Polen

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Category : Rad Touren

Polnische Biwak-Fata Morgana

Proseken – Legnica

„Papiere, Klamotten, Kameras – hast du alles bei?“ scherzt Werner nach gut drei km. Ein Griff an meine Weste. Pass und Geld – nicht da. Zerknirscht drehen wir um. Die Nachbarn grinsen vom Balkon, als ich ins Haus sprinte. Flugs die Packliste überfliegen – noch eine Verspätung und wir stellen unser Zelt im Dunkeln auf. Zum zweiten Mal einen langen Anstieg hoch. Meine Schuld. Irgendwie läuft es bei mir nicht rund. Hinter Sternberg hastig zwei Riegel verputzt. Ich keuche hinter Werner her und falle erschöpft am Kleinpritzer See ins Zelt.

Radtour PolenDie paar Stunden Tiefschlaf haben mich aufgemöbelt. Bald sind wir in Brandenburg und stehen abends in Wittstock bei meinen Eltern vor der Tür. Rückenwind schiebt uns am nächsten Morgen Richtung Südosten, es rollt wie auf Schienen. Am dritten Abend stellen wir unser Zelt am Ruhlesee auf. Bis Eberswalde ist es nicht mehr weit. Hier entdecken wir ein besonderes Schild. Knotenpunkt-Wegweisung am Radweg nach niederländischem Vorbild. Als ich (zum Beweis für meinen niederländischen Radkumpel Peet) die Kamera zücke, gesellen sich zwei Radler zu uns. Einer kennt die Niederlande vom Fahrradsattel. Der andere ist mit einem Uralt-Stahlross unterwegs, trägt lange Socken in Sandalen und kurze Hosen. Voller Enthusiasmus erklärt er uns die umliegenden Industriebrachen. Alles sehr interessant, doch wir müssen weiter. Den Finowkanal immer im Blick sind wir bald in Niederfinow am Schiffshebewerk. Nicht ganz.

Schiffshebewerk Niederfinow

Schiffshebewerk Niederfinow

Wir hocken im Buswartehäuschen und zählen die Regentropfen – das gigantische Bauwerk schon fest im Blick. Nach ein paar km entladen sich die Wolken erneut und sehr anhaltend. Da hilft nur die Flucht unter unsere Plane. Das multifunktionelle Teil schützt vor Nässe. Uns von oben und die Nylonvilla von unten. Polen muss noch warten. Wir steuern den Campingplatz in Neuküstrinchen an.

Zwei Rehe springen in die Büsche, als wir ziemlich zeitig zur Oder kurbeln. In Küstrin rollen wir endlich auf polnischen Boden. Die Straßen sind neu und wir kommen gut voran. Laut Karte sind bei Rzepin gleich drei Campingplätze, das lässt auf wenigstens einen vorhandenen Platz hoffen. Im Ort fragen wir eine junge Frau mit Kinderwagen. „No camping, sorry“ ist ihre Antwort. Eine Omi mit weitem Rock, Strickjacke und Krückstock mischt sich ein. Sie zeigt mit ihrem krummen Finger auf meine Karte: „Stara mapa“ sagt sie immer wieder, alte Karte. Ganz stolz erwarb ich das aktuellste Exemplar von Michelin bei Hugeldubel, und nun so was. Recht hat sie, die Karte stimmt nicht mehr. Das bestätigt gleich ein junger Mann, der deutsch spricht. Wir sollen seinem Auto folgen. Die junge Frau schiebt ihr Baby weiter, die Omi humpelt kopfschüttelnd davon. Wir preschen dem Wagen hinterher. An einer unverputzen Wand entziffern wir MOTEL. Der Nette verhandelt den Preis für ein Zimmer. Auch wenn die Einfahrt voller Modder ist und sich vor der Tür der Müll stapelt: Wir bleiben und sehen von drinnen dem Regen zu. Kein Zeltplatz in Sicht, doch viele hilfsbereite Menschen.

Nächster Abend, nächste Zeltplatzsuche. Wir rauschten auf dem breiten Seitenstreifen einer Nationalstraße entlang. Zwei Mal wären wir beinahe auf neuen Schnellstraßen gelandet, die unsere „alte“ Karte nicht kennt. Das erste Mal übersah uns gnädig eine Polizeistreife, das zweite Mal stoppte uns ein freundlicher Autofahrer. Dafür lieben wir die Polen. Sie überrumpeln uns förmlich mit ihrer Hilfsbereitschaft.

Christusstatue in Swiebodzin

Christusstatue in Swiebodzin

In Swiebodzin beeindruckt uns eine überdimensionale Christusstatue. Und nun, nach 100 km, wohin mit unserer Stoffhütte? Inzwischen sind wir auf Nebenstraßen unterwegs. Weichen Löchern aus und werden rasant überholt. Der Wald ist licht und am Friedhof keine Mauer vorhanden, die uns Sichtschutz bieten könnte. In 20 km gibt es in Slawa am See einen Campingplatz, versichert ein Mann. Als man uns an einer Kanustation abweist und kein Campingplatz auftaucht, biegt Werner in den Wald ab. Dann eben wild campen. Fata Morgana im polnischen Tann? Zelte und Wohnwagen. Und nette Leute, die uns auf ihrem Biwakplatz aufnehmen und Bier spendieren. Ausstattung genau richtig für uns Minimalisten: Dixi-Klo, Schwengelpumpe, Badesee.

Auf keinen Fall wollen wir wieder 120 km kurbeln.

Radtour PolenEin paar km vor einem See halten wir in Komorniki, einem kleinen Ort südlich von Glogow. Vorräte auffüllen. Kaum ein deutsches Dorf kann mehrere Tante-Emma-Läden vorweisen. Hier sind die Menschen auch in abgelegenen Regionen ausreichend versorgt. Wir fragen nach dem See. Was? Der See ist ein Schlammbecken für die umliegenden Kupferminen, erklärt eine freundliche Frau. Aber sie kennt einen Zeltplatz. Hausnummer 25. Ihr Haus. Die frisch gemähte Wiese dahinter. Ihr Mann arbeitet seit über 20 Jahren in Deutschland und ist seit ein paar Wochen in Polen. Gerade meinte er die deutsche Sprache zu vermissen.

Mit Ewa und Bogdan

Mit Ewa und Bogdan

Und nun breiten sich zwei deutsche Radler bei ihnen aus. Ewa und Bogdan bereiten den Verkauf des Hauses vor und gehen im September gemeinsam nach Bamberg, wo er längst heimisch ist. Zuerst gibt es Kaffee, dann kuschlige Badetücher und eine heiße Dusche. Unglaublich: Wildfremde Menschen nehmen uns auf wie langjährige Freunde. Nicht ohne ein üppiges Frühstück entlassen sie uns am nächsten Morgen. Mit Gemüse-Omelett und Bratwürstchen. Und vielen guten Wünschen. Danke zurück. Die beiden heiraten nämlich in ein paar Wochen an unserem siebenten Hochzeitstag. Die beiden sind großartig.

Unser eigentliches Ziel Krakow gaben wir längst auf. Mit dem Zug müssten wir zurück, doch wir wollen Rad fahren. Opole oder Wrozlaw sind auch abgehakt. Auf Schnellstraßen dürfen wir nicht, auf Nebenstraßen wollen wir nicht. Zu schmal, zu kaputt, zu riskant. Und nicht jede Nationalstraße hat einen Standstreifen.

Legnica

Legnica

Wir kurbeln nach Legnica. Das Zentrum ist ein Schmuckstück. Trotz Bausünden zwischen restaurierten Gebäuden. Vermutlich ein Sozialismus-Relikt. Das Navi verspricht uns einen Campingplatz in Legnickie Pole. Auf abenteuerlichen Wegen führt es uns dort hin. Kopfsteinpflaster und Schotter halten den Verkehr fern. Und tatsächlich. Wir reiben uns die Augen. Der Campingplatz existiert. Nicht ohne Grund: Die Barockkirche lockt Besucher, und nicht jeder kann sich das Hotel leisten. Ein niederländischer Bus rollt mit einer Truppe gläubiger Senioren an. Die jüngeren Betreuer kommen zu einem Schwätzchen an unser Zelt und beneiden uns um jeden km im Sattel.

Mit dem Italiener

Mit dem Italiener

Ein Italiener, über achtzig und so fit wie wir in diesem Alter sein möchten, schaut sich den Prachtbau aus reinem Interesse an der Architektur an. Er ist allein mit dem Wohnmobil hier. Nach einer Bypass-Operation setzte er sämtliche Medikamente ab, nimmt heute nur Omega-3-Öl und Ananasextrakt. Fleisch steht nicht mehr auf seinem Speiseplan, dafür Soja in allen Varianten. Dass er sich gut fühlt, nehmen wir ihm sofort ab. Zwischendurch dreht er ein paar Runden mit seinem Klapp-Rad. Bewegung und Ernährungsumstellung verordnete er sich selbst. Wieder einer, der sich mehr traut als üblich. Unsere Bewunderung beruht auf Gegenseitigkeit.

Deutsches Hang-Camping

Deutschland rückt näher. Doch einmal geht es in Polen noch auf Zeltplatzsuche. Bei teils rasantem Verkehr rollen wir nach Zlotorya. Vom weitem ist klar, die Kirche liegt auf einem Berg. Wieso fährt Werner da hoch, wir haben doch genug polnische Städte gesehen? Steil geht es nach oben. Ich kurbele hinterher, was bleibt mir weiter. Doch oben angekommen können wir noch sprechen. Gar nicht schlimm.

Zlotorya

Zlotorya

Ich klopfe mir auf die Schulter. Der Ort ist sehenswert. Die Hauptstadt der Polnischen Goldes hieß früher Goldberg. Goldgräberstimmung ist Geschichte, im 12. und 13. Jahrhundert war ihre Blütezeit. Doch 2000 und 2011 fanden hier Weltmeisterschaften im Goldwaschen statt. Eine Obst-Verkäuferin gibt uns ihre Adresse. Sollten wir keinen Zeltplatz finden, können wir an ihrer Apfelplantage campen. Leider nicht unsere Richtung. In der Tourist-Info stöbert man für uns im Internet nach Campingplätzen. Das Riesengebirge noch lange im Blick, geht es auf wenig belebten Nebenstraßen gut voran. Bald finden wir die erste Zeltplatz-Adresse. Agroturystyka. Bauernhof-Flair. Die Frau spricht außer „no Shower“ kein Wort englisch. Wir können unser Zelt auf der abschüssigen Wiese direkt an der Straße aufstellen. Weder Toilette noch Dusche. Kurzum: Wir sollen ein Zimmer nehmen. Nicht mit uns. Die andere Adresse suchen wir vergebens. Frustriert geht es zur nächsten Pension.

Legnica – Proseken

Mit der Neiße erreichen wir Deutschland. Kurven durch Görlitz, folgen dem Oder-Neiße-Radweg und finden vor Rothenburg einen Campingplatz. Mitten auf der Wiese ein Zelt und fröhliches Winken.

Bine und Andy - Team München

Bine und Andy – Team München

Bine und Andy kommen aus der Nähe von München. Oft kurbeln sie durchs Gebirge, doch diesmal ist Insel Rügen ihr Ziel. Am nächsten Tag treffen wir uns ohne Verabredung. Und das in einem Dorf, wo man die Bushaltestelle mit Gardinen statt Scheiben ausstattete.

Entdeckt in Klein Bademeusel

Entdeckt in Klein Bademeusel

Nicht wegen der Rowdys, die das Glas zerdeppern. Wegen der Vögel, die die Scheiben nicht wahrnehmen. Bine und Andy sind im Gespräch vertieft mit ein paar Dorfbewohnern, wir radeln weiter. Bald kleben sie wieder an unseren Reifen und kommen mit ihrer neuen Ost-Erfahrung nicht klar. Da wünschte sich gerade jemand den Sozialismus zurück und die rechte Szene gehört zum Alltag. Abends treffen wir uns beim Campen am Deulowitzer See, wieder ganz spontan. Ab jetzt sind wir als Team München und Wismar unterwegs und tauschen per SMS unsere Standorte aus. Team München taucht ins hügelige Hinterland ab, wir bleiben auf dem Radweg. „Das ist Deutschland, Kopfsteinpflaster, Schotterpiste und halb verlassene Dörfer?“ stöhnt Andy kopfschüttelnd beim nächsten Treff. Die beiden radeln zum Eichenhof in Lebus und wir nach Zeschdorf zum Wolffscamp. Früh morgens springe ich in den See. Nebel wabert auf dem Wasser, Enten drehen mit mir ihre Runden. Schöner kann ein Tag nicht beginnen. Team München holt uns an der Oder ein. Abends ist der Campingplatz am Parsteiner See unser gemeinsames Ziel. Wir sind zuerst da.

Campingplatz am Parsteiner See

Campingplatz am Parsteiner See (Foto: A. Stalla)

Was ist denn das? Zeltwiese am Hang? Wir kurbeln ganz nach oben und finden zwei einigermaßen ebene Plätze. Die Aussicht ist kaum zu toppen. Diverse Zelte in Schräglage. Team München kurbelt kopfschüttelnd die Wiese hoch.

Zwei neue Mecklenburg-Fans

Wir schlagen am nächsten Abend unser Zelt in Mescherin auf und gönnen uns einen radel-freien Tag. Team München meldet sich aus Szczecin. Unsere Tour geht Richtung Westen. Penkun kommt uns unverändert vor. 2009 waren wir schon mal hier. Es ist Samstag und in einem kleinen Laden, der auch Backwaren anbietet, erstehen wir das letzte Stück Kuchen. Der Kaffee schmeckt so fade wie der Ort auf uns wirkt. Nichts wie weg. Windräder und Maisfelder verschönern das hügelige Vorpommern nicht gerade. In manchen Dörfern scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Andere punkten mit Bäcker, Fleischer und restaurierter Kirche. Prenzlau kann sich sehen lassen. In Feldberg finden wir einen Campingplatz. Teuer und gerammelt voll. Typisches Touristen-Flair. Auch Lychen und Feldberg haben sich rausgeputzt, Rheinsberg sowieso. Vor Fürstenberg steuern wir die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück an. Wir sind entsetzt und glücklich zugleich. Über Mirow kurbeln wir der Müritz entgegen. Der Radweg entlang der Westufers bietet vor Röbel herrliche Ausblicke auf die Halbinsel Großer Schwerin. Richtung Waren wird es auf dem Radweg eng. E-Bikes sind flott unterwegs, junge Väter kämpfen sich die Hügel mit Kinderanhänger hoch. Nördlich vom Kölpin- und Fleesensee radeln wir zur Nossentiner Schwinzer Heide. In Leisten, am Plauer See, finden wir einen Campingplatz. Seit Mescherin kämpfen wir gegen den Wind. Auch bis zum Schweriner See wird es nicht besser. Hügel rauf und runter, und die Radtaschen kommen uns wie Bremsklötze vor. Abgekämpft schlagen wir das letzte Mal auf dieser Tour das Zelt am Schweriner See auf. Team München sitzt zwar am Berg fest im Sattel, doch den beiden setzt der Wind genauso zu. Als wir längst zu Hause sind, kommt eine Nachricht: „Team München meldet sich aus Seehof am Schweriner See. Morgen geht es mit dem Zug nach Hause.“ Unsere Antwort: „ In einer Stunde sind wir bei euch – ohne Abschieds-Fete könnt ihr Mecklenburg nicht verlassen!“

Abschied von Team München

Abschied von Team München (Foto: A. Stalla)

Wir sitzen am See bis es dunkel ist. Reden, lachen, schmieden Reise-Pläne. Unser Landstrich hat es den beiden angetan. Mecklenburg-Vorpommern hat zwei neue Fans. Wir müssen uns wiedersehen. Und die beiden wollen wiederkommen: versprochen.

 

 

 


Der Reisende reist, der Tourist wird gereist.  

Autor unbekannt


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