Sandwich, Shuttle, Gegenwind

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Sandwich, Shuttle, Gegenwind

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19. Juni 2014 – 1809 km Laagnieuwkoop/Niederlande

Radtour-EnglandBis kurz vor Utrecht habe ich es geschafft. Bin wieder beim Bauern, in den Niederlanden eine gute Adresse. Klein, gut, günstig. Hier gibt es eine Küche mit Wasserkocher und Mikrowelle und einen Aufenthaltsraum, wo ich trocken sitze. Trocken war es heute nicht immer. Gegen 15 Uhr regnete es eine Weile. Doch ein kräftiger Wind pustete mich und die Radtaschen bald wieder trocken.

Zurück nach Renesse, wo ich morgens den Kampf mit dem lahmen Internet gewinne. Um den Kampf gegen die Naturgewalt Wind aufzunehmen, stärke ich mich beim Bäcker. Durch Dünen geht es dem nächsten Damm entgegen. Ich eiere auf der Deichkrone mit unter 10 km/h. Andere Schwertransporter kommen mir entgegen und haben für mich nur mitleidiges Lächeln übrig. Die Aussichten sind so grandios, ich halte an für ein paar Fotos. Obwohl ich Schwierigkeiten habe, mein Gefährt wieder in Gang zu bekommen, ohne umzukippen.

Radtour EnglandEin junger Mann auf einem eigenartigen Fahrrad, womit man nur im Stehen fahren kann, überholt mich. Er ist nur mit Rucksack unterwegs und hat es nicht so schwer. Eine Frau steht auf dem Weg und hebt den Daumen. Nette Familie aus Deutschland. Wir fotografieren uns gegenseitig und ich nehme es wieder mit dem Wind auf.

Irgendwann ist der Kampf vorbei und ich habe in den Dünen auch mal kurzzeitig Wind von hinten. In einem hübschen Ort mit urigen Gassen, Ouddorp, kommt mir ein Franzose mit Schwertransporter entgegen. Er hat hervorragende Radkarten mit Knotenpunkt-System. Und rät mir davon ab, durch den Hafen von Rotterdam zu fahren. Der Radweg R 1, dem ich folge, führt dort durch.Radtour England Die Fähre fährt nur selten und ich werde sie heute nicht mehr erreichen. Er zeigt mir einen anderen Weg über Rozenburg nach Delft. Campingplätze empfiehlt er mir auch gleich. Nach dem nächsten kurzen Damm, wo mich der Wind hin und her wirft, verlasse ich den R 1 und folge der Ausschilderung nach Rozenburg. Ein Engländer spricht mich an, er sucht auch den besten Weg, nimmt aber nach einem Blick in meine Karte eine andere Route. Mit einer Fähre geht es nach Maassluis. Hier suche ich eine Ausschilderung. Nette Fußgänger von der Fähre helfen mir weiter. Ich fahre nach Knotenpunkten und bin bald auf einem netten Bauern-Campingplatz in Maasland. Ganz in der Nähe, in De Lier, wohnt Peet. Nachdem ich ihm meinen Campingplatz durchgegeben habe, kommt die Antwort: Ich komme gleich mit meiner Frau und wir trinken zusammen Tee, okay?

Besuch: Evelyne und Peet

Sie bringen aber Kaffee, Kekse und Saft aus Fruchtsirup mit, den ich so gern trinke. Natürlich hat er Bilder aus England dabei. Mark hatte so recht mit seinem Spruch, dass man sich auf Wunder verlassen kann. Wie wäre ich ohne Peet über die Themse gekommen? Und Peets Spruch: Wir sind sehr spezial. Mein Spruch: Mir ist Zeit mehr wert als Geld. Wer also so spezial ist wie wir, sich Zeit nimmt und dafür auf Geld verzichtet, der kann sich auf Wunder verlassen….. Peet und Evelyne empfehlen mir, an Delft nicht einfach vorbei zu fahren. Ich habe sowieso vor, hier eine Pause einzulegen. Und bezahle beim Bauern noch die nächste Nacht.

Am Mittwoch radele ich trotz Regen nur mit Fotoausrüstung los. Zuerst nach Delft. Ein guter Tipp. Leiste mir Kaffee verkeert (Milchkaffee) mit Blick auf die Kirche und besorge eine Radkarte mit Knotenpunkten.

Delft

Delft

Bald kommt die Sonne und ich kann fotografieren. Durch Den Haag kam ich auf dem Weg zur Fähre nach Harwich, hatte aber keine Zeit für Fotos. Also weiter nach Den Haag. Hier haben es mir die Hochhäuser angetan. Meine Radtasche hinten am Gepäckständer sichere ich mit einem Spannriemen. Ich kurbele immer ein Stück weiter, wo ich eine gute Position zum Aufnehmen habe. Und tatsächlich hat jemand versucht, die Tasche abzunehmen. Ich habe geahnt, dass es hier gefährlich ist.

Den Haag

Den Haag

Der Weg zurück zum Campingplatz ist schwierig, denn eine Brücke wurde gerade abgerissen. Nach einem langen Umweg bin ich – ohne beklaut worden zu sein – wieder an meiner Stoffhütte.
Heute will ich wieder den R 1 erreichen und suche mir auf der neuen Radkarte die Knotenpunkte raus. Schon im nächsten Ort, Schipluiden, spricht mich ein Mann an und empfiehlt mir eine kürzere Route durch Delft, der ich auch folge. Doch mitten in Delft eine Baustelle, Radweg-Umleitung. Meinen Knotenpunkt verliere ich und wieder werde ich ungefragt angesprochen. Die nette Frau schickt mich auf die Route, die ich ursprünglich fahren wollte. Dann ist ganz unglaublich mitten auf dem Weg eine Schranke. Mit dem Hinweis, bei geschlossener Schranke den Weg durch Delft zu nehmen. Ich suche mir eine neue Route und lande in einem Vorort von Rotterdam. Die Hochhäuser sind in Sichtweite. Nun aber keine Hindernisse mehr und nach 40 km habe ich endlich den R 1 in Benthuizen erreicht. Auf die Ausschilderung kann mich wieder verlassen und komme gut voran. Teils links und rechts ein Kanal, wunderhübsche Vorgärten, Schafe und Kühe, natürlich Windmühlen. Leider fängt es an zu regnen. Ich hülle mich in wasserfeste Klamotten und weiter geht es am Kanal entlang. Die Wege erinnern mich manchmal an England. Schmal und ziemlich kaputt. Als ich den Campingplatz kurz vor Utrecht erreiche, hat mich der kräftige Wind schon wieder getrocknet.

 16. Juni 2014 – 1602 km in Renesse/Niederlande

Renesse ist ein netter Ost an der Nordsee. Ich denke, ich bin zu Hause. Denn mindestens jeder zweite spricht als Muttersprache deutsch. Mein kleines Zelt steht auf einem netten Zeltplatz mitten im Ort. Um mich herum lauter Mobilheime. Davor Autos mit deutschen Kennzeichen. NE, ME usw. Habe mir vorhin Pommes gegönnt mit viel Mayo. Ich kann mir das nach dieser Gegenwind-Etappe heute erlauben, die meisten meiner Landsleute eher nicht…..

Mersea

Mersea

Doch zurück nach Sandwich. Am nächsten Morgen nehme ich nun die Steigungen allein unter die Reifen. Peet wartet nicht mehr auf mich und fragt lachend, ob ich eine Pause brauche. Weit fahre ich nicht. In Martin Mill, kurz vor Dover, soll heute Abend mein Zelt stehen. Ein Auto tuckert geduldig hinter mir her, als ich – wie eine Schnecke – einen langen Anstieg hoch krieche. Oben fährt das Fahrzeug langsam an mir vorbei. Die Scheibe ist runter gekurbelt und eine Frau winkt, lacht und ruft mir zu, dass sie mich bewundert. Als ich anhalte, kommen mir zwei Reiterinnen entgegen.
Auch sie lachen und meinen, dass die Strecke nichts für Fahrräder wäre. Bald baue ich mein Zelt in Martin Mill auf. Dann lade ich nur die Fotoausrüstung aufs Rad und sause zu den White Cliffs.

White Cliffs

White Cliffs

Unter mir der Hafen von Dover. Fähren kommen und gehen im Minutentakt. Möwen segeln elegant über die Klippen. Und ein netter Mann nimmt mich mit meiner Kamera auf. Zurück auf dem Campingplatz steht mein Zelt nicht mehr allein auf der Wiese. Wohnmobile aus der Schweiz, Italien, Frankreich, Niederlande – wer zur Fähre will, nächtigt vorher hier.

Dover

Dover

Am Donnerstag bin ich kurz nach 7 Uhr startklar. Peet meinte, nach Dover sind die Steigungen noch länger. Au Backe, das kann ja was werden. Einen ganz steilen Anstieg vor St. Margaret´s at Cliffe, den ich gestern schon ohne viel Gepäck gerade so schaffte, kann ich umfahren. Der Rest ist nicht schlimm. Kurz vor Dover halte ich nochmal auf den Klippen. Dann geht es eine lange Serpentine runter und ich stehe am Fährterminal. Eine Frau schickt mich zu den Fußgängern, doch mit dem Rad muss ich zu den Autos. Ich bekomme mein Ticket für knapp 30 Pounds und reihe mich ein hinter Motorradfahrern. Sie wollen nach Freiburg, durch den Schwarzwald preschen. Einer meint, mit den roten Radtaschen sehe ich aus wie eine britische Postfrau. Als sie hören, wo ich herkomme, finden sie ihre Schwarzwaldtour gar nicht mehr so aufregend. Nachdem die Kreidefelsen meinen Blicken entschwunden sind, setze ich auf dem Dampfer die letzten Pounds um.

Radtour EnglandKaum bin ich von der Fähre, entdecke ich ein Schild: Wismar ist u. a. die Partnerstadt von Calais. Ich folge der Ausschilderung Richtung Zentrum. Die Radspuren sind voller Glas. Nur ein paar Fotos und raus hier. Dank Navi finde ich schnell den Radweg R 1. Eine Ausschilderung gibt es nicht. Da der Weg aber am Kanal entlang führt, kann ich mich nicht verirren. Der Asphalt ist voller Löcher und wellig. Ich komme nicht gut voran und bin froh, in Watten sofort den Campingplatz zu finden. Nach mir kommt noch eine allein fahrende Radlerin. Sie ist Französin, spricht u. a. sehr gut deutsch, möchte aber nur allein sein und sich nicht unterhalten. Das macht sie schon 20 Jahre so. Sie würde nie mit jemandem auch nur einen Tag zusammen fahren. Wie es jeder mag.Radtour EnglandHinter Watten gibt es am nächsten Morgen zwei lange Steigungen und entsprechend schöne Aussichten. Irgendwann entdecke ich noch auf französischem Boden tatsächlich eine Ausschilderung des Nordseeradweges. Der Asphalt ist jetzt gut, die Orte sind idyllisch, die Menschen sehr nett. Im einem Cafe bestelle ich Kaffee und sage, dass ich damit nach draußen zu meinem Rad gehe. Als ich die Tasse reinbringe, geht es los: Mit Händen und Füßen erklärt man mir, dass hier niemand an mein Rad gegangen wäre und ich im Cafe hätte schlafen können. Ich treffe zwei Holländer. Belgien ist platt, erklären sie mir. Wenn ich Pech habe, pfeift der Wind von vorn. Genauso kommt es. Die Grenze ist nicht gekennzeichnet. Als an einem Haus „Te koop“ steht, weiß ich Bescheid. Jetzt ist der Radweg auch gut ausgeschildert. Ein Mann spricht mich an, er kann deutsch. Will wissen, wo ich herkomme. Der Weg verläuft idyllisch entlang der Yser. In Diksmuide finde ich einen Campingplatz. Doch er ist verlassen und das Sanitärgebäude völlig zerstört. Ich muss weiter, auch wenn ich vom ständigen Gegenwind ziemlich zermürbt bin. In Frankreich hatte ich Baguette und Käse gekauft. Also essen und weiter geht es. Nach 15 km auf einen ehemaligen Bahndamm stehe ich vor einem riesigen Campingpark in Nieuwpoort. Ganz in der Nähe ein Soldatenfriedhof, den ich mir unbedingt später ansehen will. Die Rezeption hat bereits geschlossen, ich bekomme trotzdem einen Platz für mein Zelt zugewiesen.

Soldatenfriedhof in Nieuwport

Soldatenfriedhof in Nieuwport

Wolkenschauspiel in Nieuwport

Wolkenschauspiel in Nieuwport

Als ich wieder zu meinem Rad gehe mit einem Lageplan in der Hand, wartet ein junger Mann mit zwei Kindern auf mich. Er will wissen, wer mit diesem Schwertransporter unterwegs ist. Nimmt mich mit zur etwas abseits gelegenen Zeltwiese und zeigt mir sein Zelt und die Räder. Familie mit zwei Kindern auf sechsmonatiger Radreise. Was für ein Glück, solche Nachbarn zu haben. Wir haben uns eine Menge zu erzählen. Da sie nach Dover wollen, sehen wir auf meiner Karte nach Campingplätzen. Auch sie können bestätigen: Auf Wunder kann man sich unterwegs verlassen. Ich war schon auf vielen Campingplätzen. Doch noch nie bin ich mit einem Lageplan in der Hand zum Klo marschiert.
Am nächsten Morgen kann ich günstig Internet nutzen. Dann halte ich am Soldatenfriedhof und rolle in den hübschen Ort. Bei einem Bäcker decke ich mich mit Brot ein und koste ein paar belgische Pralinen. Ein Pannenkoeken in Belgien muss sein und dann geht es am Kanal entlang nach Oudenburg. Wieder Gegenwind. Viele Rennradfahrer sind unterwegs. Einer kommt mir entgegen und hält abrupt an. Erklärt mir, dass ich mit meinem Rad nicht durch die Absperrungen der Baustelle kommen werde. Er dreht um, kommt mit mir mit und fährt erst weiter, als ich gut durch die enge Stelle gekommen bin. Er kann etwas deutsch. Sein Sohn wohnt bei Köln. Er will heute 140 km fahren. Erst gegen den Wind, dann auf der anderen Kanalseite mit Rückenwind nach Hause. Bald habe ich zwei Rennradfahrer hinter mir. Sie bleiben eine ganze Weile in meinem Windschatten. Im Oudenburg biege ich ab nach Brügge. Plötzlich Rückenwind und es rollt wie verrückt. Wieder am Kanal entlang und wieder ein Rennradfahrer hinter mir. Doch bald ist er neben mir und fragt mich aus. Er ist schon 81 und fährt meist 40 bis 50 km. Doch nicht gern sonntags, dann sind ihm zu viele schnelle Fahrer unterwegs. Die 16 km bis Brugge vergehen bei der netten Unterhaltung wie im Flug. Zum Abschied zeigt er mir den kürzesten Weg ins Zentrum.

Brugge

Brugge

Brugge ist hübsch, doch mir viel zu voll. Ein Mann läuft mir fast ins Rad, Jugendliche schreien mir was hinterher. Ich fühle mich nicht wohl und verschwinde so schnell wie ich gekommen bin. Weiter geht es am Kanal. Wieder Gegenwind. Ich will nach Niederlande und lasse den letzten belgischen Campingplatz links liegen. Bis Sluis/Niederlande ist es nicht mehr weit. Der Ort ist klein, hübsch und auch voller Touristen. Ich bin froh, als mein Zelt endlich windgeschützt hinter eine Hecke steht.
Im ersten Dorf hinter Sluis höre ich Musik. Es ist Sonntag. Doch es ist keine Kirchenmusik. Ich fahre weiter und traue meinen Augen und Ohren nicht. Dicke Schlitten mit belgischen Kennzeichen. Frauen mit riesigen Hüten und langen Kleidern, Männer mit weißen Hosen und dunklen Jacketts. Dazwischen zwei Dudelsackspieler.

Dudelsack-Spieler in Niederlande

Dudelsack-Spieler in Niederlande

Ich passe nun überhaupt nicht ins Bild und versperre den Autos den Weg, als ich mitten auf der Straße die Kamera raushole. Niemand regt sich auf, im Gegenteil. Die Dudelsackspieler stellen sich fürs Foto auf und die Frauen wollen wissen, wo ich her bin.

Weiter geht es durch landwirtschaftlich geprägtes Gebiet. Kühe dösen auf der Weide und schauen mir gelangweilt hinterher. Ich erreiche in Breskens die Fähre nach Vlissingen. Viele Sonntags-Ausflügler schieben ihre Räder rauf. In Vlissingen ist die Ausschilderung nicht klar und ich suche den Weg. Die Radler von der Fähre, die mich schon neugierig beobachteten, sprechen mich jetzt an. Ich bin von den älteren Leuten umringt. Muss erzählen, wo ich herkomme und wo ich hin will. Sie sind verwundert, dass ich aus Deutschland bin. Auf meinem Fahrrad ist ein Sticker mit der britischen Flagge. Peet hatte ihn mir geschenkt. Bevor wir uns in Sandwich verabschiedeten, klebte ich ihn hinten aufs Schutzblech. Nun finde ich den Weg, der ins vornehme Vlissingen führt. Beach Club, Beach Residence usw. Alles nichts für mich. Zwei Frauen fragen, ob ich auf Weltreise bin. Im Moment gerade auf Europa-Trip. Sie sind aus dem Rheinland und oft hier. Eine fotografiert mich mit meiner Kamera. Dann springen sie in einen schicken Sportwagen und brausen davon. Endlich geht der Weg durch den Dünenwald. Mopedfahrer kommen mir entgegen. Einer schaut nach unten und fährt genau in meine Richtung. Ich schreie ihn an und er kriegt gerade noch die Kurve. Ich umrunde Fußgänger mit kleinen Kindern und Hunden und muss aufpassen, nicht mit anderen Radlern zusammen zu stoßen. Anscheinend sind hier mehr Deutsche als Einheimische. Irgendwann steigt der Weg an und ich fahre auf dem Dünenkamm voll gegen den Wind. Hier ist mehr Platz und an den Wind habe ich mich längst gewöhnt. Dann geht es eben langsamer voran. Die Aussicht auf das tosende Meer ist gigantisch. Radtour EnglandEin Leuchtturm kommt in Sicht. Hier gefällt es mir. Als der Radweg wieder hinter die Dünen geht, entdecke ich kurz vor Domburg einen Mini-Camping. Hier ist Schluss für heute nach 54 km gegen den Wind.
Petra und Ralf aus dem Münsterland sind mit dem Caravan hier. Sie sind von meiner Radreise begeistert. Ralf ist Marathonläufer. Über eine längere Radtour denkt er schon lange nach und jetzt, wo er meinen Schwertransporter genauer betrachtet, wird er wohl auch los fahren. Wir stellen fest, dass meine Tour kurz vor Münster bei ihnen fast vor der Haustür vorbei führt. Der Kaffee ist versprochen. Kurz nach 10 sause ich los. Will ich zumindest, aber der Wind bremst mich wieder. Heute ganz besonders. Die Schauer sind nicht schlimm. Ich bin gleich wieder trocken. Durch Dünen kurbele ich dem gigantischen Delta-Sperrwerk entgegen.

Oosterscheldewehr - ein Teil der Delta-Werke

Oosterscheldewehr – ein Teil der Delta-Werke

Auf dem Damm wird der Wind noch stärker. Manchmal schaffe ich nicht mal mehr 8 km/h. Einige Schwertransporter sausen mir entgegen. Ich muss kämpfen. Der Damm will kein Ende nehmen. Plötzlich rote Lichter und eine Schranke. Dahinter kommt die Straße auf mich zu gefahren. Als die Lücke geschlossen ist, geht der Kampf gegen den Wind weiter. Anhalten ist nicht gut, am besten kurbeln, kurbeln, kurbeln. Wie an einer endlosen Steigung. Eine Schulklasse mit Warnwesten überholt mich. Die Kids fahren nicht sehr diszipliniert, ich bin froh, als sie vorbei sind. Dann halten sie an und ich überhole. Später sehe ich sie wieder in den Dünen. Hier geht der Kampf weiter, denn jetzt gibt es Steigungen, einige 10 %. Der nächste Damm ist nicht weit. Heute nicht mehr. In Renesse finde ich den netten, kleinen Campingplatz. Ich bin nicht kaputt, nur maßlos hungrig.

10. Juni 2014 – 1257 km in Sandwich/Kent

Fähre nach Mersea Stone

Fähre nach Mersea Stone

In Sandwich bin ich gelandet. Hier hat der Earl of Sandwich das Sandwich kreiert, hat mir Mark erzählt.
Am Freitag verabschieden mich die netten Camper in Brightlingsea herzlich. Die beiden, die mir von Sachsen erzählten, nehmen mich sogar in den Arm. Bei herrlichem Wetter setze ich mich zur Fähre nach Mersea Island in Bewegung. Am Hafen fotografiert mich ein Mann mit meiner Kamera und schickt mich zum Hafenmeister. Der winkt mich auf die Mole. Eine Mini-Fähre, ganz allein für mich und meinen Schwertransporter. Ruck zuck ist das Rad verladen und ab geht es nach Mersea Stone. Am anderen Ufer wartet ein Backpacker. Vergeblich suche ich einen Anleger. Der nette Kapitän winkt den Mann mit Rucksack ins Boot, beide packen mein Rad an und stellen es mir auf den steinigen Strand. Leider hat einer dabei meinen Sattel angepackt. Die Halterung hinten rechts ist aus der Befestigung gerutscht. Ich kann aber trotzdem weiter fahren. Alles klar – das ist also Mersea stone. Der Backpacker zeigt mir noch, dass bei den gelben Pflanzen der Footpath beginnt. Dann pfeift das kleine Boot übers Wasser und ich stehe in der Wildnis. Mit größter Anstrengung schiebe und zerre ich das Rad über Steine und Sand.

Mersea

Mersea

Mersea

Bis zu den gelben Pflanzen finde ich es ziemlich weit. Zwischendurch sammle ich Muscheln, fotografiere und beobachte Vögel. Zum Footpath führt eine Treppe. Gepäck vom Rad und alles einzeln hoch tragen. Ein Mann mit Fernglas erklärt mir, wie ich zur Straße komme. Der Footpath ist asphaltiert und ich kann radeln. Ein anderer Mann schickt mich zur Fen-Farm, einem netten Campingplatz in Mersea East. Für 8 Pounds stelle ich mein Zelt an einer Hecke auf und kurbele nach Mersea West. Mark erklärte mir, dass die Straßen manchmal wie in Polen sind. Hier trifft es zu. Beim Bäcker gönne ich mir creamy tea. Auch ein guter Tipp von Mark. Ich kaufe in einem keinen Laden Äpfel und Bananen und kurve wieder zurück. Neben mir machen sich zwei britische Radler breit. Steven und Shirley sind ein paar Tage in ihrer Heimat unterwegs.
Andere Camper hatten Regen prophezeit. Radtour EnglandGenauso fängt der Samstag an. Ich warte die Gewitter-Schauer ab und packe das Zelt einigermaßen trocken ein. Auf nach Mersea West und über den Damm aufs Festland (oder die große Insel). Sonnenschein und ich biege von der Straße ab zu einer Farm. Church stand auch auf dem Schild. Idylle pur. Hinter einem riesigen Baum entdecke ich den Kirchturm. Die Kapelle ist verschlossen, aber der Rasen frisch gemäht. Uraltes Gemäuer und uralte Grabsteine.
Die nächste Schauer überstehe ich trocken in eine offenen Scheune. In einen Dorf entdecke ich an einem kleinen Laden „Hot Drinks“ und hole mir Tee. Der Verkäufer fragt mich aus. Zwei Männer hören zu und unterhalten sich mit mir draußen eine Weile. Die beiden Typen sind so urig wie die Gegend und der Ort. Ein Pub, eine rote Telefonzelle, hübsche Vorgärten vor kleinen Häusern, die sich aneinander klammern. Bald bin ich in Maldon. Hier treffe ich Peet aus Holland. Er kam heute früh mit der Fähre nach Harwich und ist schon 100 km gekurbelt, teils auf großen Hauptstraßen. Die Autofahrer hatten damit kein Problem und umrundeten ihn immer großzügig. Vor uns steigt die Straße steil an. Autos stehen hier mehr als sie fahren und wir müssen schieben. Peet hat eine Radkarte, ich eine topographische Karte und Navi. Gemeinsam kurbeln wir zum Campingplatz nach Burnham-on-Crouch. Für 3,50 Pounds pro Zelt – ein echtes Schnäppchen. Radtour EnglandIm Sanitärbereich bunte Kacheln, Kunstblumen und vorm Fenster eine hübsche Gardine. Very british. Oder english. Bald tauchen Shirley und Steven auf, deren Zelt gestern neben meinem in Mersea stand. Peet kocht Tee und wir teilen unser Essen. Er spricht fließend englisch und recht gut deutsch. Obwohl er bei jeder Steigung auf mich warten muss, will er mit mir weiter fahren. Das beeindruckt mich nun wirklich. Zumal er oft mit seinem Rad in den Bergen unterwegs ist und täglich lange Touren fährt. Er hat Urlaub und Zeit, erklärt er mir.
So kurbeln wir am Sonntag gemeinsam zur Fähre über den River Crouch. Wir müssen warten und ich kann solange im Ort fotografieren. Pitoresk hier, meint Peet. Und ob ich diesen Ausdruck kenne. Wieder eine Mini-Fähre. Das Gepäck von den Rädern, alles verladen und schon sausen wir bei herrlichem Wetter über das Wasser. Peet geht sehr vorsichtig mit den Rädern um und passt auf, dass niemand mein Rad am Sattel anpackt. Mein Navi zeigt uns den Weg durch den Städtedschungel nach Tilbury. Hier wartet die nächste Fähre auf uns über die Themse – denken wir. Zwei tätowierte Typen mit großen Hunden sind sehr nett und erklären uns, dass man hier nur in der Woche übersetzen kann. Und heute ist Sonntag. In dieser Stadt, die gar nicht urig und pitoresk sondern schmuddelig und heruntergekommen ist, wollen wir uns keine Bleibe suchen. Die Männer schicken uns nach Dartford zur Brücke. Dort gibt es einen Shuttle-Service. Also Dartford ins Navi eingeben. Ich bin froh, hier nicht allein unterwegs zu sein. Die Straßenränder sind voller Dreck und Glas. Und Löcher sowieso. Und dann einen Platten? Bloß nicht. Nach 6 km stehen wir an der Brücke und treffen zwei Radler, die gerade von der anderen Seite kommen. Wir radeln ihrem Shuttle hinterher. Gepäck ins Auto und die Räder kommen auf einen Radträger.

Queen Elizabeth II Brigde

Queen Elizabeth II Brigde

Im Schneckentempo kriechen wir – wie komisch, im Auto – über die gigantische Brücke. Der Fahrer setzt uns bei zwei Frauen ab, die den Verkehr auf der Brücke überwachen. Sie fragen uns aus und füllen unsere Wasserflaschen. Den letzten Tropfen hatte ich kurz vor der Brücke in mich hineingeschüttet. Peet meint, hier wäre viel Verkehr. Ruhig ist es heute, lachen die Frauen. In der Woche stehen die Autos fast nur. Weiter geht es nach Gravesend, wo uns eigentlich die Fähre hinbringen sollte. Ohne Wasser wäre ich da nicht angekommen. Einen Campingplatz gibt es nicht. Das Navi bringt uns zu einem Restaurant mit B & B. Zwei Zimmer sind frei. Für 30 Pounds gibt es ein nettes Zimmer, eine saubere Dusche, leckeres Essen vom Buffet und für morgens ein Tablett voller Sandwichs. Total erledigt falle ich ins Bett.
Montag suchen wir verzweifelt den Weg aus dem Ballungsgebiet. Das Navi will uns auf eine große Straße schicken, die für Räder gesperrt ist. Peet entdeckt eine Radweg-Ausschilderung, der wir folgen. Wir sind jetzt in Kent und hier finden wir mehr Radwege als in Essex. Trotzdem fahren wir im Kreis. Irgendwann kurbeln wir eine Steigung hoch und entdecken einen Friedhof. Ich schlage vor, die Gärtner nach dem Weg zu fragen. Außerdem haben wir schon Appetit auf Sandwichs. Ehe wir nach dem Weg fragen können, werden wir ausgefragt. Einer der Männer kennt Berlin, erzählt mir vom Alexanderplatz und vom Tiergarten. Ein dritter Mann gesellt sich dazu. Er besucht das Grab seiner Mutter. Wir haben von oben einen guten Überblick. Er erklärt Peet den Weg zu einer anderen Brücke. Ein Gärtner zeigt mir Inschriften in den oberen Steinen der Friedhofsmauer. 900 Jahre altes Gemäuer umgibt uns. Wir fragen, ob die Kirche offen ist. Sofort läuft einer los und winkt uns rein. Drinnen sind einige Frauen und Männer. Wir werden herzlich begrüßt und müssen viele Fragen beantworten. Ein älterer Mann zeigt mir ein Fresko. Ich soll alles fotografieren. Ein anderer erzählt, dass er in Deutschland im Schwarzwald, in Heidelberg, Warnemünde, Bad Doberan und Heiligendamm war. Er kennt die Kleinbahn Molly. Es ist gar nicht so einfach, hier weg zu kommen. Wir erklären, dass wir weiter müssen und stärken uns zwischen Friedhofsmauer und uralten Grabsteinen endlich mit Sandwichs. Steil geht es nach unten und über die Brücke nach Rochester. Hier ist es wieder urig und pitoresk. Wir schieben durch den Ort, halten am Castle und einer Kirche. Peet entdeckt wieder den Radweg und endlich sind wir raus aus den Städtedschungel.

Radweg in Kent

Radweg in Kent

Es geht entlang am Wasser, durch Obstplantagen, Gewächshäuser links und rechts, schmale Wege voller Disteln und Brennnesseln. Und nicht zu vergessen: immer wieder Steigungen, mal lang und mal ganz kurz und knackig. Und Peet wartet immer geduldig auf mich. In Faversham treffen wir einen Schweizer Radler. Er zeigt uns die richtige Richtung und erzählt von einer sehr schmalen Brücke. Die Ausschilderung des Radweges ist teils recht dürftig, so auch hier. Nach einigem Suchen treffen wir einen einheimischen Radler. Er fährt mit uns durch einen Schiffsfriedhof und da ist sie, die besagte Brücke. Nur eine ganz schmale Person kommt da rüber. Vorher gibt es noch einen ganz engen Durchlass, wo das Gepäck von den Rädern muss. Dann wieder alles rauf und zur Brücke. Die beiden schlanken Männer schnappen sich Peets Rad, schultern es und tragen es rüber. Mein Rad ist viel schwerer. Trotzdem kann ich nur die beiden Packsäcke hinten runter nehmen, da haben sie mein kleines „Hardo“ schon auf den Schultern und setzen es vorsichtig auf der anderen Seite ab.

Radweg in Kent

Radweg in Kent

Alles very british – oder english – hier. Wir bedanken uns bei dem netten Helfer, der sich lachend auf sein Mountainbike schwingt und unseren Blicken entschwindet.

Weiter geht es über einen schmalen Schotterweg, der bald in eine schmale asphaltierte Straße mündet. Nach ein paar km sind wir in Whitstable. Mein Navi bringt uns zum Campingplatz. Kein Mensch in der Rezeption. Ein netter Mann schickt uns zum Mobilheim des Platzwartes, der im Bademantel verschlafen um die Ecke schaut. Wir sollen die Zelte aufbauen und morgen früh zahlen. Ab 9 Uhr ist die Rezeption geöffnet. 19,95 Pounds pro Zelt. Teures Pflaster. Am nächsten Morgen handelt Peet 19,95 für beide Zelte aus.
Heute ist Dienstag und wir radeln gemeinsam nach Sandwich. Das ist nicht sehr weit, aber wir wissen noch nicht, an wie vielen Hügeln Peet auf mich warten muss. Wir finden schnell den Radweg und kurbeln viel bergan nach Canterbury. Wieder durch Obstplantagen, aber auch durch Wald. Dann der Ausblick:

Canterbury

Canterbury

Canterbury von oben und mittendrin die Cathedrale. Die Abfahrt ist wie ein Faltengebirge. Mit gezogener Bremse geht es vorsichtig nach unten. In einem Cafe trinken wir Tee und essen Toast und Croissant. Wir hören viele Sprachen. Deutsch ist auch dabei.

Cathedrale in Canterbury

Cathedrale in Canterbury

In die Cathedrale kommt man nur mit Eintritt und schon gar nicht mit voll beladenen Rädern. Das war klar und ist uns auch egal. Ich fotografiere viel, auch ein Haus mit schiefer Tür. Der Ort ist reizvoll und wir sind froh, hier angehalten zu haben. Peet will mit seiner Frau hier nochmal herkommen. Sie fährt nicht Fahrrad, sie hat ein Pferd. Also werden sie das Auto nehmen. Gemeinsam radeln wir bis Sandwich. Peet fährt weiter Richtung Dover, er will morgen mit der Fähre nach Calais und zurück nach De Lier bei Rotterdam. Und ich bin auf dem netten Zeltplatz in Sandwich.

Zur Fotogalerie WHITE CLIFFS DOVER


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