Wandern am Grünen Band in Thüringen und Bayern

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Wandern am Grünen Band in Thüringen und Bayern

Category : Trekking Touren

Es wird Zeit. Unsere Rucksäcke warten schon lange auf einen Einsatz. Viel Zeit haben wir nicht. Deshalb soll es auch nicht weit weg gehen. Als Naturliebhaber kommt uns das Grüne Band gerade recht.

Immer geradeaus

Immer geradeaus

Im Oktober 2013 sitzen wir bei strahlendem Sonnenschein im Auto und steuern den Campingplatz Auensee in Joditz (Bayern) an. Hier können wir – dank des freundlichen Campingplatzbetreibers – das Auto ein paar Tage stehen lassen. Am nächsten Morgen packen wir das Zelt nass ein. Der Himmel ist wolkenverhangen. Trotzdem traben wir los. Bald fängt es an zu schütten. In Regenklamotten gehüllt stiefeln wir verbissen unserem eigentlichen Ziel auf dem Saaleschleifenweg entgegen. Das Grüne Band beginnt in Hirschberg. Die acht km bis dahin müssen erst mal gemeistert werden. Die Rucksäcke drücken, die Schuhsohlen schmatzen auf dem nassen Waldboden, die wasserfeste Karte tropft. Irgendwann überqueren wir den Tannbach und finden uns in Thüringen auf dem Kolonnenweg wieder. Der Regen hat sich verzogen. Im ehemaligen Grenzstreifen wird heute der Acker bestellt. Über Venzka erreichen wir Hirschberg und wuchten vor einem Bäcker die Rucksäcke von den geschundenen Schultern. Wir stärken uns und erfahren, dass die Jugend hier frustriert das Weite sucht und wie wir am besten zur Saale gelangen. Vorbei am Rathaus entscheiden wir uns, den Fluss nicht zu überqueren und in Thüringen zu bleiben.
Zu unserer Linken das naturbelassene Ufer der Saale. Rechts ein paar schöne alte Häuser, denen nur noch Renovierung oder Abriß hilft. Irgendwann dröhnt über uns die A9. Der Weg steigt stetig an. Bald sind uns wunderschöne Aussichten beschert, nur getrübt von tief hängenden Wolken. Nach 13 km, kurz vor Sparnberg, finden wir neben dem Weg einen ebenen Platz. Kaum steht unsere Stoffhütte, fängt es wieder zu regnen an. Warm und trocken futtern wir das leckere Brot vom Joditzer Bäcker. Kein anderer Wanderer begegnete uns auf dieser ersten Etappe. Es liegt wohl am Wetter.

Am Grünen Band

Am Grünen Band

Am nächsten Morgen tanzen Mücken vor unserem Zelt. Zwar kein strahlender Sonnenschein, aber bessere Aussichten. Bald sind wir in Sparnberg an der Kirche. Sie ist verschlossen. Eine Frau – sie trägt Zeitungen aus – spricht uns an. Und erzählt ungefragt. Dass es heute auch in Sparnberg einige Ost-West-Beziehungen gibt. Doch meist bleiben Bayern und Thüringer unter sich. Die Bayern kommen bei ihr nicht gut weg. Als wir auch mal zu Wort kommen und erwähnen, dass wir eine Ost-West-Beziehung sind, hält sie sich schnell die Hand vor den Mund. Erschrocken verabschiedet sie sich. Wir stehen auf der Grenzfluss-Brücke und sie winkt uns doch noch zu. Fast wirkt es entschuldigend.
Der erste Ort in Bayern ist Rudolphstein. Obwohl nur ein paar 100 m Luftlinie von Sparnberg entfernt, sprechen die Leute hier völlig anders. Hinter dem Ort queren wir wieder die A 9. Diesmal dröhnt die Verkehrsader unter uns. Das Brückengasthaus Frankenwald in Sichtweite. Auf der bayerischen Saale-Seite nähern wir uns wieder Hirschberg. Durch Sachsenvorwerk und vorbei an einer Schiefer-Abraumhalde stehen wir nach einigen Stunden in Untertiefengrün. An der Saalebrücke zu Hirschberg harkt eine ältere Frau Laub zusammen. Sie fragt uns erstaunt, wo wir herkommen. Dass wir Zelt und mobile Küche mitschleppen, kann sie nicht fassen. Mit Blick auf das Wiedervereinigungs-Schild fragen wir, was von der Euphorie geblieben ist. Sofort bekommt sie feuchte Augen und erzählt erst mal von der Teilung. Ihre Familie wurde – wie so viele – getrennt. Ihre Eltern in Hirschberg waren plötzlich unerreichbar hinter dem alles überragenden Zaun. Hier, wo wir gerade miteinander reden, trennte er die beiden Orte unerbittlich voneinander. Die Grenzöffnung erlebten die Eltern nicht mehr. Sie erklärt uns noch, wo wir einkaufen können und wischt sich verstohlen ein paar Tränen aus den Augen.
Beim Bäcker und Metzger im Supermarkt sind wir wieder die Exoten und werden ausgefragt. Auf unsere Euphorie-Frage hören wir, dass Bayern und Thüringen gut zusammen gewachsen sind. Auch gäbe es viele grenzübergreifende Familien, die gut harmonieren.
Unser nächstes Ziel ist das Deutsch-Deutsche Museum in Mödlareuth. Wir laufen entlang der Saale, bis der Tannbach Thüringen und Bayern trennt. Ab jetzt Kolonnenweg. Man muss aufpassen, dass man nicht von den Steinen abrutscht. Wieder sind wir auf der Suche nach einem Übernachtungsplatz. Am Tannbach warnen Schilder vor Minen, obwohl dort Hochsitze aufgebaut sind. Da uns auch heute niemand begegnete, kommt unsere Stoffhütte neben dem Weg. Als wir im Zelt liegen, wird in unserer Nähe geschossen. Vielleicht ist es ein Jäger auf dem Hochsitz. Niemand scheucht uns weg. Wir schlafen selig.

Mödlareuth - einst geteilt, heute Museum

Auch Little-Berlin genannt

Am nächsten Morgen sind wir schnell in Mödlareuth. Das ganze Dorf ist Museum, so kommt es uns vor. Auf dem Parkplatz ein Panzer, an der Straße am Tannbach Schautafeln. Wie gewohnt waren wir auf dem Wanderweg unter uns, hier finden wir uns zwischen Schulklassen und Rentengruppen wieder. Auf der Toilette im Museum wäscht sich eine Frau die Tränen ab. Auch ihre Familie wurde durch die Grenze getrennt. Sie hätte mir gern mehr erzählt, aber der Reiseleiter drängelt. Wir sehen uns einen aufschlussreichen Film an. Die Bewohner der oberen Mühle konnten sich in letzter Minute nach Bayern retten. Die Mühle wurde, da sie im Grenzstreifen stand, abgerissen. Das Dorf wurde in der Mitte am Tannbach geteilt. Erst mannshoher Bretterzaun, dann Stacheldraht und Mauer. Deshalb auch Klein Berlin genannt. Im Dezember 1989 wurde die Mauer für Fußgänger geöffnet, später kam der Bagger und ließ als Mahnmal ein paar Meter Mauer stehen. Grenzfahrzeuge der DDR und Bundeswehr, ganze Batterien, sind in einer angrenzenden Scheune aufgereiht. Die ganze Ausstellung ist sehr informativ und gibt Anlass zum Nachdenken. Einer Museums-Mitarbeiterin stellen wir die Euphorie-Frage. Nur diese Frage will sie nicht hören. Fragt das hier jeder und sie hat davon die Nase voll? Doch wir hatten eher den Eindruck, man hat den Leuten den Mund verboten. Draußen spricht uns ein Mann an, der unsere Frage mit bekam. Fast entschuldigend hören sich seine Erklärungsversuche an. Jetzt haben wir von Mödlareuth genug und treten den Rückzug an.
Wieder nimmt uns der Kolonnenweg am Tannbach auf. Auf dem Saaleschleifenweg trotten wir zurück nach Joditz. Jetzt, am dritten Tag, drücken die Rucksäcke nicht mehr. Wir könnten noch tage-, wochen- oder monatelang so unterwegs sein. Doch wir müssen nach Hause. Unser Auto steht unversehrt auf dem Campingplatz.
24 Jahre nach der Grenzöffnung waren wir hier zu Fuß unterwegs, etwa 35 km. Immer noch wird abseits der Wege vor Minen gewarnt. Der Weg an der Saale ist einmalig schön. Am Tannbach wird neben dem Kolonnenweg der Acker bestellt, als wenn es nie anders war. Die Natur konnte sich in den Jahren der Teilung ungestört entfalten. Doch vielen Menschen wurde unendliches Leid angetan. Sie haben es uns erzählt.


Wander-Gesellen er-fahren die Welt intensiver als Viel-Flieger.
Walter Ludin


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Hardanger Vidda

Zu Fuß durch Europas größte Hochebene

Norwegen – es wurde Zeit. Wir brauchten bis Sommer 2010, um die karge Schönheit im Norden Europas zu entdecken. Endlich haben wir uns von der Minderheit der Norwegen-Nicht-Kenner verabschiedet. Jetzt können wir nur Wiederholungstäter werden.

Wanderpause

Wanderpause

Hier ein paar Zeilen  aus unserem Reisebericht:
„…..Der erste Eindruck von Norwegen: Felsen, Wälder, Wasser. Natur vom Feinsten. Klein-Kanada. In Evje entdecken wir einen einfachen Campingplatz, zelten am Wasser, schlafen uns aus. Baden und Sport am Fjord – oder ist es ein Fluss? Tee trinken und Tagebuch schreiben auf einem Felsvorsprung. Die Ruhe tut gut. Blaubeeren finden sich in Hülle und Fülle im Wäldchen neben uns. Als wir am nächsten Morgen weiter fahren und durch die ersten Läden gehen, erkennen wir das andere Superlativ neben der Natur: Die Preise. Da unser Kofferraum jedoch große Mengen Mundvorrat beherbergt, sind uns die norwegischen Gewinnspannen ziemlich schnuppe.

eiskalter Gletscherbach

Eiskalter Gletscherbach

Die Berge werden imposanter, der Fluss breiter, die Sümpfe größer. Felsbrocken finden sich wie über die Landschaft gestreut. Bei Ose entdecken wir den ersten Wasserfall. Auffallend schöne Rastplätze säumen die Straße. Wir essen am Fluss. Gleich fragt ein Norweger nach unseren Reiseplänen. Er wohnt nahe der Vidda und schon werden wir eingeladen. Sind die Menschen hier das nächste Superlativ?

Zwei Holzkirchen wecken in Bykle unsere Aufmerksamkeit. Wir gehen zuerst in die neue, größere Kirche. Kein Nagel wurde ins Holz getrieben, alles verzapft. Dem Klavier, wie selbstverständlich aufgeklappt, entlocke ich ein paar Töne. In die kleine, alte Kirche werden wir von einer jungen Frau in heimischer Tracht gelassen. Sie erzählt uns die Entstehungsgeschichte und ich darf die gerade restaurierten Orgelpfeifen zum Klingen bringen. Ohne kompliziertes Schlüssel besorgen und ohne Erlaubnis des Kantors. Einfach so. Ach ja, wir sind in Norwegen. Im Land der Superlative……“

Immer wieder Schneefelder

Immer wieder Schneefelder

„…..Am nächsten Morgen haben wir noch gerade trocken das Zelt und schon leicht durchnässt den Rest eingepackt. Unser Pfad führt uns im kalten Regen zu der kleinen Hütte Rjoto. Das Thermometer an der Tür zeigt am 20. Juli 1 Grad Celsius. Ich krame die Kamera hervor, dieses Superlativ muss verewigt werden. Unter dem Dachüberstand suchen wir vergeblich Schutz vor dem anhaltenden Regen. Wir erklimmen auf rutschigem Fels den Hallaskarhalsen auf 1133 m, steigen wieder ab zum Fluss. In Hadlaskard campen wir in der Nähe der Selbstversorger-Hütte. Lange waren wir nicht unterwegs, kochen im Zelt und sitzen den Regen aus. Meine Füße stecke ich zum Aufwärmen in die Ärmel meiner molligen Fleecejacke. Kälte macht kreativ…..“

Idyllischer Zeltplatz

Idyllischer Zeltplatz


Umwege erweitern die Ortskenntnis.
Kurt Tucholsky

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Gomera – Trauminsel im Atlantik

Gomera – Trauminsel im Atlantik

Gomera – das war im Oktober 2009. Übernachtet haben wir im Zelt und unter dem unglaublichen Sternenhimmel. Deshalb brauchten wir nur Flüge buchen. Permits für den Nationalpark waren nicht notwendig. Der Nebelurwald erinnerte an Kanada – nur eben Kleinformat.

Im Reisebericht kann man u. a. lesen:
……..“Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne wecken uns und tauchen die höchste Erhebung Teneriffas in rot-oranges Licht. Wenn ich den Kopf hebe, kann ich den Teide sehen. Ich reibe mir die Augen und erst jetzt wird mir richtig bewusst, dass wir an der Steilküste über San Sebastian, der Hauptstadt Gomeras, die Nacht verbracht haben. Das rot-orange Licht wird intensiver, links der Teide, rechts schiebt sich die Sonne als glutrote Scheibe in unser Blickfeld“………….

………….“Zurück auf dem Campingplatz zieht gerade eine Nebelwolke ein paar Meter neben dem Zelt vorbei. Unser Handtuch hängt dazwischen und ist eigenartigerweise nicht feucht geworden. Es ist bewölkt aber warm, ganz wenige Tropfen fallen von Himmel. Wir bestellen im Restaurant Salat. Die Kellnerin zeigt zum Himmel und schüttelt den Kopf. Der Argentinier erzählt uns später, dass die Leute hier sofort über schlechtes Wetter klagen, wenn die Sonne nicht scheint und ein paar Regentropfen fallen. Wir sind mit diesem Wetter hoch zufrieden – schließlich wird uns in Deutschland Kälte, Nebel oder Regen erwarten.

Gomera_Beitrag07

Über Nacht hat sich ein kleiner Salamander in unser Vorzelt geschlichen und es sich in einer Tasse gemütlich gemacht. Das Zelt muss immer verschlossen sein, sonst können wir die Echsen noch aus den Schlafsäcken schütteln. Heute wollen wir durch einen 500 m langen Stollen zur anderen Seite von El Cedro und über den Berg wieder zurück zum Zeltplatz wandern. So steht es in unserem Wanderführer. Inzwischen sind Schweizer, Spanier und Amerikaner auf dem Campingplatz, die wir schon von Teneriffa kennen. Sie wollen später auch durch den Stollen. Bewaffnet mit Stirnlampen machen wir uns auf den Weg, doch der Eingang vom Tunnel ist einfach nicht zu finden. Schließlich geben wir die Suche auf, wandern einen Berg hinauf, kommen in den Lorbeerwald. Der Boden ist hier mit grünen Ranken bewachsen, der Pfad sehr steil, steinig und voller hoher Stufen. In einer Schlucht kehren wir um, wollen uns nicht verlaufen. Den Schweizer treffen wir wieder, er hat den fast zugewachsenen Tunneleingang gefunden. Erneut machen wir uns auf den Weg, diesmal mit Sandalen, denn im Stollen steht knöchelhoch Wasser. Der Tunnel ist teils halbrund ausgemauert und niedrig,  wir müssen uns oft bücken und sind froh, als wir an einer fast senkrechten Felswand wieder in die Wärme kommen. Wir stehen in einer der vielen Schluchten, die bis ans Meer reichen. Ein schmaler Pfad durch üppiges Grün führt zu einer sich in Serpentinen windenden Straße. Mannshohe Agaven, unzählige Palmen und viele uns unbekannte Pflanzen, die es nur hier auf Gomera gibt, halten wir mit der Kamera fest“…………….


Reisen ist das einzig taugliche gegen die Beschleunigung der Zeit.    

Thomas Mann                                                                                                                                                                                                         

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Wildnis pur auf Vancouver Island

Im Sommer 2008 erfüllten wir uns den Wildnis-Traum in Kanada. Einfach Flüge nach Vancouver und drei Übernachtungen im billigsten Hostel gebucht. Die Permits für den Pacific-Rim-Nationalpark auf Vancouver Island hatten wir uns ebenfalls gesichert – aber mehr nicht. Keine Reiseleitung, ohne Wildnis-Führer. Der Rest war pure Überraschung. Auf zum West-Coast Trail in den Küsten-Regenwald.

Hier ein Ausschnitt aus unserem Reisebericht:

Bear in Area

Bear in Area

…………“Und da ist er plötzlich: Vor unserem Bus läuft ein Schwarzbär und trollt sich ins Dickicht. Wir haben Respekt, aber kein Muffensausen. Im   Pachena Trailhead müssen wir uns einen Film über die vielfältigen Gefahren ansehen und Notfalladressen angeben. Die Rangerin warnt uns vor Bären, Wölfen, Pumas, gefährlichen Rinnen am Strand, äußerst rutschigen Wegen und stellt eindringlich klar, dass dieser Weg kein Spaziergang in immergrüner Umgebung ist. Zuletzt bekommt jeder eine wasserfeste Karte mit Tidenkalender und ein „Good hike“ mit auf den Weg. Zu unserem Entsetzen prangt auf einer Tafel die Zahl 77. So viele Hiker mussten in dieser Saison bereits evakuiert werden.“ ……………

………….“Vor uns liegen noch einige schwierige Tagesetappen. Die schmalen, rutschigen und verwurzelten Pfade führen oft ganz nah am Rand der Steilküste entlang. Richtung Walbran Creek finden wir eine wacklige Bank. Gerade richtig für unseren Wal-Beobachtungs-Posten. Wir können uns kaum satt sehen. Erst Fontäne, dann Rückenflosse oder Fluke oder beides. Und dann noch eine Überraschung. Haben wir es mit einem Waldgeist zu tun oder woher kommt dieses Brummen?   Ein Fuchskolibri schwirrt vor uns her, schlägt Haken und lässt uns die Strapazen für ein paar Augenblicke vergessen. So weit im Norden hätten wir mit diesem kleinen, witzigen Gesellen nicht gerechnet.“ ……………….

…………..“Beinahe hätte ich es vergessen zu erwähnen. In der Wildnis haben wir unseren nächsten Sommerurlaub beschlossen. Wir wollen im eingangs erwähnten wunderschönen Deutschland Rad fahren. Natürlich mit Fahrradtaschen, Helm und Zelt. An der Elbe oder Weser, vielleicht den Donau-Radweg oder entlang der Oder. Da wir erwiesenermaßen Hotel- und Reisegruppen-untauglich sind, organisieren wir diese Tour wieder selbst. Der Abenteuervirus ist wie Malaria. Das Reisefieber meldet sich immer zurück. Die Symptome: Man träumt vom Rucksack packen, überprüft zum x-ten Mal die längst erprobte Ausrüstung, kommt an keinem Trekking-Markt vorbei, kauft Reiseliteratur und, und, und…………“

Imposante Brücke

Imposante Brücke

Kürzlich haben wir einen Vortrag über Kanada gehalten und am Ende kam die Frage, ob wir nicht wenigstens ein bisschen verrückt sind………
Na klar, wir sind ganz schön verrückt. Und außerdem haben wir unser Leben (im genauen Wortsinn) ver-rückt. Nachzulesen auf der Seite „Wie alles begann…..“.
In luftiger Höhe.


Einmal selbst sehen ist mehr wert, als hundert Neuigkeiten hören.

Japanisches Sprichwort


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Sahara im Advent

2006, im Dezember, zog es meine Freundin Anett und mich in die Sahara. Frauen-Urlaub. Ruhe genießen. Beobachten, wie der Wind mit dem Sand spielt. Hören, wie der Wind säuselt. Den heißen Wüstensand im Gesicht spüren. Durch erhabene Sanddünen laufen oder auf einem Dromedar reiten. So könnten wir jederzeit wieder aus dem Alltag aussteigen.

Zwei Frauen und ein Abenteuer

Rast auf der Düne

Rast auf der Düne

In Norddeutschland war im Dezember kein richtiger Winter. Wieder einmal nasskaltes Gruselwetter, und wir Abenteurer freuten uns auf ein paar Tage Sonnenschein in der Sahara.

Was hat uns Frauen bewogen, in die Wüste zu reisen? Das nördliche Tunesien kannten einige bereits. Jetzt wollten wir unbedingt in den Süden, das Gegensätzliche dieses Landes kennen lernen. Nicht im Hotel, sondern in der Natur. Richtig in die Wüste oder zu Hause bleiben.

Nach der ersten Nacht im Hotel auf Djerba fuhren wir zur Oasenstadt Douz. Von dort ging es gut gerüstet mit frisch erworbenen Kopftüchern und jeder Menge Wasser auf die Piste Richtung Wüstencamp Djebil. Die Landschaft veränderte sich. Erst mehr Steine, aber nach und nach Sanddünen, erst kleine, dann größere.

Jetzt war es endgültig, es gab kein Zurück. Die nächsten Tage würden wir uns auf unsere Füße, die Dromedare als Transportmittel und drei Männer als Führer verlassen müssen. Wir freuten uns auf das Leben in und mit dem Rhythmus der Natur, auf das Schlafen im offenen Zelt, das Wüstenessen und die Sanddünen – auf unser Abenteuer.

Wüstenküche

Das Begrüßungsessen im Wüstencamp bestand aus Tomatensuppe, Couscous mit Zwiebeln, Tomaten und Lammfleisch. Es schmeckte ausgezeichnet. Anschließend erklärte uns der Reiseleiter, wie ein Wüstenabwasch funktioniert. Teller und Besteck ab in den Sand und schrubben. Einfach und praktisch, wie alles hier. Morgens weckte uns das Geklapper des Geschirrs. Unsere Morgentoilette erledigten wir mit Feuchttücher und Wasserflasche hinter einer Düne. Der Himmel färbte sich rot und wir erlebten einen wunderschönen Sonnenaufgang. Zum Frühstück gab es frisch gebackenes Sandbrot, dazu Streichkäse, Feigenmarmelade und Pfefferminztee. Wir bestaunten die Wüstenküche. In Klappkisten verstaut entdeckten wir Kartoffeln, Reis, Nudeln, Couscous, Zwiebeln, Möhren, Knoblauch, Tomaten, Zucker, Kurkuma, Salz, Mehl, Olivenöl, Tee….. und jede Menge Büchsen Tomatenmark und Thunfisch. Ohne Hektik begannen die Männer mit dem Aufräumen des Lagerplatzes. Die Dromadare wurden von den Futterplätzen geholt und beladen.

Wüstenruhe

Desert Rose

Desert Rose

Mit Tagesrucksack auf dem Rücken, Wasserflasche in der Hand und Kamera um den Hals traten wir in die Spuren der Dromedare. Die Strecke war zum Angewöhnen nicht schwierig, der Boden fest. Welche Geräusche gab es hier? Der Wind säuselte, das gleichmäßige Auftreten der Tiere, die eigenen Schritte im Sand………….Nach kurzer Zeit wussten wir, die Wüste hat eine außergewöhnlich beruhigende Wirkung, lässt die Hektik der vergangenen Wochen einfach abfallen. Tolle Fotomotive taten sich vor uns auf. Bald wurden die Sanddünen höher und wir bekamen einen Vorgeschmack vom Laufen im losen Sand. Inzwischen war es Mittag. Zum Ausruhen erhielten wir unsere Schlafmatten. Schuhe aus und Sand an die Füße, ein herrliches Gefühl. Dazu herzhaften Thunfischsalat mit Sandbrot.
Wir zogen weiter durch hohe Dünen ohne Vegetation und flache Gebiete mit vielen Büschen. Das Licht veränderte sich, die Büsche gaben immer längere Schatten. Bald war eine geeignete Stelle als Übernachtungsplatz gefunden. Die Tiere wurden von ihrer Last befreit und die Wüstenküche   aufgebaut. Die Männer zeigten uns stolz ihren selbst gebauten Dämpftopf. Reis mit viel Gemüse wurde gekocht. Sofern der normale Mitteleuropäer nicht nur Glutamat angereichertes Fast-Food-Essen zu sich nimmt und damit seine Geschmacksnerven fast abgetötet hat, wird er das Wüstenessen lieben.

Wüstenschüssel

Keiner sollte glauben, die Tage in der Wüste verliefen gleichförmig. Wir rasteten an einem Brunnen. Die Dromedare wurden getränkt. Übrigens aus der gleichen Schüssel, in der unser Koch später wieder des Gemüse wusch. Keiner kann in der Wüste eine Extrawurst oder besser Extraschüssel bekommen.

Wüstentiere und Schott

Dromedar-Kopfstudie

Dromedar-Kopfstudie

Wer hätte in der Sahara mit Vogelgezwitscher gerechnet? Wir nicht, doch bald erkannten wir, die Wüste ist keine leblose Einöde. Eine kleine Echse konnten wir beim Sonnen beobachten. Und Wüstenspringmäuse fanden unser Zelt ganz nett. Die Tiere waren alle sandfarben, angepaßt an ihre Umgebung. Tierspuren von Wüstenfuchs, Maus und Skarabäuskäfer lernten wir deuten. Nachts war unser Zelt Skarabäuskäfer-Krabbelgebiet, kreuz und quer zogen sich die wie Reisverschlüsse aussehenden Linien.

Mitte der Woche ging es Richtung Salzsee, auch Schott genannt. Im Sand und auf unserer Haut begannen tausende Salzkristalle zu glitzern. Einer unserer Begleiter hob die erste Wüstenrose auf – und bald fanden wir selbst ganz viele.

Wüstenmond, Sternenhimmel und Solitär

Wüsten-Solitär-Dromedarköttel-Spiel

Wüsten-Solitär-Dromedarköttel-Spiel

Die letzte Nacht verbrachten wir wieder im Hotel auf Djerba. Bleibende Erinnerungen nehmen wir mit aus der Einsamkeit. In der dritten Nacht war Vollmond, der Mondaufgang und das surreale Licht waren ein Erlebnis besonderer Art. Doch am letzten Abend konnten wir noch den fantastischen Sternenhimmel genießen. Übrigens waren wir am Nikolaustag in der Wüste und malten zum Vergnügen aller viele Varianten vom „Haus vom Nikolaus“ in den Sand. Sandspiele sind hier sehr beliebt. Keine zivilisierten Zeit-Totschlag-Geräte stören das kreative Spiel. Frische Dromedarköttel sehen aus wie grüne Oliven, getrocknet werden sie grau und fest. Also kleine Kuhlen in den Sand und getrocknete Köttel hinein. Los ging das Wüsten-Solitär-Dromedarköttel-Spiel.

Wüstenbewohner

Nicht zu vergessen, dass algerische Nomaden unseren Weg kreuzten. Drei Generationen, ihre ganze Habe auf ein paar Dromedare verteilt, zogen durch die Wüste. Von dem Wenigen gaben sie gern ab und schenkten uns frisch geerntete Datteln. Welch eine Geste!

Wir haben noch ein besonderes Souvenir: Die leckeren Wüstenrezepte. Sie werden zu Hause unseren Speiseplan bereichern.

Ein Highliht waren die Abende am Lagerfeuer. Mit viel Musik, die Dromedartränk- und Gemüsewaschschüssel als Tamtam benutzt – da war unsere Lust auf Fernsehen einfach wie weggeblasen. So gern wir uns Sendungen über interessante Reiseziele in aller Welt ansehen: Hier haben wir niemandem zugeschaut, hier waren wir die Akteure.


Reisen sollte nur der Mensch, der sich überraschen lassen will.

Oskar Maria Graf


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