Vom Donau-Delta nach Wismar

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Vom Donau-Delta nach Wismar

Category : Rad Touren

Schrubbende Frauen und Internet gratis

Am nächsten Tag treibt uns die Neugierde Richtung Schwarzes Meer. Ohne Gepäck, da alles auf dem Zeltplatz, kommen wir gut voran. Wir rollen durch Dörfer, wo die Zeit anscheinend stehen geblieben ist, wären da nicht die nagelneuen Ortsschilder.

Gänse watscheln über die Straße

Gänse watscheln über die Straße

Gänse wackeln über die Straße, die Häuser klammern sich windschief aneinander, die Kirchen frisch gestrichen. Vor einer orthodoxen Kapelle scheuern mehrere Frauen die bunten Teppiche. Wir sollen sie unbedingt fotografieren. „Internet“ fragt eine und zeigt auf die Kamera. Eine andere meint „Hollandaise“ und deutet auf die Räder. „Germany“ war ihnen aber auch ein Begriff. Fröhlich lachend schrubben sie die Teppiche weiter, nicht ohne uns vorher in ihr Kirchlein zu lassen.

Teppich schrubbende Frauen

Teppich schrubbende Frauen

Die Straßen machen jedem Schweizer Käse Konkurrenz. Stellenweise können wir den Löchern kaum ausweichen. Autos fahren Slalom oder kriechen im Schneckentempo dahin. Pferdewagen sind am schnellsten unterwegs und die Kutscher winken uns freundlich zu. Gegen Mittag kommen wir an Paprikafelder vorbei. Die Pflücker liegen in der prallen Sonne am Straßenrand. Zwiebeln werden auch geerntet und sofort in große Säcke abgepackt. Wir finden ein Internet-Cafe. E-Mails schreiben wäre toll, doch nur mit eigenem Laptop möglich. Ich darf den hauseigenen PC gratis nutzen. Die Freundlichkeit der Menschen überrascht uns immer wieder. Hier in Sarichioi sind wir an einer großen Lagune vom Schwarzen Meer. Leider ist der Strand völlig verdreckt. Die Lust zu baden vergeht uns. Wir fahren zur weithin sichtbaren Kirche. Die goldene Kuppel strahlt in der Sonne.

Strahlende Kuppel in Sarichioi

Strahlende Kuppel in Sarichioi

Auf dem Rückweg zum Zeltplatz halten wir in einem Dorf. Werner besorgt Wasser. Das Übliche, viele bierselige Männer. Im Nu bin ich von der angetrunkenen Schar umringt. Alle halten einen Zipfel meiner Karte und jeder will mir den Weg erklären. Einer kann etwas englisch und fühlt sich wie der King. Werner taucht auf und gibt jedem, wie hier gang und gäbe, die Hand. Plötzlich steht ein Mann – seine Augen funkeln vor Wut – vor ihm und zieht mit der Hand vor seinem Hals eine waagerechte Linie. Die Männer werden laut, versuchen den Wüterich zu beruhigen, die Situation wird heikel. Wir springen auf unsere Räder und nichts wie weg. Hat Werner den Aufgebrachten übersehen und nicht mit Handschlag begrüßt?
Vor vielen Gehöften stehen Körbe mit Obst und Gemüse, das was Selbstversorger übrig haben. Ich nehme einige Tomaten und gehe zum Haus, will bezahlen. Der Mann sagt „zero, zero“ winkt ab, nimmt kein Geld.

Stockbetten und knittrige Fünfer

In Tulcea angekommen ist kein Zeltplatz zu finden, kein Pensionszimmer zu haben. Wegen eines Musikfestivals sind alle Quartiere ausgebucht. Werner will die Nacht im Bahnhof verbringen. Plötzlich taucht der Elektro-Ingenieur auf, den wir im Zug hierher kennengelernt hatten. Sein Zug nach Bukarest fährt in einer Stunde. Hier die Nacht verbringen sei viel zu gefährlich, warnt er uns. Wir sollen mitkommen. Ruckzuck klärt er mit dem Schaffner die Umbuchung unserer Fahrkarten. Ehe wir uns versehen, schaukeln wir im Abteil für Kinderwagen und Rollstuhlfahrer Bukarest entgegen.

Triumpfbogen in Bukarest

Triumpfbogen in Bukarest

Gegen 23 Uhr landen wir in der rumänischen Hauptstadt. In dichtem Gedränge bahnen wir uns einen Weg zu den internationalen Schaltern. Am liebsten wären wir sofort in einen Zug nach Budapest geklettert, doch weit gefehlt. Erstens kommen wir ohne Platzkarten da nicht rein, zweitens ist Radmitnahme Verhandlungssache mit dem Schaffner, drittens kann ich Platzkarten erst für den Zug um 19 Uhr am nächsten Tag ergattern. Hier ist – wie uns der nette Elektroingenieur versichert hatte – eine Armada Security-Personal mit Schlagstöcken präsent. Als wir uns ein Plätzchen abseits vom Bahnhofstrubel suchen wollen, bekommt Werner von einem Backpacker ein Prospekt vom Explorers-Hostel in die Hand gedrückt. Nicht mal 2 km entfernt. Wir entscheiden, hier unser Glück zu versuchen und fahren los. Die Straßen sind spärlich oder gar nicht beleuchtet, Nutten kommen auf Werner zu. Als sie mich entdecken, verschwinden sie.

Explorers Hostel

Explorers Hostel

Die Fenster des Hostels sind, wie an allen Gebäuden hier, unten vergittert. Das ganze Viertel wirkt schäbig. Ich drücke beherzt die Klingel. Werner steht mit ausgeklapptem Messer hinter mir. Wir sind uns nicht sicher, wo wir gelandet sind. Knast? Puff? Zwei Männer bitten uns rein. Unbeschreiblich. Stehen wir doch in einer wunderschön restaurierten Villa mit Stilmöbeln. Eine Freitreppe führt nach oben. Unsere Räder kommen in den großzügigen Eingangsbereich. Wir nehmen die letzten freien Betten im Sechs-Bett-Zimmer. Im riesigen Bad dominiert die große Eck-Badewanne. Internet, Bukarest-Karte und Frühstück inklusive. Nach einer Stunde liegen wir oben in den Stockbetten und können kaum aufhören zu lachen. Die anderen schlafen bereits. Gut erholt erkunden wir am nächsten Tag Bukarest. Sehenswert und Fahrrad-freundlich.

Im Bukarester Bahnhof

Im Bukarester Bahnhof

Wir sind rechtzeitig am Bahnsteig, um den Schaffner abzupassen. Ein 10-€-Schein zeichnet ein Lächeln in sein Gesicht. Wir verladen unser Gepäck in den Waggon gleich hinter der Lok. Die anderen Fahrgäste sind wieder sehr tolerant, unsere Räder finden nur vor der Toilettentür Platz. Wie auf der Hinfahrt sind die Leute bald aufgekratzt am Erzählen. Wir bekommen als erstes Becher in die Hand gedrückt. Dann schenken uns wildfremde Rumänen Wein ein. Sie sprechen kein Wort englisch, doch mit Ohne-Wörter-Buch, Gestik und Mimik verstehen wir uns blendend. Nach einer Weile reichen sie uns Schnitzel in Weißbrot und Nektarinen rüber. Natürlich hatten sie auch den Tausch der Platzkarten für uns organisiert, so dass wir in der Nähe unserer Räder bleiben konnten. Mit einem Smily an der von der Klimaanlage beschlagenen Scheibe verabschieden wir uns von unseren liebenswürdigen Begleitern. Sie verlassen lachend den Zug in Arad.
An der ungarischen Grenze bekommt unser Zug nicht nur eine andere Lok, sondern auch zusätzliche Waggons. Unsere Räder stehen nun im Gang. Die Grenzer zwängen sich dran vorbei, ohne Fragen zu stellen. Nur die rumänische Putzfrau schimpft. Dann betritt der ungarische Schaffner mit strenger Mine die Szene. Räder, das geht nicht, die müssen raus. Werner diskutiert nicht: „How much is it?“ 20 € pro Rad. Klare Ansage. Wir ziehen aus verschiedenen Taschen knittrige Fünfer, tun so, als müssten wir suchen. Werner hat vier Scheine in der Hand. Der Schaffner langt zu, lacht verschmitzt und ist verschwunden.

Ungarisch müsste man können

In Budapest angekommen kämpfe ich mich zum nationalen Schalter durch. Für die morgige Weiterfahrt bis Györ brauchen wir Rad-Tickets. Als ich endlich an der Reihe bin, komme ich mir vor wie auf einem fremden Stern. Hier wird vorausgesetzt, dass man ungarisch kann. Englisch? Fehlanzeige. Genervt wird jemand geholt, der mein Anliegen versteht. Zu einem Spottpreis bekomme ich die kerekpar-Tickets. In Ermangelung von Forint bezahle ich mit Kreditkarte. Wieder treffen mich grantige Blicke. Zum Glück ist die Scheibe dazwischen.
Nach der Übernachtung auf dem uns bekannten Zeltplatz sind wir zeitig am Zug, der tatsächlich ein großes Radabteil sein eigen nennt. Einstieg hüfthoch. Nette Studenten aus Passau wuchten unsere Räder hoch. Ein paar Minuten vor der Abfahrt tauchen zwei niederländische Familien auf. Räder mit Kinderanhänger und ein Haufen Gepäck. Die Männer springen aus dem Abteil und helfen den  verzweifelten Radlern, ihre Habe rechtzeitig hochzuhieven und kein Kind auf dem Bahnsteig zu verlieren. Erzählen die Niederländer, dass am Schalter niemand englisch verstand und sie fast eine Stunde für den Fahrkartenkauf brauchten. Das kommt mir bekannt vor. Internationaler Bahnhof mit nationalem Sprachgebrauch.

Vor dem Rathaus in Györ

Vor dem Rathaus in Györ

Györ versöhnt uns mit Ungarn. Die Stadt wirklich sehenswert, die Menschen nett. Nur kurz müssen wir auf die Hauptstraße, um zum EuroVelo 6 zu gelangen. Wir überqueren die Donau und sind wieder in der Slowakei. Wo wir auf der Hinfahrt am Stausee bei Gabcikovo Rückenwind hatten, kurbeln wir nun gegen die auffrischende Brise an. Wir übernachten noch einmal auf dem Zeltplatz in Rajka und düsen über Bratislava zurück nach Wien. Ein Tag bleibt uns für eine Spritztour durch Österreichs Hauptstadt. Den Weg zum Bahnhof Meidling erklärt uns ein freundlicher Radler. Von hier geht morgen unser Zug Richtung Heimat. Ein lustiger Wiener erzählt uns vor dem Stefansdom ungefragt Witze. Am Prater setzen wir uns auf die Wiese, beobachten das Riesenrad und bunte Treiben. Die Wiener flanieren auf der Hauptallee und genießen den Feiertag. Es ist der 15. August, Maria Himmelfahrt.

Riesenrad am Wiener Prater

Riesenrad am Wiener Prater

Ein paar Anmerkungen zum Schluss

längste Tagestour: 124 km (in Ungarn von Tass bis Baja)
durchschnittliche Tagestouren: 90 km
insgesamt: 1655 km
Wir sind durch die Karpaten gefahren und nicht geschoben. Wir haben das Naturparadies Donau-Delta erlebt. Der Weg war der Weg, das Ziel war das Ziel.
Wir sind nicht – wie oft prophezeit – bestohlen, sondern mehrfach beschenkt worden.
Der Jerusalem-Pilger Stefan – wir trafen ihn in Serbien – hat am 12.12.2012 nach 6 Monaten, einer Woche und 4079 km sein Ziel erreicht.
Die Straßenhunde in Rumänien waren nicht so gefährlich wie erwartet. Nur einmal wetzten bellende Hunde bei voller Fahrt bergab neben mir her. Als ich die Hand hob und laut schrie, verschwanden sie.
EU-Projekte waren manchmal an Sinnlosigkeit kaum zu übertreffen. Wie so gegensätzliche Mentalitäten wie z. B. Deutsche und Rumänen in einer Staatengemeinschaft zusammen wachsen sollen, ist uns unverständlich. Vielleicht exportiert die EU ja mal Spannbettlaken in die kroatischen, serbischen und rumänischen Pensionen. Die Gäste werden es zu schätzen wissen.

Die schöne Gepflogenheit, bei Einbruch der Dunkelheit im Zelt zu verschwinden und mit der Sonne aufzustehen konnten wir zu Hause nicht fortführen. Nur reisetauglich – nicht tauglich im Arbeitsalltag.

Wir halten es mit dem österreichischen Schriftsteller Alfred Polgar und fühlen uns wie Lebenskünstler. Ja, der Gedanke an den vergangenen Sommer wärmt uns nun den Winter. Ebenso der Gedanke an den kommenden Sommer, denn wir gehen natürlich wieder auf Tour. Wohin? Verraten wir später.

 

Lebenskünstler ist, wer seinen Sommer so erlebt, dass er ihm noch den Winter wärmt.

Alfred Polgar

Foto: Regis Lehmann

Foto: Regis Lehmann

Besonders danken möchten wir Stefan Lehretter. Er hat uns viele nützliche Informationen über das Donau-Delta, sogar eine detaillierte Karte sowie Adressen von zuverlässigen Fischern zukommen lassen.

– ENDE –

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