Polen – Wo geht’s denn hier zum Campingplatz?

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Polen – Wo geht’s denn hier zum Campingplatz?

Polen ist ein Quantensprung nach oben. Das Land bewirtschaftet und nicht einfach brach.

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Die Fassaden freundlich und die Menschen sowieso. Wir fahren nach Bartoszyce (Bartenstein). Es gibt Radwege, die zur Straße abgesenkt sind. Ein Stadtplan an einer Kreuzung erleichtert die Orientierung. Wir finden die Tourist-Info. Natürlich gibt es zum Beispiel die Stadtgeschichte in deutsch. Im Stadtplan finde ich einen Zeltplatz am See. Man versichert mir, dass er geöffnet ist. Schnell sind wir an der Badestelle, doch ein Zeltplatz taucht nicht auf. Ein Mann schickt uns in eine Gasse, rechts sollen wir suchen. Wir treffen jedoch nur einen Mann, der die Hecke schneidet. Er ruft seinen Sohn, der englisch spricht. Der Campingplatz existiert schon lange nicht mehr. Aber der junge Mann zeigt uns auf dem Stadtplan drei günstige Unterkünfte. Wir steuern die erste an. Ein Gästehaus mit Garten. Niemand öffnet, als ich klingele. Ich rufe die angegebene Nummer an. Der Pensionsbesitzer verspricht uns ein Doppelzimmer und macht sich auf den Weg. Ich kann mir ein Zimmer aussuchen. Er besorgt vom Nachbarn den Garagenschlüssel, dort werden die Räder sicher abgestellt. Als er mitbekommt, wie wir unterwegs sind, fährt er nach Hause und holt uns zusätzliche Handtücher. Erklärt uns noch, dass der nächste Supermarkt gleich um die Ecke ist. Ach ja, Lidl haben wir schon gesehen. Der Mann ist rührend. Wir Dreckspatzen und unsere mistigen Klamotten sehen endlich Wasser und Seife. Auf dem Balkon gibt es sinnigerweise eine Wäscheleine.

Dienstag, 6. August – 66 km

Heute nehmen wir die Straße 51 nach Lidzbark Warminski (Heilsberg/Ermland), die durch landwirtschaftlich geprägtes Gebiet verläuft und recht stark befahren ist. In einem Dorf kaufen wir kalte Getränke. Im Dorfladen gibt es ein Regal mit Aspirin und anderen gängigen Medikamenten. Also Mini-Apotheke. Eine alte Frau geht auf einen Stock gestützt vorbei. Ihr graues Haar ist zu einem Knoten gebunden und die Brille hat sehr dicke Gläser. Als ich in der Kirche fotografiere, folgt sie mir. Lacht mich an und setzt sich. Die Kirche ist ein Schmuckstück. Innen wie außen. Am Straßenrand fallen uns Marienschreine auf. Meist liegen Blumen unter dem Bild. Die Holzkreuze hätten manchmal Farbe nötig.

Kirche in Ermland

In Lidzbark halten wir an einem Kebab-Imbiss. Die nette Verkäuferin spricht gut deutsch. Sie war sechs lange Jahre in Baden-Baden als Altenpflegerin tätig. Zwei Monate Deutschland, zwei Monate zu Hause. Sie nahm das auf sich, um ihren Töchtern das Studium finanzieren zu können. Auf dem Stadtplan zeigt sie mir, wie wir zur Tourist-Info kommen und wo wir Rossmann finden. Das junge Mädchen in der Information kann kein Wort englisch und nur bruchstückhaft deutsch. Ein Campingplatzverzeichnis von Polen hat sie nicht. Rossmann ist nicht weit. Ich marschiere mit meiner Kamera rein. Drucke Bilder, die ich als Postkarten verschicken werde. Der Drucker ist extrem langsam, aber die Bilder sind von guter Qualität. Eine Quittung spuckt der Drucker nicht aus. Die Bilder werden an der Kasse abgezählt. Eine Bilderhülle gibt es nicht. Ich bin trotzdem zufrieden.
Wir suchen die Straße nach Orneta (Wormditt). Ein Busfahrer kennt sich aus und schickt uns in die richtige Richtung. Der Asphalt ist löchrig und bei der Hitze extrem weich. Die Reifen kleben regelrecht am Belag fest. Wir quälen uns die Steigungen hoch. Für den dringend notwendigen Straßenneubau gab es EU-Gelder. Immer wieder kommt eine Ampel und mehrere km ist die Piste einspurig. In Ignalin halten wir am Dorfladen. Besoffene Männer labern in Hörweite. Zwei laufen, oder besser schwanken mit Bierbuddeln vorbei.

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Ein Alter torkelt vor uns in die nächste Baustelle. Ignalin hieß zu ostpreußischen Zeiten Reimerswalde. Gelesen auf einem Plakat mit der Ortshistorie. Wir quälen uns von Baustelle zu Baustelle und halten wieder an einem Dorfladen. Ein verschwitzter Straßenbauer kommt mit Eis aus dem Laden, lacht und wünscht uns gute Reise. Die Bushaltestelle hat russischen Charme. Oft ist der Asphalt bereits abgeschliffen. Lieber etwas uneben als klebrig. Ziemlich kaputt landen wir in Orneta. Hier kann man auch von schick neben schäbig sprechen. Dieser Ost ist mit Lidzbark nicht zu vergleichen, wo alles sehr gepflegt daher kommt und die Burg der Bischöfe von Ermland das Stadtbild dominiert. Warum das so ist, werden wir bald erfahren.

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Uns bewegt wieder die Schlafplatzsuche. Wir wollen uns ein stilles Plätzchen in der Natur suchen. Da taucht plötzlich ein Campingplatz auf. Wir stehen an einem überdachten Bierausschank mit Wiese und Teich. Sieht alles nett aus, nur niemand ist da. Ich rufe die angegebene Telefonnummer an. Der Mann spricht sehr gut deutsch und ist auch gleich zur Stelle. Alles ist fertig, nur nicht das Sanitärgebäude, deshalb müssen wir auf die Dusche verzichten. Der Besitzer hat lange in Deutschland gearbeitet und ist erst seit ein paar Jahren wieder in seiner Heimat. Er erzählt uns, dass der Ministerpräsident von Masuren aus Lidzbark stammt und deshalb dort so viel Geld hin fließt. Die Straße sollte längst fertig sein, doch es wurde drei Mal geplant. Die Grünen wehrten sich gegen das Abholzen der Bäume. Nun gibt es einen Kompromiss. Jedes Mal bekamen die Direktoren Prämien, und nicht zu knapp. Alles von EU-Geldern. Und kein Meter Straße war bis dahin neu. Deutschland lässt grüßen. Der Campingplatzbesitzer hat sich erlaubt, als Kleinunternehmer einen Antrag auf EU-Gelder zu stellen. Für das Sanitärgebäude und einen Wohnmobilstellplatz. Zu seinem Mut gratulieren wir ihm. Und hoffen das Beste.
Kaum steht unser Zelt, rücken weitere Radler an. Ein Pärchen aus Polen, vermutlich Studenten. Sie begrüßen uns mit Handschlag und stellen sich vor. Die beiden kurbeln an der Ostseeküste und kamen heute aus Elblag. Wir erzählen von der „terrible road“ ab Lidzbark. Übrigens gibt es zwischen Lidzbark und Orneta eine neu ausgebaute Radroute auf einem alten Bahndamm. Wir wussten es nicht. Und in der Tourist-Info in Lidzbark verlor man kein Wort darüber. Naja, wie auch. Das Mädel konnte nicht mal drei Worte englisch.

Mittwoch, 7. August – 59 km

Heute ab nach Elblag (Elbing). So schlecht wie hier in Polen waren die Landstraßen nicht mal in Russland. Erinnert uns an Rumänien. Schweizer-Käse-Qualität. Wir umkurven Loch um Loch und können die schöne Landschaft kaum genießen. Es ist hügelig. Manche Felder sind gemäht, woanders wogt das Korn im Wind. Heuballen liegen verstreut auf den Stoppelfeldern. Ab und zu ein Waldstreifen. Uns ist völlig unverständlich, dass auf schlimmsten Asphalt oft ein kurzes Stück gute Piste folgt. Manchmal nur ein paar Meter, man sieht schon wieder die Katastrophe nahen. Wer vorfährt, muss den anderen vor Löcher warnen. Sonst kann man nicht hintereinander fahren. Einmal überholt uns ein Mähdrescher. John Deere. Und noch ziemlich neu. Das Vorderrad schiebt sich an mir vorbei. Es überragt mich. Nichts für schwache Nerven. Wenn noch so ein Geschoss kommt, halte ich an. Den Schwung aus den Abfahrten können wir kaum nutzen für den nächsten Hügel. Die Löcherpiste zwingt uns laufend zum Bremsen. Wir kommen nicht voran wie geplant. In einem größeren Dorf besorgen wir kühle Getränke. Gleich vier Läden auf einen Haufen. Viele Leute kommen einkaufen. Zu Fuß, mit dem Rad, mit dem Auto. Eine kleine, rundliche Frau schiebt einen Kinderwagen. Das Bild von den schönen Polinnen finden wir hier nicht bestätigt. Die Frau trägt eine kurze Hose und ein enges Oberteil, es sieht aus wie Unterwäsche. Ein älterer Mann spricht uns an, wir verstehen ihn nicht. Er geht lachend weiter. Im nächsten Dorf fegt eine alte Frau vor ihrem Haus. Als sie uns sieht, lacht sie los und hält sich schnell die Hand vor den zahnlosen Mund. Vor Schreck kann sie unseren Gruß nicht beantworten.

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Die Kirchen sehen alle gut aus. Zumindest von außen. Wir halten nicht immer. Unsere Karten sind von Reise-Know-How. In der Lettlandkarte war jedes noch so kleine Kaff verzeichnet. In Litauen wurde es schon lückenhaft. Hier ist es nicht anders. Wir fragen uns, wieso es ein Dorf in die Karte schafft und das nächste nicht. Vielleicht hätten wir doch Karten vor Ort besorgen sollen.
Kurz vor Elblag knackt es an Werners Rad. Eine Speiche am Hinterrad ist der Übeltäter. Ab in den Schatten. Die Reparatur gelingt, des Rad läuft wieder rund.

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Kurz vor Elblag wird die Piste gut. Zum Glück, denn wir rollen eine mehrere km lange Abfahrt runter.
Werner hat wieder mal kein Rasierzeug bei und will die Frigaros unterwegs testen. Schnell wird Werner seinen 18-Tage-Bart los. Ein anderer Kunde spricht deutsch und erklärt uns den Weg in die Altstadt. Zuerst kauft Werner im Supermarkt ein. Ich beobachte derweil die Leute. Ein Streetworker kümmert sich um zwei junge Männer, die mindestens dem Alkohol zusprechen. Ein anderer tanzt auf der Straße. Obdachlose schleichen vorbei. Wir setzen uns in einem Park auf eine schattige Bank. Sofort folgt uns ein Bettler. Wir geben nichts, denn andere lauern schon, warten auf unsere Reaktion. Bloß weg hier. Die Altstadt überrascht uns. Die St.-Nikolai-Kirche ist nicht überladen mit Gold, sondern schlicht und schön. Die alten Fassaden sind hergerichtet. Die neuen Fassaden passen gut ins historische Stadtbild. In der Tourist-Info hole ich einen Stadtplan.

Restaurierte Fassaden in Elblag

Restaurierte Fassaden in Elblag

Wir entscheiden uns, den nahe gelegenen Campingplatz anzusteuern. Auch wenn wir nur knapp 60 km gekurbelt sind. Die Tour war anstrengend. Der Platz liegt direkt am Fluss Elblag. Das Sanitärgebäude ist nicht neu, aber sauber. Eine gute Entscheidung.

Donnerstag, 8. August – 100 km und Freitag, 9. August – 119 km

Heute ist der heißeste Tag. Wir nehmen, um endlich voran zu kommen, die Schnellstraße 22. Polen hält immer wieder verkehrstechnische Überraschungen bereit. Dass viel auf einer Schnellstraße los ist, überrascht nicht. Aber als der Belag plötzlich welliges Kleinpflaster wird , sind wir platt. Mal bestens ausgebaut, mal schmal ohne Seitenstreifen, mal völlig kaputt gefahren – alles dabei.

Weichselbrücke bei

Vor Starogard Gdanski überqueren wir auf einer langen Brücke die Weichsel. Überschwemmungswiesen am rechten und Steilküste am linken Ufer. Mit Blick auf die Brücke in Tczew (Dirschau).

Blick über die Weichsel

Blick über die Weichsel

Das Thermometer klettert auf 37 Grad im Schatten. Wir schieben die Räder einfach in ein klimatisiertes Einkaufszentrum. Niemand stört sich dran. Hochmodern und Handyladen an Handyladen. Wie bei uns.
An der Schnellstraße sitzen Frauen. Einige wollen Blaubeeren und Pilze verkaufen. Andere Liebesdienste.
Nachdem unser Tacho 78 km zeigt, steht ein pompöses Schild am Straßenrand. Strand und Camping in 14 km. Das kommt uns gerade recht. Wir kurbeln bei Gegenwind die Hügel rauf und runter. Nach 14 km kein Zeltplatz. Auch nicht nach 17 km. Den Campingplatz können wir vergessen. Da in keinem Ort eine Pension auftaucht, machen wir uns auf die Suche im Wald. An der zweiten Stelle werden wir fündig. Unser Zelt steht in einem Blaubeerwald. Kaum Mücken. Sehr angenehm. Es ist fast dunkel, da läuft ein Mann den Waldweg hoch. Er kümmert sich nicht um uns. Es hätte noch gefehlt, wenn der Förster gekommen wäre.
Wir schlafen gut und sind um 6.30 Uhr wieder auf der Schnellstraße. Wie gestern ein Wechselbad des Fahrgefühls. Wir halten an einer Kirche und die ist verschlossen. Kaum zu glauben im frommen Polen. Das Pfarrhaus hat wie das Gotteshaus einen kleinen Zwiebelturm und Butzenscheiben. Eine neue Sitzgruppe aus Holz steht unweit der Kirche. Mit Fahrradparkplatz und Beschreibung von Radrouten in der Umgebung. EU gefördert. Es tut sich hier fahrradtechnisch also was.
In Czersk weckt eine große Backsteinkirche unser Interesse. Als Werner sich drinnen umschaut, spricht mich ein alter Mann an. Er kapiert, dass ich aus Deutschland bin und sagt „Guten Tag“. Aber dann legt er polnisch los. Werner taucht auf und ich kann in die Kirche entwischen. Ziemlich dunkel und viel Gold. Werner versteht nichts aber hört geduldig zu. Der Alte redet und redet. Auch wenn wir nichts verstehen, nett ist es trotzdem.
Werners Luxaugen entdecken einen Badesee. Nichts wie rein. Wer weiß, ob wir heute noch duschen können.
Heute ist es nicht so heiß. Wir halten trotzdem oft und holen kühle Getränke. An einem Supermarkt spricht mich eine Frau mit weißem Sonnenhut und Pünktchen-Shirt an. Sie hat Äpfel und Tomaten in ihrem Fahrradkorb. Wenn ich auf russisch erzähle, wo ich her bin, versteht man mich. Die Frau lacht und schenkt mir einen Apfel. Als sie aus dem Markt kommt, gibt sie Werner auch einen. Sie winkt mich zu sich und drückt mir noch mehr Äpfel und Tomaten in die Hand. Mit Sicherheit eigene Ernte. Ein Kleinbus aus Holland hält. Werner spricht den Fahrer auf holländisch an. Der Holländer findet die schlechten Straßen zermürbend. Die in der Karte weiß eingezeichneten Nebenstraßen sind nicht alle schlecht, versichert er. So wie die Schnellstraßen nicht immer gut sind. Keiner weiß es.
Da weder Campingplatz noch Pension auftauchen, verschwinden wir wieder in den Wald. Und finden einen wunderbaren Platz. Der Wald ist recht licht und wir halten hinter einem Hügel, damit man uns von der Straße nicht sehen kann. In der Karte ist das Gebiet rot gestrichelt. Ich schaue für alle Fälle in die Legende der Karte. Bloß weg hier, wir sind in einem Sperrgebiet. An dem Hügel entdeckt Werner einen Bunkereingang. An der Straße ein Hinweis auf einen Soldatenfriedhof. Das hätte Ärger geben können. Wir fahren noch, obwohl wir schon 100 km in den Waden haben, bis Szczecinek (Neustettin). Hier soll laut polnischer Touristen-Karte ein Zeltplatz sein. Ein Hinweisschild taucht auf, nur nicht der Platz.

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Wir finden einen Cityplan. Fragen einen Taxifahrer. Er telefoniert für uns, erfolglos. Zu dritt stehen wir an dem Stadtplan. Eine Frau kommt noch dazu. Heiße Diskussion um uns und den nicht eingezeichneten Campingplatz. Die beiden schicken uns zu einem Hotel am See. Wir halten am Hotel Residence. Plötzlich fragt uns ein Radfahrer, ob wir aus Holland sind. Er hat dort gearbeitet. Den Campingplatz gibt es seit vier Jahren nicht mehr, weiß er zu berichten. Also doch Hotel. Das Residence sieht gut aus, schließt unsere Räder ein, Preis und Zimmer sind in Ordnung. Doch keine Verwahrlosung, wieder Dusche und sogar ordentliches Bett. Kaum sind wir im Zimmer, fängt es an zu regnen. Wegen meiner, nur morgen früh sollte es genug damit sein.

Samstag, 10. August – 79 km und Sonntag 11. August – 90 km

Heute früh ist es trocken, wieder mal Glück gehabt. Werner ist enttäuscht, dass es nicht das erhoffte Frühstücksbuffet gibt. Wir bekommen eine Wurst- und Käseplatte, Tomaten und Gurken. Dazu Kaffee, Brot und Brötchen. Ein Pärchen aus Frankreich gesellt sich zu uns. Wir reden mit Händen und Füßen. Sie wohnen in der Nähe von Colmar. Er war mit dem Rad auf Island und hatte viele Platten. So geschäftsmäßig der Hotelier gestern Abend war, so interessiert an unserer Tour ist er heute. Er hat leider keine Radkarten von Polen mehr und schickt uns zur Tourist-Info, die heute ausnahmsweise geschlossen ist. Wir sehen uns in der Fußgängerzone um.

Beobachtet in Szczecinek

Beobachtet in Szczecinek

Handy- und Klamottenläden, auffällig viele Banken, Restaurants und Juweliere. Nur einen Buchladen in der Hoffnung auf eine Radkarte finden wir nicht. Ich frage an einem Zeitungskiosk, doch englisch oder deutsch versteht man nicht. Englisch scheint hier eh nicht hoch im Kurs zu sein. Gegenüber einem Einkaufszentrum mit Glasfassade sitzen alte Leute und bieten Obst und Gemüse an. Eine Omi bringt Äpfel, Möhren, Gurken und Dill ganz gut unter die Leute.

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Alte und junge, schick und schlicht gekleidete, dicke und dünne, Rad fahrende und Kinderwagen schiebende und telefonierende Leute sowieso, bevölkern die Einkaufsmeile. Auf dem Marktplatz entdecke ich einen Wegweiser in alle Himmelsrichtungen. Ein Pfeil zeigt nach Neustrelitz.
Der Autohandel mit Deutschland blüht. Nicht nur hier, in Lettland, Litauen und Russland sahen wir viele deutsche Gebrauchtwagen. Hier hält gerade ein Wagen aus Schmalkalden, so steht es auf der Kennzeichenhalterung. An so manch einer Frontscheine klebt noch die deutsche Umweltplakette. So gesehen Autos aus Oggersheim und Mainz.
Wieder geht es auf die Schnellstraße. Heute ist Sonnabend und es sind so gut wie keine LKWs unterwegs. Das erleichtert das Vorwärtskommen enorm. Nur die langen Steigungen sind bei Gegenwind schwer zu erklimmen. Windschatten fahren funktioniert nur bei einwandfreier Piste. Wer vorn fährt, fungiert als Lochwarner – brüllen oder mit dem Arm fuchteln. Ist aber zu spät, wenn der andere am Hinterrad klebt.
Die Polen schimpfen mit uns gemeinsam über ihre schlechten Straßen, das macht sie so sympathisch. Ab und zu trauen sich Rennradfahrer auf die Pisten. Wie heute, als zwei von der Sorte aus einer Seitenstraße kamen. Als sie uns entdecken, entfährt dem ersten „Ohhhh“. Die beiden grüßen uns anerkennend. Auch eine Rennrad fahrende Frau lacht zu uns herüber. Aber andere Radler mit Gepäck? In Polen bis heute nicht gesichtet.
Wir sind inzwischen in einem landschaftlich reizvollen Seengebiet. Immer öfter gibt es Campingplätze. Und viele Autos mit deutschen Kennzeichen. Polen auf Heimaturlaub? Bestimmt auch viele deutsche Urlauber. Wir steuern einem Campingplatz am See an. Der Besitzer hat uns erspäht und empfängt uns mit Zloty-Zeichen in den Augen. Riesiges Restaurant, wir sollen konsumieren und nochmals konsumieren. Wir haben aber alles außer Dusche und Zeltwiese dabei. Der Mann spricht sogar englisch und begreift zum Glück, dass bei uns nicht mehr als ein Bier drin ist. Die Zeltwiese fällt zum See ab.

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Schwierig, einen ebenen Platz zu finden. Das gepriesene Sanitärgebäude ist uralt. Auf den losen Plasteklobrillen muss man gut das Gleichgewicht halten können. Wir springen in den See und verzichten auf die marode Dusche.
Am Sonntag steht km fressen auf dem Programm, da die LKWs nicht auf der Piste sind. Immer noch Hügel und Gegenwind. Szczecin ist nicht mehr weit. Wir fahren bis Drawsko Pomorski (Dramburg) und wollen Brot kaufen. Alle Läden öffenen hier auch sonntags, nur etwas später. Die Wartezeit verkürzen wir uns mit einem Abstecher zur Kirche. Gerammelt voll, die letzten stehen, Nachzügler trudeln ein. Wie bei uns vor vierzig Jahren. Polnische Pfarrer sind zu beneiden. Ein Besoffener quatscht uns voll, wir schicken ihn weg.
Fast hätte ich Regel Nummer eins (siehe unten) gebrochen und die Straße nach vielen km gelobt. Da gibt es zur Abwechslung Betonplatten. Jede Fuge entweder ein Asphaltwulst oder eine offene Wunde. Zum Glück geht die Strecke durch den Wald und der Wind ist ausgesperrt. Nach vielen km wird die Schnellstraße vierspurig. Und wir trauen unseren Augen kaum. Radfahrer mit Gepäck steuern auf uns zu. Eine polnische Familie. Der Mann transportiert das meiste Gepäck im Anhänger. Die Tochter ist etwa zehn und heute schon 50 km gekurbelt. Sie kommen aus Gryfino. Die Frau erklärt mir auf der Karte, wie wir nach Szczecin kommen. An der nächsten Kreuzung müssen wir von der Straße, die zur Autobahn wird. Ein nicht ausgeschilderter Waldweg führt über eine Brücke in einen Vorort. Lust auf Großstadt haben wir heute nicht mehr. Ein Waldweg kommt uns gerade recht. Das Zelt steht diesmal auf Moos und Erika.

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Montag, 12. August – 53 km und Dienstag 13. August – 64 km

Schon früh saßen wir auf den Rädern, damit uns bloß kein Waldarbeiter oder Förster erwischt. Die Brücke kommt bald in Sicht, über die wir die Schnellstraße Richtung Szczecin verlassen müssen. Oder doch auf der Autobahn bleiben? Nicht dass unsere Führerscheine dran glauben müssen. Ärger mit der polnischen Polizei lohnt sich nicht. Wir finden die Auffahrt und kurbeln zur Brücke, doch auf zwei Spuren kommen uns Fahrzeuge entgegen. Also kehrt. Uns ist nun klar, dass wir Richtung Szczecin gar nicht über die Brücke müssen. Wir finden die Straße. Sie ist durch die vielen schweren Fahrzeuge völlig hinüber. Slalom um die Löcher. Zum Glück nur ein paar km und wir sind im Vorort Wielowo. Die Straße zum Zentrum wird besser. Und im Zentrum – man glaubt es kaum – gibt es sogar einen gut ausgebauten Radweg. Der Campingplatz an der Marina existiert tatsächlich. Wir halten extra an und überzeugen uns davon.
Irgendwann stehen wir auf der Oderbrücke und blicken in die Altstadt. An den Hakenterrassen halten wir zum Fotografieren.

Auf der anderen Straßenseite zwei Radler mit Gepäck. Sie winken und kommen rüber. Die beiden, vermutlich Studenten, sind aus Berlin. Sie wollen ein paar Tage an der Küste radeln. Die junge Frau war schon auf Trekkingtour in den Pyrenäen. Nun suchen sie den Weg nach Norden und haben keine Karte. Kein Problem, sie fotografieren unsere. Wir fahren zum Dom. Mit EU-Mitteln restauriert. An der Fassade wird noch gearbeitet. Deutsche Rentengruppen geben sich die Klinke in die Hand. Ein Orchester probt. Eine Bettlerin steht etwas abseits und versucht ihr Glück. Wir wollen die Altstadt erkunden, doch wo ist sie nur. Ein älterer Mann fragt uns, wo wir hin wollen. In die Altstadt, ja die wäre hier. Wir sollen zur Oder fahren. Da kommen wir her. Wir fahren im Kreis und sind wieder am Dom. Jetzt fährt ein polnischer Fernsehsender vor. Gegenüber finden wir einen Minimarkt. Obdachlose lungern herum. Eine Frau mittleren Alters kann schlecht laufen und kommt mit einem Gestell daher. Bei jedem Schritt hebt sie es an und setzt es ein kleines Stück weiter vor sich ab. Warum schraubt ihr niemand Räder darunter? In Deutschland hätte sie einen Rollator. Wir versuchen unser Glück nochmal an der Oder, andere Richtung. Es lohnt sich nicht. Dann weiter durch die Stadt Richtung Grenze. Ein paar schöne alte Gebäude tauchen auf. Auch riesige Einkaufszentren. Saturn, Rossmann, Starbucks, Intersport – wie bei uns. Alles in fester Hand einiger großer Konzerne. Eindeutig Arme und eindeutig Reiche sind unterwegs. Ein Mann durchsucht die Müllbehälter. Eine ältere Frau mit unförmigen Beinen und Minirock stolziert auf hochhackigen Schuhen vorbei. Wir sind froh, als wir das nächste Dorf erreichen. Für die letzten Zlotys erstehen wir Wasser und Riegel. Hinter Buk biegt ein gepflasterter Weg links von der parallel zur Grenze verlaufenden Straße ab. Das kann nur der heimliche Grenzübergang nach Blankensee sein. Wir sind nach 1838 km wieder in Deutschland.
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Rad fahren in Polen? Ganz einfach.
Regel Nr. 1: Lobe eine Straße nie vor ihrem Ende.
Regel Nr. 2: Sei immer nach ein paar Umdrehungen auf eine Straßenbelag- technische Überraschung gefasst, die deiner Tour ein jähes Ende bereiten kann. 
Wenn der Asphalt zur Seite abbricht wie die Steilküste auf Rügen und du musst da runter, weil ein LKW mit dir nicht den Bogen raus hat beim Überholen, wird es kritisch.
Ganz verlässlich wirst du offene Kirchen finden. Mach hier Pause und drücke deinen gestählten Hintern auf eine Kirchenbank. Danke im Geiste allen LKW-Fahrern und anderen Gaspedaldurchdrückern, dass sie für dich auf schmaler Piste auch mal gebremst haben. Schnellstraße bedeutet schnell fahren. Dann kurbele zum nächsten Gotteshaus, um dich an Gold und Schnitzereien zu berauschen. 
Und freue dich –  falls du es gesund erreicht hast.
Bis dahin – let´s radel!

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