, sahen wir oft. Im Einkaufszentrum entdecke ich Toiletten. Klobrillen sind Luxus und Seife sowieso. In der Kafenijca nebenan werden wir von einer freundlichen jungen Frau bedient. Sie spricht gut englisch und redet gern mit uns. Als Sonderangebot bekommt jeder ein Stück Kuchen gratis. Auf dem kleinen Wochenmarkt in der nächsten Straße erstehen wir Äpfel, Tomaten und Gurken. Die alte Frau mit den Krücken hat es bis hierher geschafft.
Die Straße Richtung Baldone ist einigermaßen in Schuss. Wir kommen zügig voran. Gurken werden geerntet. Ein Schweinestall ist von weitem zu riechen. Felder sind so riesig wie ostdeutsche LPG-Felder, hier waren es Kolchosen. Vor Baldone biegen wir nach Süden ab. Zur Abwechslung gibt es Wälder. Oft sehen wir vereinzelte Kiefern, die viel Platz zum Wachsen haben. Vermutlich werden sie zu Möbelholz verarbeitet. Vielleicht stammt der Rohstoff unserer Möbel hier her, und das Holz wird nach Wismar verschifft. Holzlaster kommen uns immerzu entgegen. Die lettischen Autofahrer umrunden uns meist in angemessenem Abstand. Doch gerade brettert ein LKW mit Hänger gefährlich dicht vorbei. Werner weicht auf den Schotterstreifen aus. Zwei Radler mit gelben Ortlieb-Taschen kommen uns entgegen. Zuerst die Frau. Ich dachte schon, sie ist allein unterwegs. Doch dann entdecke ich den Mann. Wir winken uns zu. Auch hier wissen wir leider nicht, woher die beiden stammen. Ich nehme mir vor, anzuhalten, sollten uns nochmal andere Radler in die Quere kommen.

Lettland - Storchenland

Lettland – Storchenland

Wir passieren ein paar Dörfer und halten an den kleinen Läden, die immer Gasflaschen vertreiben. Ein Traktor Ford New Holland hält. Ziemlich neu und bestimmt finanziert. Die nicht mehr ganz so neuen Autos sind bei näherem Betrachten meist Klapperkisten. Holme durchgerostet, Spiegel notdürftig angeklebt und so weiter. Der deutsche TÜV hätte diese Karren längst zu Schrott erklärt. Porsche und SUV von der neuesten Sorte sind aber auch auf der Piste. Eine Frau, recht lumpig gekleidet, grüßt uns tatsächlich zuerst. Sie kommt mit einer riesigen Bierflasche daher. Einige Menschen sind fast überrumpelt, wenn wir sie in ihrer Sprache grüßen. Verdutzt erwidern sie meist unseren Gruß. Doch je weiter wir nach Osten kommen, je ärmer und schäbiger wird das Land. Und die Menschen sind aufgeschlossener. Ein junger Mann spricht mich sehr freundlich an, als ich mit der Karte hantiere. Ich verstehe nichts und wir reden englisch. Als wir an einer Bushaltestelle die Bank besetzen, hupt ein Kleinbus und der Fahrer hebt den Daumen und lacht. Wir kommen zu dem Schluss: Die Letten sind doch die Netten – allerdings auf den zweiten Blick.
An einem Waldweg steht eine hutzlige, alte Frau. Mit Kopftuch und Stock. Fehlt nur noch die Krähe auf der buckligen Schulter. Hänsel und Gretel sind anscheinend nicht weit. Welch seltsame Erscheinung für uns. Was ihr wohl bei unserem Anblick durch den Kopf geht? Werner entdeckt im Wald ein Haus. Daher kommt sie bestimmt. Es gibt viele vereinzelte Gehöfte. Und genau so viele Bushaltestellen, zwischen denen Kleinbusse verkehren. Die Häuser sind wie alles hier sehr gegensätzlich. Schick neben schäbig. Ungepflegte Holzhütten mit Asbest- oder Wellblechdächern und gegenüber eine nagelneue Villa mit glasierten Ziegeln. Manche Häuser sind geputzt, andere verklinkert. Größere Häuser haben teils erneuerte Fenster. Die Bewohner renovieren anscheinend selbst oder auch nicht. Oft stehen an den Häusern Namen statt Hausnummern.

Lettisches Namensschild

Lettisches Namensschild

Die einzeln stehenden Gehöfte schmücken ihre Zufahrten meist mit einem hübschen großen Namensschild aus Holz.

Ein Elch läuft uns nicht vor die Räder, dafür machen wir eine andere Entdeckung. Ein Storch stakst im Wald zwischen den Bäumen und stochert im Moos herum. Entweder gibt es dort tatsächlich Frösche oder er hat sich an andere Nahrung angepasst.

Störche haben den Wald erobert

Störche haben den Wald erobert

Oft sitzen Störche im Straßengraben. Wenn wir uns nähern, segeln sie vor uns über die Straße, drehen ein Runde und landen wieder an der gleichen Stelle. Teilweise segeln zehn Exemplare über uns. In Valle rollen wir nach dem Dorfladen zur Kirche. Sie ist verschlossen. Als wir wieder auf der Landstraße sind, stoßen wir auf eine Campingplatz-Ausschilderung. Kurz entschlossen halten wir hier nach 65 km. Wir sind gestern über 100 km geradelt, heute können wir getrost früher Schluss machen. Der Platz besteht aus mehreren hübschen Holzhäusern mit Angelsee. Der Boden ist klatschnass. Als wir zwischen den Häuschen auf dem Plattenweg radeln, spritzt Wasser hoch. Auf der Zeltwiese haben wir keine Chance. Wir dürfen das Zelt hinter dem kleinen Damm am See aufbauen. Auch nicht trocken aber besser. Wer hat hier dieser Objekt hingestellt? Mitten im Nirgendwo? Eine reiche Privatperson oder die EU? Das Sanitärholzhaus ist mit je zwei Toiletten und Duschen ausgestattet. Nicht getrennt nach Frauen und Männer. An der Toilettentür blättert die Farbe ab. Am See steht ein halb fertiges Haus, das Holz fast schwarz. Vielleicht gingen die Mäuse zur Neige. An einem größeren Haus verlegt ein junger Mann Holzbohlen auf der Terrasse. Sieht nach Biergarten aus. Verstehe es wer will.

Baltikum_Beitrag19

Freitag, 26. Juli – 90 km

Heute bellen uns zum ersten Mal Hunde an. Das erinnert doch sehr an Rumänien. Sie rennen uns zum Glück nicht hinterher. Zu unserer Rechten schlängelt sich der Fluss Dienvidsuseja. Der Name ist ein echter Zungenbrecher, wir können ihn bestimmt nicht richtig aussprechen. Die Tour führt durch ausgedehnte Moorlandschaften. Manchmal biegen sich Birken alle in die gleiche Richtung und drohen gleich abzuknicken. Beeindruckendes Panorama.

Lettland - Sumpfland

Lettland – Sumpfland

Weil es sehr warm ist und wir dringend Wasser brauchen, biegen wir von der Hauptstraße ab nach Nereta. Der kleine Ort ist Zentrum der Verwaltungseinheit Neretas novads. Freundlich grüßen uns Leute, die vor der Tür sitzen. An der Hauptstraße gibt es mehrere Läden. Wir parken unsere Räder und trauen unseren Augen nicht. Immer mehr Menschen tauchen auf. Wir haben den Eindruck, es hat sich rasend schnell herum gesprochen, dass ungewöhnliche Besucher im Ort sind. Alte halten sich an ihre betagten Drahteseln fest, Kinder sausen auf Räder heran, und die Jugend dreht mit heißen Maschinen vor uns eine Runde. Wir werden bestaunt wie im Zirkus. Ein Mann fasst sich ein Herz und spricht uns an, leider verstehen wir ihn nicht. Als unsere Einkäufe erledigt sind, schieben wir zur Kirche, die verschlossen ist. Plötzlich ist die Straße leer gefegt, die Menschen sind verschwunden.
Am späten Nachmittag taucht wieder ein pompöses Campingplatz-Hinweisschild am Straßenrand auf. Wir biegen ab auf eine staubige Schotterpiste und finden nur ein einzeln stehendes Natursteinhaus. Tatsächlich, ein winziges Schild weist das Grundstück als Campingplatz aus. Zum Glück mit Telefon-Nummer, denn niemand ist zu Hause. Ich zücke mein Handy und habe es mit einer jungen Frau zu tun, die gut englisch spricht. „Sorry, sorry“ sagt sie mehrmals. Wir sollen schon mal das Zelt aufstellen, sie würde ziemlich spät nach Hause kommen. Ein Sanitärgebäude suchen wir vergebens. Aus dem Wasserhahn kommt nur Wasser, das genau wie die Sümpfe stinkt. Gegen 21 Uhr rauscht ein Audi an. Zwei junge Frauen springen raus. Sie nehmen uns mit ins Haus. Zeigen zuerst den riesigen Trinkwasserbehälter und dann ihr privates Badezimmer.

Sonnabend, 27. Juli – 90 km

Baltikum_Beitrag22

Manchmal neu – häufig marode

Das Haus war über Nacht abgeschlossen. Wir konnten nicht zur Toilette. Dann eben der Waldrand. Erst als unser Zelt gepackt ist, geht die Tür auf. Es ist diesig und kühl. Alle Klamotten sind klamm. Weiter geht es Richtung Osten. Die Piste wird marode. Niemand bessert hier Löcher aus. Der Asphalt ist ausgefahren und zu den Seiten hoch gedrückt. EU-Finanzspritzen schafften es bis hierher nicht. Es ist hügelig und wir kommen nicht so gut voran wie gestern. „Nordtorf“ baut großzügig Torf ab. Kein Mensch zu sehen. Wir sehen das erste Mal eine Schaf- und Ziegenherde. Einzelne Tiere, auch Kühe und Pferde, sind angepflockt.
Wie aus den Nichts taucht, ohne dass eine Ansiedlung erkennbar ist, ein Laden auf. Wir besorgen Wasser. Aus einem Renault, der die besten Jahre hinter sich hat, steigen ein Mann mit auffälligem Goldzahn und ein etwa zehnjähriger Junge aus. Der Mann spricht uns an, wir verstehen nicht. Er begreift sofort, wo wir herkommen und redet deutsch. Ich erkläre ihm unsere Tour. Er erfragt die Tagesdistanzen und will wissen, ob wir im Zelt schlafen. Dann flitzt er zum Kofferraum und schenkt uns ein großes Glas Honig. Ich fotografiere uns mit der kleinen Kamera. Der Junge macht ein Bild mit dem Handy. Wir sollen Lettland in guter Erinnerung behalten. Eilig brausen sie davon.

Honig, damit ich nicht schlapp mache

Honig – damit wir nicht schlapp machen

Eine große Kirche, ev.-luth., taucht dicht an der Straße auf. Sie gehört zu Eglaine. Ein Auto steht davor. Vielleicht ist jemand drinnen und ich kann rein. Fehlanzeige. Ein deutscher Soldatenfriedhof aus dem ersten Weltkrieg verschwindet fast hinter einer Hecke. Die Namen in den kleinen Kreuzen sind gut zu lesen. Unteroffizier Hans Müller ist hier zum Beispiel beigesetzt. Werner zählt 107 Gräber.
Wir kurbeln weiter bis Ilukste, brauchen Lebensmittel. Hier finden wir einen gut sortierten Markt. Viele Besoffene torkeln umher. Zwei setzen sich auf die Bank, an der Werners Rad lehnt, während er einkauft. Sie sprechen mich an, ich kann nichts verstehen. Sie lassen es sein mit mir, zum Glück. Mir fällt auf, dass hier russisch gesprochen wird. Ich klappere alle Läden ab in der Hoffnung, ein Mitbringsel für unsere Tochter zu finden. In einem Geschäft gibt es Blumen, Wolle und Kuscheltiere. Der nächste Laden ist ein Fleischer. Dann entdecke ich ein Fotogeschäft, das auch Klamotten und Schuhe anbietet. Zwei kleine Baumärkte und das war es. Ich marschiere mit der Kamera lieber zu den Kirchen. Drei an der Zahl, bestens instand gesetzt. Zumindest von außen, denn sie sind verschlossen. Eine goldene Kuppel. Die erste orthodoxe Kirche, die wir entdecken. Alles hübsch bepflanzt. Als ob damit die Schäbigkeit ringsum ausgeglichen werden soll.

Orthodoxe Kirche in Ilukste

Orthodoxe Kirche in Ilukste

Da wir ausreichend Lebensmittel haben, entschließen wir uns Daugavpils zu umfahren. Ein Geschenk für unsere Tochter finden wir auch noch in Litauen. Die wenigen Lats, die wir übrig haben, verschmerzen wir. Das Problem ist, dass wir nun bis Litauen Autobahn (A-Straßen) oder Schotterpiste kurbeln müssen. Auf der Autobahn könnte es Ärger geben, wir biegen ab auf die 19 km lange Schotterpiste bis Medumi. Es ist immer noch ausgesprochen hügelig. Wir ackern die Hügel hoch und werden mit fantastischen Ausblicken belohnt.

Lettland - Seenland

Lettland – Seenland

Endlich ist die Landschaft abwechslungsreich. Nur die Piste verlangt viel Aufmerksamkeit. Wir halten oft an. An den Seen gibt es kleine Holzhäuser mit viel Vorrat an Feuerholz. Aber auch schicke Villen, versteckt im Wald. Für die Letten ist das hier eine ganz normale Straße. Mit Friedhof, einigen Gehöften und mehreren Bushaltestellen. Doch nicht zu fassen – ein Parkplatz mit einem Schild für Fahrräder: eine Stunde Parkzeit. Als ob wir es hier mit einem Radfahr-Highway zu tun haben! Was für ein Nonsens. Ich fotografiere das kuriose Schild und weiter geht es. Nach 15 km wird die Piste zu gutem Asphalt. Von Medumi bis zur litauischen Grenze ist es nicht weit. Nun müssen wir doch auf die unglaubliche Autobahn. Zweispurig, voller Spurrillen und Löcher. Daneben das Schild E 262 A 38. Wieder ein Foto wert. LKWs brettern vorbei.

Autobahn?

Autobahn?

Die Grenze ist bald erreicht. Den Bruch hätte man längst abreißen können. Kontrollen gibt es ja nicht mehr. Nach ein paar Hügeln sind wir in Zarasai. Wir brauchen litauisches Geld. Drei nette Frauen schicken uns zur Swedbank. Nur Sonnabend Nachmittag ist hier zu. Dann weiter zum Campingplatz. Wir fragen mehrmals und bekommen immer sehr freundlich Auskunft. Dieser Platz ist ein echter Campingplatz. Am See mit Zelten und Wohnmobilen. Die Rezeption ist nicht besetzt. Wir klingeln und niemand kommt. Ein junger Mann ist zur Stelle und ruft die Besitzerin an, die kurze Zeit später erscheint. Sie nimmt keinen Euro, nicht meine Kreditkarte, aber die lettischen Lats. Als Wechselgeld gibt sie uns Litas.
Wir sind von Nordwesten nach Südosten durch Lettland gerollt. Kein Elch hat sich blicken lassen.

ZURÜCK                                                                                                       WEITER                                      

Zur Fotogalerie KAP KOLKA LETTLAND


Leave a Reply

Kein Thema mehr verpassen?

das ist bisher passiert …

Kategorien