Litauen – Seen, Wälder, Robin Hood

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Litauen – Seen, Wälder, Robin Hood

Sonntag, 28. Juli – 59 km und Montag, 29. Juli – 73 km

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Ich finde keine Trinkwasserstelle. Doch als ich die Treppe zum See runter laufe, sitzt ein Mann vor einer Quelle und füllt mehrere große Flaschen. Ich bediene mich auch. Lecker und kühl. Hier versorgen sich viele Leute aus Zarasai. Wir fahren nochmal in den Ort und ich fotografiere für meinen Vater, der vor 15 Jahren hier tätig war, die neue Brücke. Sie führt im großen Bogen nach unten zum See. Das Geländer ist aus feinstem Stahlseil.

Neue Brücke in Zarasai

Neue Brücke in Zarasai

Dann kurbeln wir Richtung Ignalina zu Vaters Dolmetscherin Rima. Doch wir haben noch einige km vor uns. Die Strecke ist nicht gerade eben, immer wieder treten wir lange Anstiege hoch. Ein Flaschensammler überholt uns. Weil ein LKW von vorn kommt, eiert er an Werner rechts auf dem Schotterstreifen vorbei. Immer wieder hält er und bückt sich. Mit seinem einfachen Rad düst er ziemlich zügig die Steigungen hoch. Mit Rückenwind kommen wir gut voran und erreichen Dukstas. Der Kirchturm war von weitem zu sehen. Wir halten am ersten Dorfladen, der zweite ist gegenüber. Ich fotografiere wieder für meinen Vater. Von diesem Ort erzählte er oft. Wir wollen zur Kirche fahren. Es geht nicht bergan, aber ich kann kaum treten. Mit böser Ahnung halte ich an. Das Hinterrad ist platt. Also Flickzeug raus und das Rad auf die Seite gelegt. Im Reifen entdecken wir zuerst das Loch, ein spitzer Gegenstand steckt nicht mehr drin. So ist das Loch im Schlauch zügig geortet und geflickt. Ziemlich schnell können wir weiter fahren.

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Die erste Kirche in Litauen, und wie in Lettland verschlossen. Wir rollen zur Hauptstraße und nehmen die nächsten Hügel in Angriff. Die Straße führt fast nur durch Wald. Wildwechsel-Warnschilder und Zäune zu beiden Seiten. Aber auch hier kein Elch.
Kurz vor Ignalina sind einige Radfahrer unterwegs. Pilz- und Beerensammler. Wie abgesprochen holt uns Rima am Maxima ab. Sie wohnt in Girminiai, ein paar km außerhalb. Die Straße wurde mit EU-Mitteln vor ein paar Monaten asphaltiert. Ein Schild verweist auf eine Skipiste. Rimas Mann arbeitet in Vilnius und kommt erst am Freitag nach Hause. Laura, ihre jüngste Tochter lernen wir aber kennen. Es gibt leckeres Gemüse, eigene Ernte, und Schnitzel. Wie viele Litauer baut Rima zur Selbstversorgung zum Beispiel Tomaten, Paprika, Kartoffeln, Gurken und Himbeeren an. Die Supermärkte sind wie bei uns brechend voll, doch die Geldbeutel vieler Menschen ziemlich leer. Die Freizeit geht für die Selbstversorgung restlos drauf. Pilze und Beeren werden für wenig Litas aufgekauft.

Zu Besuch bei Rima

Zu Besuch bei Rima

Montag nach dem Frühstück packen wir ein. Radeln zur Swedbank, tauschen Geld und decken uns bei Maxima mit Brot ein. Wieder ist die Strecke sehr hügelig, die Steigungen sind jetzt kürzer und knackiger. Wir kommen durch Kaltanenai. Die erneuerte Holzkirche geschlossen.

Neue Holzkirche

Neue Holzkirche

Von außen alles vom Feinsten. Es gibt sogar eine Zufahrt für Rollstuhlfahrer. Gegenüber prangt ein EU-Projekt-Schild vor einer verfallenen Hütte.

Verfallene Hütte

Verfallene Hütte

Rätsel an jeder Ecke. Vor dem Dorfladen winken angetrunkene Männer. Der nächste Ort ist Labanoras. Laura erzählte, dass hier im Wald der Film Robin Hood mit Kevin Costner gedreht wurde.

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In Moletai dominieren Friedhof und die Kirche mit zwei Türmen. Anhalten lohnt sich nicht, wir geben es mit den Gotteshäusern nun auf. Als ich die Karte umdrehe, kommen zwei Männer und erklären uns freundlich den Weg zum Zeltplatz. Der jüngere hat einen langen Zopf. Beide sind ordentlich gekleidet. Der Campingplatz wird von einem Holländer betrieben. Entsprechend auffällig ist die Ausschilderung. Hinter Moletai geht es 10 km durch hügelige, offene Landschaft. Störche staksen über die Weiden, auf denen Kühe das Gras wieder kauen. In einer Kurve steht eine kleine orthodoxe Holzkirche mit Zwiebeltürmchen.

Kirche in Litauen

Orthodoxe Kirche bei Zalvariai

Bald kommen wir durch Zalvariai und der See mit der Apfelinsel liegt vor uns. Über die Holzbrücke erreichen wir den Campingplatz. Der Platz holländisch, das Sanitärgebäude litauisch, der Preis dazwischen. Ich springe in den See. Einfach herrlich.

Blick von der Apfelinsel

Blick von der Apfelinsel bei Zalvariai

Dienstag 30. Juli – 103 km und Mittwoch 31. Juli – 55 km

Wir starten zeitig und kurbeln die hügeligen 10 km bis Moletai zurück. Bei NORFA erstehen wir alle notwendigen Lebensmittel. Auch hier haben wir weder Aldi, Lidl noch andere uns bekannte Märkte entdeckt. Aber NORFA, Rimi oder MAXIMA sind brechend voll und modern wie bei uns. Die Strecke ist wieder hügelig, die Steigungen kurz und knackig.

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Es geht nicht mehr so lange durch Wälder. Kühe sind dicht an der Straße angeflockt. Manche sind so mager, dass sich die Rippen deutlich abzeichnen.
In Zelva halten wir in der Hoffnung auf kühle Getränke. Gleich drei Dorfläden auf einem Haufen. Doch in den Kühlbehältern ausschließlich alkoholische Getränke. Bier diverse Sorten, Radler aus Deutschland, unzählige Modegetränke. Ich kaufe lauwarmes Wasser. Neben einem Laden steht eine schiefe Kate. Der Giebel ist mit brüchigen, vermoderten Platten verkleidet. Die Fensterscheiben eingeschlagen. Wir sind fest davon überzeugt, dass hier niemand wohnen kann. Doch aus einer Hintertür kommt ein Mann. Er geht dicht an mir vorbei. Die Schnaps- und Schweißfahne haut mich fast um. Er steuert den nächsten Laden an, kommt mit einem Bier raus und verschwindet wieder in seiner Bruchbude. Schon oft sahen wir – wie schon in Lettland – Häuser, die unbewohnt wirkten. Doch wenn Wäsche auf der Leine flattert, haust hier jemand.
Die Straße wird sehr schmal und löchrig. Begegnen sich zwei breite Fahrzeuge, geht es in den Schotter. Manchmal fliegen uns Steine um die Ohren. In einem Dorf finden wir ein Café. Werner schaut rein und kommt angewidert raus. Es gibt nur Alkohol und alles starrt vor Dreck. Die Besoffenen davor hätten uns warnen müssen. Gegenüber das protzige Hinweisschild auf eine Tankstelle, die nur aus einer Blechhütte und ein paar Zapfsäulen besteht. Doch das „schwarze Brett“ ist eine wunderschöne Holzarbeit. Oben drauf ein geschnitzter Uhu.

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Eine Frau hängt ein Plakat auf. Als wir auf die Hauptstraße zurück wollen, lassen wir zwei Mähdrescher vorbei. Einer von Claas, nicht mehr neu. Dahinter ganz betagt ein Modell aus Kolchos-Zeiten. Mit kyrillischer Schrift.
In Ukmerge kauft Werner Wasser, das Zeug schmeckt widerlich. So leid es uns tut, wir schütten es weg und holen eine andere Sorte. Ein Mann spricht uns an. Er versteht zwar weder englisch noch deutsch, aber mit Händen und Füßen erklären wir unsere Tour. Er ist beeindruckt und hebt den Daumen. Hinter dem Supermarkt erheben sich Plattenbauten mit hässlichen Fassaden. An vielen Fenstern hängen Blumenkästen. Die meisten Leute sind gut gekleidet. Manche Frauen sehen richtig flott aus. Die Menschen geben sich Mühe, die Tristesse zu verschönern. Im Ort finden wir ein Café. Ich gehe in eine Drogerie und stelle fest, dass ganz viele Produkte unserer Rossmann-Kette angeboten werden. Aber Rossmann steht nicht dran.

Plattenbauten - Relikt des Sozialismus

Plattenbauten – Relikt des Sozialismus

Um nach Kaunas zu kommen, nehmen wir die A 6. Der Asphalt ist gut. Viele LKWs donnern an uns vorbei. Zum Glück gibt es einen etwas breiteten Seitenstreifen. Ein paar Mal retten wir uns in den Schotter. Nicht jeder Fahrer kann oder will wegen zwei Radfahrer ausweichen. Nach 35 km sind wir in Jonava. Erst finden wir nicht die Straße nach Kaunas und kommen in eine Plattenbausiedlung. Die Bauten übertreffen die von Ukmerge in Anzahl und Hässlichkeit. Dazwischen prangt ein rotes Velux-Schild. Einen glatten Radweg gibt es. Doch die Absätze sind für unsere Schwertransporter fast unüberwindlich.
Als wir umdrehen und eine andere Richtung einschlagen, gibt es auch schöne Gebäude. Ein neues Stadtplan-Schild hilft uns bei der Orientierung. Wir finden die Straße entlang des Flusses Neris und hoffen auf einen netten Platz für unser Zelt.

Neris kurz vor Kaunas

Neris kurz vor Kaunas

Doch das Ufer ist zugebaut oder wird von Anglern eingenommen. Es ist heiß, der Himmel verdunkelt sich. Ein Campingplatz tauchte den ganzen Tag nicht auf und hier wird erst recht keiner zu finden sein. Mutig steuern wir ein Grundstück an, auf dem ein Wohnwagen steht. Hier wird man hoffentlich unseren Wunsch nach einer Zeltwiese verstehen. Der Hausherr, etwa 30, spricht perfekt englisch. Wir dürfen uns auf seiner Wiese breit machen. Doch er schließt uns sein Holzhaus auf. Im Raum dominiert eine große Sitzgarnitur aus Holz. Links eine Sauna. Oben Bad und Bett. Er zeigt mir alles und nötigt uns fast, hier zu übernachten. Wir nehmen sein Angebot dankbar an, denn das Gewitter bricht los. Er bietet uns Handtücher, Kaffee oder Tee an. Einfach unglaublich. Er freut sich, uns zu helfen und bezeichnet uns wie selbstverständlich als seine Gäste. Wir sollen alles benutzen. Kneifen müssen wir uns, um das zu verstehen. Das Bett brauchen wir nicht, sondern rollen unsere Schlafsäcke auf dem überdachten Balkon aus. Hier schlafen wir wie die Murmeltiere. Es regnet die ganze Nacht.
Morgens erfahren wir, dass unser netter Gastgeber und seine Frau Zahnärzte sind. Sie fahren erst in ihre Praxis, nachdem sie uns, ihre Gäste, verabschiedet haben. Die Patienten können warten.

Asyl beim Zahnarzt

Asyl beim Zahnarzt im Holzhaus

Als wir starten, ist es noch bewölkt. Doch wir sitzen nicht lange auf den Rädern, da kommt die Sonne. Bis nach Kaunas sind einige Hügel und die viel befahrene Straße zu meistern. Zum ersten Mal in Litauen begegnen uns andere Radler. Die beiden Männer sind auf dem Weg nach Riga. Maik muss nach Hause fliegen. Der andere Radler – den Namen haben wir vergessen – hat schon eine weite Tour über Ungarn hinter sich. Er ist seit ein paar Monaten im Vorruhestand und hat viel Zeit.
In Kaunas übersehen wir ein Schild und landen nicht in der Altstadt, sondern in einem Gewerbegebiet. Hier wie überall uralt neben nagelneu. Wir drehen um und als wir in der richtigen Straße sind, treffen wir Jean Pierre aus Frankreich. Er hat 8000 km auf dem Tacho und kommt vom Nordkap. Zusammen kurbeln wir in die Altstadt und fragen uns zur Tourist-Info durch.

Burg Kaunas

Burg Kaunas

Ein älterer Mann erklärt mir den Weg auf russisch. Mehrmals betont er, dass er Litauer sei und nur freundlicherweise mit mir russisch spricht. Wir trinken mit Jean Pierre einen Kaffee. Der junge Mann im Straßenrestaurant fragt mich nach unserer Tour aus. Den Kaffee lässt er uns bringen. Jean Pierre verabschiedet sich. Er muss mal wieder dringend in ein Hotel. Sich selbst und Klamotten waschen.

Mit Jean-Pierre aus Frankreich

Mit Jean Pierre aus Frankreich

Recht hat er. Ob wir auch müffeln? Wir schauen uns eine Kirche an – hier sind die Gotteshäuser tatsächlich geöffnet – und schieben durch die Fußgängerzone. Ein Pärchen aus Berlin spricht uns an. Sie sind wie wir mit viel Gepäck und Zelt unterwegs, nur heute in Kaunas haben sie sich ein Hotelzimmer gegönnt. Sie radelten von Klaipeda an der Memel entlang und erklären uns den besten Weg, denn morgen wollen wir in diese Richtung. Nach einem kurzen Stopp an der Burg geht es zum Campingplatz. Gesponsert von der EU. Ungefragt bekommen wir an der Rezeption den WI-FI-Code. Ein kleiner Platz am See, der Naherholungsgebiet für die Großstädter ist. Einige Männer spielen Volleyball, am Strand viele Familien. Wie bei uns, könnte man meinen. Wären da nicht die kaputten Straßen.

Donnerstag 1. August – 73 km und Freitag 2. August – 74 km

Wir fahren wieder in die Altstadt. Die Straße hat die Qualität eines Schweizer Käses. Erinnert uns an Rumänien, nur dass diese Straße ein paar Dörfer verband, und nicht durch eine Metropole führte. In der Nähe vom Rathaus tauscht Werner Geld in einer heimischen Bank. Ansonsten scheint Litauen in fester Hand von SEB und Swedbank.

"Weißer Schwan"- das Rathaus von Kaunas

„Weißer Schwan“- das Rathaus von Kaunas

Eine breite Brücke führt über die Memel. Wir wollen auf der Südseite radeln, wie uns gestern die Berliner empfahlen. Zuerst kommen wir durch ein Wohngebiet. Wieder schick neben schäbig, doch schick überwiegt. Wir überqueren die Hauptstraße und folgen dem Radweg. Bald ist der Asphalt zu Ende und wir nehmen Schotter unter die Reifen. Lange gibt es keinen Blick auf den Fluss. Als er zu sehen ist, können wir die Aussichten kaum genießen. Wir starren nur auf den Weg, um nicht in ein Loch zu rutschen.

Schotterpiste entlang der Memel

Schotterpiste entlang der Memel

Irgendwann kommen wir an schicken Villen vorbei. Beste Lage, aber die Straße ist katastrophal. Als es kurz bergab geht, passiert es. Im losen Sand rutscht mein Vorderrad weg und und ich lege mich auf die linke Seite. Die Radtaschen schützen mich, doch mit dem rechten Knie donnere ich gegen die Flasche. Mein erster Gedanke ist, dass diese Reise hier und jetzt zu Ende ist. Mein Knie schmerzt höllisch. Ich hieve mein Rad aus dem Sand. Vor einer noblen Villa steht eine Bank. Hier bekommt mein Knie eine gute Portion Arnikagel und ich schlucke eine Schmerztablette. Wir müssen weiter, ich steige wieder auf mein Stahlross und beiße die Zähne zusammen. Irgendwie schaffe ich es in den nächsten Ort. Die Straße ist ab hier asphaltiert. Weiter geht es nach einer längeren Pause. Wenn ich eine Weile trete, lassen die Schmerzen nach. Wir wollen zur Fähre. Ein paar km Schotter drohen uns laut der Karte noch. Plötzlich tauchen zwei Radler auf, ein Pärchen aus Bonn. Die Schotterpiste ist inzwischen asphaltiert und die Fähre gibt es tatsächlich. Die beiden haben Rückenwind, ich muss mich auch noch gegen den Wind stemmen. An der Fähre kühle ich mein Knie mit Memelwasser.

Memel bei Vilkija

Memel bei Vilkija

Als wir drüben sind, setzen wir uns auf eine schattige Bank. Mein Knie bekommt wieder Arnika. Eine junge Familie mit zwei Töchtern, etwa fünf und ein Jahr alt, sitzt auf einer Decke. Sie sind wie wir mit Rädern unterwegs. Die Mädchen laufen umher, der Vater tobt mit der Kleinen. Die Große fährt schon selbst, die Kleine kommt in den Hänger. Ich bewundere sie. Diese Kinder lernen das andere Leben kennen. Ob sie so weiterleben, darauf haben die Eltern keinen Einfluss. Aber sie geben ihren Kindern viel mit, wovon die meisten Kinder nie etwas erfahren.
Wir kurbeln weiter gegen den Wind, der noch zunimmt. Ich bin froh, dass ich überhaupt treten kann. Auf den Tacho mag ich gar nicht schauen, es geht zu langsam voran. Immer wieder tauchen schöne Kirchen am Hang auf, und links darf die Memel in ihrem naturbelassenem Bett Richtung Ostsee strömen.

Memel mit Sandbuchten und Überschwemmungwiesen

Memel mit Sandbuchten und Überschwemmungswiesen

Bis zum nächsten Campingplatz werde ich es schaffen, und wenn es im Schneckentempo ist. Plötzlich eine Campingplatz-Ausschilderung in Roudone. Wir biegen ab. 12 % Steigung. Ich schiebe mein Rad hoch, treten ist nicht drin. Ein Pferdekarren kommt uns entgegen. Das arme Tier kann den Wagen kaum halten. Die beiden Alten hätten ja auch neben her gehen können. Vielleicht sind sie auch nicht mehr in der Lage, den steilen Berg runter zu laufen.
Unglaublich, ich entdecke das Campingschild und am Giebel steht „Gasthaus“. Die Frau spricht deutsch und will uns am liebsten ein Zimmer verkaufen. Doch wir stellen unser Zelt auf die Wiese. Mein Knie wird dick, als ich nicht mehr kurbele, richtig spitz. Wir schneiden von einer Socke die Spitze ab. Wieder dick Arnika, ein Taschentuch und die Socke drüber. Die Toilette ist ein Bio-Klo, stinkt aber nicht. Die Hände können wir uns in der Küche an der Spüle waschen. Hier gibt es einen Seifen- und Desinfektionsmittelspender. Die Dusche ist die private in der Sauna. Wir schlafen gut und morgens ist das Haus abgeschlossen. Das waren die anderen Gäste. Verständlich. Aber zum Klo können wir wenigstens. Irgendwann geht das Haus auf.
Wir kurbeln zuerst zur Schlossburg. Dieses historische Gebäude hat was mit den Prussen zu tun. Die Fenster sind neu und gerade wird der Rasen gemäht. Weiter geht es auf der Hauptstraße. Der Wind bläst unverändert von vorn. Ein Kirchturm weckt unsere Aufmerksamkeit. Gegenüber steht ein alter Mann mit Sichel im Arm am Zaun. Er spricht uns an. Woher wusste er nur, dass wir Deutsche sind? Ein paar Brocken kann er noch. Die Russen sind schlecht, verstehen wir. Dass wir dorthin wollen, verschweigen wir lieber. Ich darf ihn fotografieren.

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Wieder auf der Hauptstraße biegt ein Radweg direkt zur Memel ab. Der Weg ist herrlich und führt nach Jurbarka. Bei NORFA erklärt mir ein Mann auf meiner Karte, dass wir unbedingt nach Klaipeda und Palanga fahren sollen. In der Tourist Info – den Weg erklärt uns ein junger Mann – ist eine Gemanistin beschäftigt. Schade, dass die junge Frau hier nur krampfhaft auf deutsche Touristen wartet, um deutsch sprechen zu können. In Deutschland war sie noch nie. Es ist ihr großer Traum.
Bald ist die Memel die Grenze zu Russland. Wir biegen in ein Dorf ab, Smalininkai. Sehr beschaulich. Es gibt ein Museum, Schulen, und eine Pension mit Zeltwiese. Im nächsten Dorf spricht uns ein Mann vor dem Dorfladen an. Seine Mutter ist Deutsche. Die Tochter lebt bei Bonn und die Enkel sind dort geboren. Er meint, wir wären sehr sportlich. Montags will er immer anfangen abzunehmen, grinst er. Dann springt er in sein Auto und am nächsten Montag wird es wieder nichts mit abnehmen. Langsam wird es Zeit für einen Zeltplatz. Nach zwei Stunden fragen wir an einem Grundstück mit Wiese. Eine ältere Frau versteht uns nicht und holt die Nachbarin. Sie hat kaum noch Zähne. Kapiert, dass wir eine Übernachtung brauchen. Sie malt in den Sand, dass wir der Straße folgen sollen. Das machen wir auch und sprechen einen jungen Mann an. Er kann englisch und schickt uns zu einem Hotel. Dort weist man uns ab. Kein Zimmer und zelten auf der frisch gemähten Wiese nicht möglich. Die Frau sieht wie eine Alkoholikerin aus, riecht aber nicht. Wir fahren weiter und beschließen, vom Jedermannsrecht Gebrauch zu machen. Doch vor einem Haus stehen mehrere Leute, alte und junge. Wir halten an und ich frage eine jüngere Frau, ob sie englisch spricht. Nein, aber sie holt eine, die es kann. Die übersetzt dem Hausherrn unseren Wunsch und wir bekommen sofort einen Platz zugewiesen.

Kurz vor der Grenze zu Russland

Kurz vor der Grenze zu Russland

Für ein paar kleine Jungs sind wir die Attraktion. Einer traut sich uns anzusprechen. Wir brutzeln Spiegeleier. Die Leute sitzen hinter einer Hecke und essen. Plötzlich kommt ein junger Mann mit einer Wodkaflasche und Schnapsglas. Er kann deutsch und erzählt, dass er vor 12 Jahren in Deutschland gearbeitet hat. Seine Mutter wird heute 69 und deshalb wird hier gefeiert. Wir trinken mit ihm auf das Wohl seiner Mutter. Den ersten Schnaps trinkt er, den zweiten bekommt Werner, der dritte ist für mich. Noch zwei Mal kommt er mit der Buddel. Der Wodka ist ausgezeichnet und brennt nicht. Dann zeigt er mir eine Toilette hinter dem Stall. Den Kettenhund soll ich weiträumig umrunden. Plumsklo, sauber und mit Klopapier. Ein älterer Gast, der Nachbar, sucht krampfhaft nach deutschen Worten. Ihm fällt nur „Guten Morgen“ ein. Es ist 22 Uhr. Der Junge korrigiert ihn. Gelächter auf allen Seiten.

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