Von Camping bis andere Radler

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Von Camping bis andere Radler

Die Sache mit den Campingplätzen  

Schieben war nicht geplant

Schieben war nicht geplant

Nicht immer finden wir einen Campingplatz. Aus dem einfachen Grund: Es gibt weit und breit keine. Schon die erste Nacht verbringen wir in einem Tierbeobachtungsturm und brauchen das Zelt nicht aufbauen. Einmal fragen wir beim Bauern und werden nicht abgewiesen, an der Weser stellen uns nette Leute die frisch gemähte Wiese zur Verfügung. Auch in Duisburg werden wir nicht fündig, doch ein Plätzchen findet sich. Hier zwischen Birken und Brombeeren (sehr lecker!) unweit vom Rhein. Wenn wir Zeltplätze finden, dann bedeutet ein saftiger Preis nicht automatisch gute Qualität. Das schlechteste Preis-Leistungs-Verhältnis ereilt uns am Rhein. Pro mistiger Dusche knöpft man uns einen ganzen Euro ab und verspricht vier Minuten warmes Wasser. Dass wir drei Minuten brauchen werden, um eine erträgliche Wassertemperatur (was gibt es zwischen kochend heiß und eiskalt?) einzustellen, wird vorsichtshalber oder aus Unwissenheit verschwiegen. Sollte das Letzte zutreffen, dann ist man spätestens nach unserer Abreise im Bilde. Wir bemängeln den miserablen Zustand der Duschen, man nimmt die Kritik schweigend zur Kenntnis. Der Platz in Saarlouis bekommt von uns jedoch Bestnoten. Hier stimmt alles, und das zu einem lukrativen Preis.

Und da wir gerade beim Übernachten sind: Bei Karin und Claus in Hürth rollen wir unsere Schlafsäcke auf dem Wohnzimmerteppich aus, Zeltplatz nicht nötig. Gleich mehr zu dieser in unseren Breiten unüblichen Geschichte.

Die Sache mit dem Vertrauensvorschuss

Tierbeobachtungsturm

Tierbeobachtungsturm

Fremde Menschen sind oft misstrauisch zueinander. Sie unterhalten sich vielleicht über belanglose Dinge, aber mehr erstmal nicht. Vorsicht und Zurückhaltung sind geboten. So hat man uns den Umgang mit Fremden als Kinder eingeschärft, und die Medien tun ihr übriges, diesen Eindruck zu erhärten. Wir treffen jedoch Menschen, die sich völlig anders verhalten.
Da ist der Bauer in Paradiese, einem Dorf gleich hinter Soest. Wieder mal Regen, wir müssen eine Umleitung wegen Brückenbauarbeiten fahren. Bis zum Zeltplatz sind es bestimmt noch 10 km. Ich sehe einen Mann vor einem einzelnstehenden Bauernhaus und rufe: „Haben sie für uns eine Zeltwiese?“ Der Mann winkt uns auf sein Grundstück. Seine Frau kommt dazu und wir beantworten in der Werkstatt die üblichen Fragen nach dem Woher und Wohin. Dass wir auf dem Weg nach Frankreich sind, beeindruckt die beiden außerordentlich. Ja, hier düsen viele Radfahrer vorbei, aber nach einer Übernachtungsmöglichkeit hat noch niemand gefragt. Die nette Frau bietet uns Abendbrot an, wir verdrücken aber unsere mitgebrachten Lebensmittel. Der gewitzte Kater interessiert sich sehr für uns und das Zelt. Schließlich Abwechslung zur Mäusejagd. Dann zeigen uns unsere sympathischen Gastgeber den Hintereingang und ein Badezimmer. Frische Handtücher liegen bereit. Das ist doch überwältigend. Wir kennen uns überhaupt nicht, werden aufgenommen wie Freunde, und reden noch lange miteinander. „Wert ihr mit einem dicken Mercedes vorgefahren, hätte ich euch nicht auf mein Grundstück gelassen. Aber regennasse Radfahrer, die von der Ostsee kommen, lasse ich hier gern campen“, sagt uns der freundliche Bauer zum Abschied. Wir kriechen in unsere Schlafsäcke. Regen trommelt auf die Zeltplane und der freche Kater mauzt herzzerreißend vor unserer Nomadenhütte.

Paradiese - wie passend

Paradiese – wie passend

Die Homepage von Karin und Claus, Reiseradler aus Hürth bei Köln, habe ich vor Monaten im Internet gefunden und ein paar Zeilen im Gästebuch hinterlassen. Unter anderem, dass wir nach Frankreich radeln werden. Als Antwort kam eine Einladung. Klar, das Gefühl mit den Rädern vor dem Kölner Dom zu stehen gefällt uns. Nach neun Radfahrtagen ist es soweit. Wir stehen vor dem imposanten Gemäuer. Karin arbeitet bei Globetrotter, dort fahren wir hin. Bisher haben wir gemailt und telefoniert, jetzt sehen wir uns das erste Mal. Karin hat viel Arbeit, gibt mir eine Karte mit genauer Wegbeschreibung. „Der Kühlschrank ist voll, im Hochschrank sind Getränke, Badetücher liegen bereit. Macht es euch gemütlich, wir kommen gegen 20.30 Uhr. Bis später.“ Mit diesen Worten drückt sie mir noch die Schlüssel in die Hand. Der nächste Kunde wartet. Wir radeln nach Hürth und nehmen das Domizil von Karin und Claus in Beschlag. Als die beiden nach Hause kommen, sitzen wir frisch geduscht auf der Terrasse und trinken Apfelschorle. Karin und Claus waren 2010 sechs Monate in den USA und Kanada unterwegs. In fantastischen Fotobüchern haben sie ihre Rad-Erlebnisse festgehalten. Wir sind fasziniert und hören ihnen gebannt zu. Warum sie uns die Schlüssel zu ihrer Wohnung gegeben haben, möchten wir wissen. Sie wollen weitergeben, was sie in Amerika mehrmals erlebt haben und gehen davon aus, dass Reiseradler – wie sie – ehrliche Menschen sind. Alle Achtung. Inzwischen haben wir unsere Meinung geändert und würden es heute auch tun. Kurz vor Mitternacht rollen wir unsere Schlafsäcke auf dem Wohnzimmerteppich aus. Am nächsten Morgen frühstücken wir gemeinsam mit Karin. Claus kommt gegen Mittag und begleitet uns ein paar km Richtung Bonn.

Bei Karin und Claus

Bei Karin und Claus

Auf dem Rückweg suchen wir an der Weser vergeblich einen Zeltplatz. Nicht mal ein Plätzchen wie am Rhein ist zu finden, denn wir sehen nur Maisfelder und den Fluss. In einem Dorf packen junge Leute gerade ihren Rasenmäher zusammen. Ich frage, ob wir auf der frisch gemähten Wiese campen dürfen. Klar, kein Problem. Als wir das Zelt aufstellen, ist der kleine Sohn Feuer und Flamme und stellt uns tausend Fragen. „So, jetzt ist unser Haus fertig“, erkläre ich.  „Habt ihr keine Wohnung?“ fragt mich der kleine Kerl neugierig. Wir hatten unseren Spaß mit dem Filius und er mit uns. In Ermangelung eines blickdichten Busches dürfen wir die Toilette benutzen. Auch hier von Argwohn keine Spur, im Gegenteil.

Im Hotel kann jeder logieren. Aber ganz spontan beim Bauern, auf dem Wohnzimmerteppich oder der frisch gemähten Wiese nächtigen – davon werden wir noch in zwanzig Jahren schwärmen.

Die Sache mit den anderen Radlern 

Als wir die Fluss-Radwege erreichen, sind wir nicht mehr allein auf der Piste. Die meisten Radler reisen mit wenig Gepäck. Manchmal begegnen uns einheimische Radfahrer. Von Bad Bevensen nach Uelzen fahren wir am Elbe-Seiten-Kanal und überholen ein Pärchen, vermutlich im Rentenalter. Die beiden treffen uns wieder, als der Weg abrupt endet und wir ein paar Riegel futtern. Die üblichen Fragen nach dem Woher und Wohin beantworten wir gern. Von unserem Vorhaben sind sie beeindruckt. Und dann sagt der Mann etwas entscheidendes: „Ich habe immer nur geplant und geplant, so lange Jahre, bis ich krank wurde. Ich wollte mit dem Rad nach Kiel und in die Masuren. Heute schaffe ich am Tag gerade mal 15 km. Sie machen es richtig. Ich beneide sie.“ Wer gibt schon so unumwunden die eigene Schwäche und seinen Neid zu. Den traurigen Blick dieses Mannes werden wir nie vergessen.
In Cochem stehen wir mit vier Männern unter einer Brücke (Schauer abwarten – was sonst!). Sie erzählen stolz von ihrer Tour mit Gepäcktransport. Von Trier kommend nach Koblenz sind sie unterwegs. Als sie unser Gepäck begutachten und auf unsere Tachos schauen (996 km), zieht einer von ihnen für uns seinen Hut.

An der Mosel

An der Mosel

Ein junger Mann hilft uns in Ahrweiler, wo wir vom Rhein-Radweg abgekommen sind. Ganz unkompliziert erklärt er, dass er sich gerade auf ein Leichtathletik-Turnier vorbereitet und es für ihn kein Problem ist, mit uns zum Rhein zu radeln. Er fährt mit Werner und erzählt viel von sich. Hoffentlich bekommt er das erhoffte Praktikum und die gewünschte Ausbildungsstelle. Solche Jugend lässt hoffen.
In Minden treffen wir einen allein reisenden Mann mit aufgerüstetem Rennrad und Leichtgepäck. Wie wir ist er bei einer Radweg-Umleitung im Kreis gefahren. Gemeinsam finden wir den richtigen Weg und bleiben ein Stück zusammen. Er ist von Stuttgart nach Bremen unterwegs, wo seine Familie Urlaub macht. Wir überholen eine Senioren-Gruppe. Am nächsten Abzweig machen wir Pause, verabschieden uns von unserem Begleiter, der den kürzesten Weg zu seiner Familie einschlagen will. Die Senioren-Gruppe holt uns ein und rastet auch. Ein Mann spricht mich an, stellt die üblichen Fragen. Doch im Auftrag der Frauen, die sich erst nicht trauen, mit uns zu reden, aber so neugierig sind. Wir erzählen, dass wir auf dem Rückweg von Frankreich sind und über 1600 km im Sattel hinter uns haben. „Sie sehen ja gar nicht kaputt aus“, entfährt es einer Frau. Die Senioren-Gruppe ist überwältigt. Die Rentner schütteln über uns den Kopf, als wir wieder in die Pedalen treten.
Walsrode wird uns immer im Gedächtnis bleiben. Nicht wegen des wunderschönen Ortes, nein, wir werden ungewollt Zeugen des organisierten Rad-Horror-Tourismus. Das Wetter kommt eher herbstlich daher. Ein Bäcker ist in Sicht, genau, ein Kakao ist jetzt das Richtige. Bestimmt zehn andere Räder stehen noch vor der Bäckerei. Eine geführte Senioren-Gruppe mit Anführer. Alle in Regenklamotten gehüllt. Bald bedient der Anführer seine nicht zu überhörende Hupe und verkündet lautstark, dass er auf Trödler keine Rücksicht nehmen wird. Die Gruppe ist schnell fertig und düst los. Als der letzte Radler unseren Blicken entschwindet, kommt eine Frau von der Toilette und merkt entsetzt, dass die anderen Räder weg sind. Als sie aufs Rad springen will, gibt ihr die Bedienung eine Tasche, die ein Radler ihrer Gruppe vergessen hat. Mit Panik in den Augen fragt sie, in welche Richtung sie denn nun muss, und wohin mit der Tasche, und überhaupt, was soll sie machen, wenn sie ihre Gruppe nicht einholt….. Wir können beide die Karte lesen, unser Zelt allein auf- und abbauen und uns unterwegs verpflegen. Lieber allein in Ruhe als chaotisch in so einer Gruppe fahren. Das schwören wir uns nach dieser ungewollten Beobachtung, die hoffentlich ein Ausnahme darstellt.

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