Von Belgrad zum Donau-Delta

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Von Belgrad zum Donau-Delta

Category : Rad Touren

Belgrad – chaotisch und gefährlich

Balkan-Beitrag

Am 1. August gegen Mittag ist der Ritt durch Belgrad geschafft. Vor der Donaubrücke küsst ein Mann für uns das Kreuz an seiner Halskette. Auf der Brücke ist uns klar, warum. Baustelle, extra schmale Spur und rasende Blechkisten jeder Größe schießen viel zu dicht an uns vorbei. Anschließend nehmen wir einfach die sechsspurige Schnellstraße und düsen ganz entspannt die Busspur entlang. Wo Pferdewagen unterwegs sind, toleriert man auch Radler.

Hinter Belgrad: Unterwegs auf der Schnellstraße

Hinter Belgrad: Unterwegs auf der Schnellstraße

Abends finden wir nach endloser Schotterpistenfahrt einen Zeltplatz an der Donau. Im Eingangsbereich Müllhalde, Steh-Toilette in Kombination mit Dusche – alles da, was wollen wir mehr. Ein Pärchen aus Spanien, Bea und Juanma, rollt nach uns an. Sie packen gegen 21 Uhr diverse Küchenutensilien aus – 2 Kocher, Baguette, Fleisch, Olivenöl, Gewürze, Tomaten, Knoblauch, Zwiebeln – und zelebrieren ihr Nachtmahl. Ich lehne dankend ab, verspeise Paprika roh, was die beiden überhaupt nicht verstehen. Sie meinen es gut und wollen meine Paprikas schmoren. Als die beiden am nächsten Morgen verschlafen aus dem Zelt lugen, sind wir schon startklar.

Mit Bea und Juanma aus Spanien

Mit Bea und Juanma aus Spanien

Karpaten am Horizont

Kaum sind wir wieder auf der Piste, kommen die Karpaten in Sicht. Fantastischer Ausblick. Überflutete Donauwiesen, Reiher in geduldiger Pose, Störche auf Froschjagd und am Horizont die ersten Berge. Ich habe Respekt vor dem Gebirge und sehe mich im Geiste bei brüllender Hitze das schwere Rad die Berge hochschieben. Au Backe, was mich wohl erwartet. Werner wird die Steigungen locker nehmen und auf mich warten müssen.

Karpaten in Sicht

Karpaten in Sicht

Serbisches Dorfleben

Im nächsten Dorf das vertraute Bild. Bierselige Männer palavern vor dem Laden. Ein Mopedfahrer, barfuß und mit kurzer Hose bekleidet, hat nur die rechte Hand am Lenker. Mit der linken hält er ein kleines Kind, das auf seinem Oberschenkel sitzt. Laut rufend bringt ein Fuhrwerklenker seine Melonen an den Mann oder die Frau. Die Telefonzelle ist gleichzeitig Infotafel für Neuigkeiten aller Art. Hier erfährt man, wer verstorben ist und wann die nächste Party steigt.

Geradewegs durch die Festung

Bald sind wir am Donau-Theis-Donau-Kanal und in Stara Palanka, wo uns die Fähre nach Ram ans rechte Donauufer bringen soll. Zwei weitere Räder lehnen am Geländer. Ein Studenten-Pärchen aus Freiburg berät, ganz in die Karte vertieft, die weitere Tour. So nach und nach reihen sich große und kleine, alte und neue Fahrzeuge in die Warteschlange ein. Plötzlich zwei Liegeräder mit bunten Wimpeln – Isabelle und Regis kommen gerade rechtzeitig. Wieder waren sie uns dicht auf den Fersen – oder besser Reifen. Und kurz vorm Ablegen der Fähre fahren ganz relaxt die Spanier Bea und Juanma vor. Woher wussten die nur, wann es über den Fluss geht? Während der wunderschönen Überfahrt einigen wir uns mit den Franzosen, die Tour bis ins Donau-Delta gemeinsam fortzusetzen.

Der nächste Ort ist Veliko Gradiste am Silbersee, der durch die Abtrennung eines Donauarmes entstanden ist. Breite Seerosenstreifen säumen das Donauufer und reichen oft bis in die abzweigenden Nebenarme. Die Beschaulichkeit der letzten Tage ist dahin, die landschaftliche Idylle leidet unter dem Touristenrummel. Schon hinter der Fähre in Ram fielen uns ungewohnt vornehme Häuser mit dicken Kaleschen davor auf. Nur ab und zu eine alte Hütte dazwischen. In einem Dorf ist die Straße gesperrt. Wir müssen über einen Basar schieben. Das Angebot reicht von Obst, Gemüse, Möbel, Sofas, Holz-Fliegenpilzen über Schnapsbrennanlagen, Fliesen, Werkzeuge aller Art bis zu einer gigantischen Auswahl an Grabsteinen. Stehen bleiben ist abartig. Sofort werden wir von aufdringlichen Verkäufern bedrängt, die den Männern Parfüm und uns Frauen Slips andrehen wollen.

Mittelalterliche Festungsruine .....

Mittelalterliche Festungsruine …..

Bei Vinci wird der Fluss zu unserer Linken immer breiter, um sich hinter der Festung Golubac durch ein enges Bett mit senkrecht aufragenden Felswänden zu winden. Gerade ist noch Platz für eine zum Glück gut asphaltierte, verkehrsarme Straße. Wo radelt man schon auf einer öffentlichen Straße geradewegs durch eine mittelalterliche Festungsruine? Hier in Serbien an der Donau hinter Golubac. Die gleichnamige Festung lässt heute Autos und uns Radler ohne Wegezoll passieren, beschert fantastische Ausblicke und das Ritter-der-Straße-Gefühl. Ein echtes Highlight, bevor es ins Gebirge geht.

..... gleich hinter Golubac

….. gleich hinter Golubac

Bei 57 ° C durchs Gebirge

Wir düsen zu einem kleinen Zeltplatz auf einer Landzunge und genießen den ultimativen Karpaten-Donau-Sonnenuntergang. Als es dunkel ist, rauschen die Spanier mit Stirnlampen an und bauen im Licht ihrer Rad-Scheinwerfer das Zelt auf. Als erstes packen sie natürlich ihre mobile Küche aus. Ein Radler aus Belgrad zeltet gleich neben uns, er kurbelt hier öfter durch die Berge. Der Touri-Rummel ist zu unserer Erleichterung längst vorbei.

Abendstimmung am Donaudurchbruch

Abendstimmung am Donaudurchbruch

Die Straße entwickelt sich zu einer Höhenstraße. Die Ausblicke zur rumänischen Donauseite könnten schöner nicht sein. Bald der erste Tunnel. Unbeleuchtet und nicht ungefährlich. Es folgen noch sehr viele. Kurze und lange. Irgendwie sind wir beim Zählen durcheinander gekommen. Wir wussten nicht, dass es Trinkwasserstellen gibt – Wasser direkt aus dem Berg. Sonst hätten wir unsere Räder nicht zusätzlich mit dem Durstlöscher beladen. Oft können wir sehen, wie sich die Straße den nächsten Berg hochschlängelt. Etwa bei Donau-km 1005 zweigt die Radroute links von der Straße ab und wir sausen eine steile Abfahrt hinunter. Vielleicht sollten wir nur an einem Restaurant landen. Natürlich kehren wir ein, sind ganz heiß auf kalte Getränke. Gerade habe ich mein Tacho auf Temperatur gestellt: 57,4 ° C in der Sonne, im Schatten gut 40 ° C.

Durch die Karpaten bei 57 ° C

Durch die Karpaten bei 57 ° C

Natürlich müssen wir uns wieder zur Höhenstraße hocharbeiten, passieren jedoch noch eine wunderschöne Schlucht. Der Fluss Boljetin, worin wir uns zur Abwechslung die Füße kühlen, rauscht zur Rechten. Einzigartige Felsformationen, deren Schichten wie gekippt verlaufen, versetzen uns in Erstaunen.

Pause in einer grandiosen Schlucht (Foto: Regis Lehmann

Pause in einer grandiosen Schlucht (Foto: Regis Lehmann)

Dann gilt es, in 2 km 125 Höhenmeter zu bewältigen. Der Fahrtwind ist sehr angenehm. Irgendwo hält Werner, der immer voraus fährt, unter einem schattenspendenden Baum. Der Belgrader, den wir vom Zeltplatz kennen, pausiert hier auch gerade. Noch drei Kurven, dann sind wir „on top“, verspricht er mir. So ist es auch. Wie bin ich eigentlich hier rauf gekommen? Hatte ich nicht gestern noch Panik, dass ich mich Rad schiebend hochschrauben werde? Alles Quatsch, ich schaffe die Steigungen, und es fällt mir trotz der Hitze nicht mal schwer. Runter schalten und nicht zu schnell und gleichmäßig treten. Viele Radler haben schon ganz andere Gebirge bezwungen. Doch für mich ist hier der erste Höhepunkt, denn vor ein paar Jahren war ich ein körperliches Wrack und solche Aktionen pure Utopie. Das erste Ziel ist für mich erreicht: In den Bergen nicht schlapp machen. Meine Panik hat sich in Höhenluft aufgelöst.

10 % Steigungen - kein Problem

10 % Steigungen – kein Problem

Die anschließende Abfahrt entlang der Donau kann ich richtig auskosten. Auch Isabelle und Regis haben mit ihren Liegerädern alle Steigungen bewältigt. Doch unsere Räder sind nach ihrer Meinung „bergtauglicher“. Abends finden wir Zimmer in einer Pension, zelten leider Fehlanzeige. Die Spanier – wie kann es anders sein – kreuzen auch auf. Juanma entpuppt sich als Spitzenkoch und serviert spanische Tortilla.

Das Eiserne Tor und unheilige Kühe

Auch am nächsten Tag wieder Hitze, Höhenmeter und Tunnel. Wir sind im Nationalpark Djerdap (Eisernes Tor). Gigantische Wassermassen durchfließen die 90 m hohe Schlucht. Atemberaubende Ausblicke hinter der engsten Stelle des Donaudurchbruchs sind die gerechte Entschädigung nach 4 km Anstieg. Wir halten immer wieder an, genießen die einzigartige Landschaft. Decebal, der letzte König der Daker, ist auf der anderen Donauseite in Fels gehauen.

Schneller als erwartet nähern wir uns dem Derdap-Staudamm, der Grenze zu Rumänien. Ein paar Kühe – zwar nicht heilig – trotten die Straße entlang und glotzen genauso entgeistert wie wir.

Auch hier verlaufen die Grenzkontrollen reibungslos. Die Autofahrer am Ende der Schlange vor der rumänischen Grenze schicken uns nach vorn und die Grenzer kommen uns entgegen, so dass wir inmitten der Autos zügig abgefertigt werden. Netter Empfang in Rumänien. Ungemütlich wird es auf der von vielen LKWs befahrenen Hauptstraße nach Drobeta Turnu Severin. Straßenhunde nach Unfalltod stinken vor sich hin. Aufgebrezelte Frauen – vermutlich Nutten – sitzen auf dem Bordstein. Am Stadtrand verfallene Häuser, viel Unrat, Pferdewagen. Die Kirchen sind frisch restauriert oder eingerüstet. Morgen wollen wir mit dem Zug nach Tulcea am Donau-Delta. Zum Glück finden wir gleich den Bahnhof. Hochmodernes Gebäude, als Kontrast Gleisanlagen voller Unkraut. Isabelle regelt den Fahrkartenkauf mit Hilfe einer jungen Frau, die perfekt französisch spricht. Problemlos erstehen wir Fahrradkarten. Leider gibt es auch hier keinen Campingplatz. Doch wir ergattern günstige Zimmer. Die Räder stehen in einem Gastraum zwischen festlich gedeckten Tafeln.

Abenteuer rumänische Eisenbahn

Pünktlich stehen wir am nächsten Morgen am „EURO GARA“ und beobachten das Treiben. Eine Frau mit Warnweste und Kopftuch fegt Müll zusammen. Regis schenkt ihr Zigaretten. Sie lacht freundlich und lässt sich sogar von mir fotografieren, nimmt zuvor das Kopftuch ab und streicht ihr Haar zurecht. Dann schenkt sie uns drei riesengroße Müllbeutel. Wir Frauen benutzen diese als Unterlage, als wir uns auf die Treppenstufen niederlassen. Doch wir können die Müllsäcke nicht mitnehmen. Die Frau wird bestimmt enttäuscht sein. Der Bahnsteig ist von Menschen und Gepäck berstend voll, als der Zug nach Bukarest einfährt. Nirgends ein Fahrradzeichen zu entdecken. Wir bahnen uns einen Weg durch die Menge zum letzten Waggon. Ehe wir auch nur ein Gepäckstück durch die Tür befördern können, steht der Schaffner mit abweisender Handbewegung vor uns und pustet in seine Pfeife. Regis wedelt mit den Fahrradkarten und brüllt „non“. Der Zugführer wartet ab. Diese Szene wiederholt sich drei Mal. Pfiff, Radkarten, non, der Zug fährt nicht los. Inzwischen haben wir die Taschen von den Rädern gerissen und unsere Habe im letzten Waggon verfrachtet. Hinter mir fällt die Tür krachend ins Schloss und der Zug ruckelt ächzend los. Wir schieben die Räder in den schmalen Seitengang und verteilen unser Gepäck. Wer nun durch will, muss sich dünn machen.

Radabteile sind in Rumänien nicht an der Tagesordnung

Radabteile sind in Rumänien nicht an der Tagesordnung

Ein Reisender beginnt lautstark zu wettern. Sozial verstehe ich nur. Der Schaffner hält dem Aufgebrachten meine Radkarte unter die Nase, er gibt Ruhe. Die anderen Fahrgäste sind ausgesprochen freundlich. Viele sprechen französisch und englisch. Sie besorgen uns Sitzplätze, entschuldigen sich für die fehlenden Radabteile und den schimpfenden Mann. Sind begeistert, dass wir ihr Land erkunden. Ein junger Mann, Florin, war in Thüringen zur Ausbildung. Ruckzuck hat er unsere Homepage auf seinem Tablet-PC. Viele beschäftigen sich – wie überall – mit Smartphone oder Netbook. Doch nach kurzer Zeit reden und lachen fast alle miteinander. Ohne-Wörter-Buch und Kauderwelsch-Sprachführer machen die Runde. Ich bekomme gratis Sprachunterricht in rumänisch, kann bald – grammatikalisch korrekt – zwei Zimmer bestellen. Ankunft in Bukarest. Der erst so gereizte Schaffner lässt sich von Regis sogar zu einem gemeinsamen Foto überreden.

Der Schaffner wurde doch noch freundlich (Foto: Regis Lehmann)

Der Schaffner wurde doch noch freundlich (Foto: Regis Lehmann)

Zum Glück weder Zeitdruck noch Treppen. Ich suche die Toilette in der Hoffnung auf weniger Geruchssinn-Schmähung als im Zug. Einen Leu berappen, gedruckte Quittung und drei abgezählte Fetzen Klopapier entgegennehmen, es wird – was auch immer – gescannt und man darf passieren. Gestank penetrant, Klobrillen verdreckt, alternativ zum Glück Steh-Klos, Wasserhähne ohne Wasserstrahl. Der Zug nach Tulcea hat – wir trauen unseren Augen kaum – ein Abteil für Kinderwagen und Rollstühle. Da weder das eine noch das andere an Bord ist, machen wir uns hier breit, ohne den Durchgang zu blockieren.

Von einem sehr gut englisch sprechenden Elektro-Ingenieur erfahren wir, was in keinem Reiseführer steht. Das noch immer nicht stillgelegte Atomkraftwerk Marke Tschernobyl, woran der Zug gerade vorbei ruckelt, bereitet den Menschen Sorgen. Fahrkarten sind billig, doch billiger fährt, wer schmiert. Gerade beobachtet. Ein Bündel Geldscheine wandert recht auffällig in die Hosentasche des Schaffners. Da bleibt der Bahn kein Geld, um schadhafte Gleise zu erneuern. Die Waggons von Siemens haben schon bessere Tage gesehen. Gut in Schuss sind die Uniformen des Bahnpersonals. Auch die Beschilderung macht was her. Unser netter Begleiter hat sich in ganz Europa umgesehen und beworben, doch da er Rumäne ist, interessieren weder Qualifikationen noch Sprachkenntnisse. Er schämt sich für den schlechten Ruf seines Heimatlandes, wo Demokratie verschwindend gering und Korruption übermächtig sind. Dass wir sein Land kennenlernen und die Klischees hinterfragen wollen, freut ihn außerordentlich. So fährt er weiterhin mit dem schleichenden Zug zur Arbeitsstelle, die nicht seiner Vorstellung entspricht.

Bahnhofsgebäude alt - Beschilderung neu

Bahnhofsgebäude alt – Beschilderung neu

Der Zug hält in mehreren kleinen Orten. Meist ärmliche Hütten, ab und zu glänzt ein neues Dach. Pferde, Esel, Ziegen und Schafe sind unweit der Gleise angepflockt. Auf den Wiesen grasen Kühe, die Hirten liegen im Gras. Eine mollige Schaffnerin springt in schmucker Uniform über die Schienen und reicht unserem Zugführer Papiere. Zwei ältere Männer – einer tätowiert und nur mit schmutziger Hose und Sandalen bekleidet, der andere mit Hut, ausgeleiertem Shirt, Hose und viel zu großen Turnschuhen – stehen am Bahnsteig und warten auf ihre Chance. Einer springt der anmutigen Schaffnerin hinterher und reicht einen Beutel mit Obst in den Zug, nimmt einen Geldschein entgegen und gesellt sich wieder zu seinem Kumpan, der mit seiner Tüte voller Früchte auf den nächsten Zug wartet.

Tulcea – das Tor zum Donau-Delta

Wir kommen in Tulcea an, als es bereits dunkel ist. Unsere kleine Radkarawane zieht Richtung City, in der Hoffnung, eine Bleibe zu finden. Einige Jugendliche bringen uns unaufgefordert zu einer Pension. Ich frage – wie gerade im Zug gelernt – in rumänisch nach zwei Doppelzimmern. Der endlosen Antwort kann ich nicht lange folgen, entnehme aber, dass wir uns hier einquartieren können. Englisch versteht die gute Frau nicht und holt den Chef. Die Räder kommen in die Garage, man versichert uns, dass sie immer verschlossen ist.

Betagter Schlitten hinter neuer Karosse

Betagter Schlitten hinter neuer Karosse

Werner traut seinen Augen kaum, als er am nächsten Morgen in die Garage schaut. Ein paar Frauen sind bei bester Laune dabei, ein Tier zu zerlegen. Mit den Händen deuten sie lachend Hörner an und meinen: „Muh, muh.“ Die Räder sind an Ort und Stelle. In der Pensionsküche wird also Frischfleisch verarbeitet.

Schlachtefest neben den Rädern

Schlachtefest neben den Rädern

Isabelle und Regis unternehmen vom Hafen aus eine Tour ins Delta. Wir erkunden derweil die Stadt dort, wo normalerweise kein Tourist seinen Fuß hinsetzt. Schauen in Hausflure, gehen in kleine Läden weit abseits des Zentrums, mischen uns an einem Basar unters Volk. Die Menschen beäugen uns neugierig, sind freundlich und gesprächig. In die Jahre gekommene Dacias parken neben nagelneuen Luxuslimousinen. Am Hafen erkundigen wir uns nach Schiffsverbindungen ins Delta. Die Donau verzweigt sich hier in drei Arme. Der linke liegt in der Ukraine. Wir würden gern den Hauptarm in der Mitte nehmen, denn wir haben Adressen von dort ansässigen Fischern. Meist sind Schnellboote unterwegs, doch die können keine Räder befördern. Morgen früh würden wir ins Delta kommen, aber nicht wieder rechtzeitig zurück. Ziemlich enttäuscht entscheiden wir uns für Plan B. Erstmal zurück zur Pension. Die Garage steht weit offen. Niemand hat die Räder gestohlen, obwohl sie von der belebten Straße gut zu sehen sind. Ob das woanders gut gegangen wäre? Meine Kamera habe ich übrigens auch noch.

EU-Projekte am Rande Europas

Am nächsten Morgen Abschied von den Franzosen. Sofort waren wir ein eingespieltes Radfahrteam, wie doch gleiche Interessen zusammenschmieden. Die beiden radeln nach Varna (Bulgarien) und fliegen von dort nach Hause. Wir nehmen die Straße entlang des rechten Donauarms unter die Reifen. Unsere Karte zeigt nicht eine Steigung an. Doch wir erklimmen immer wieder kurze steile Anstiege, um danach rasant abzufahren. Die Hitze tut ihr übriges. Links atemberaubende Ausblicke aufs grüne Delta, rechts alles vertrocknet.

Pferdewagen vor moderner Villa

Pferdewagen vor moderner Villa

Nach knapp 50 km finden wir in Murighiol einen hübsch angelegten Campingplatz mit ordentlichem Sanitärgebäude, den wir uns im Internet angesehen hatten. Leider gibt es hier –  wie schon oft in Rumänien gesehen – einen Kettenhund, der ohne Streicheleinheiten sein Dasein fristet. Der Besitzer, gut der deutschen Sprache mächtig, verlangt mehr pro Nacht als auf seiner Homepage angepriesen. Wir weisen ihn darauf hin und er lenkt ein. Hier hätten schon alle Alarmglocken bimmeln müssen. Natürlich empfiehlt er uns wärmstens seine günstigen Touren ins Delta. Später füllt sich der Zeltplatz.

Eine Familie aus Schwaben. Zwei junge Burschen aus den Niederlanden mit Uralt-Wohnmobil und glücklichem rumänischem Straßenhund, den das Schicksal nun nach Mitteleuropa verschlagen soll. Die beiden haben Futter für die armen Kreaturen und Geld für Kastrationen im Gepäck. Dann ein Pärchen mit Unimog, die schon Afrika unter die Breitreifen genommen haben. Allen verspricht der Zeltplatzbesitzer günstige Fahrten ins Delta und am nächsten Morgen sieht die Welt ganz anders aus. Doppelt so teuer, da weniger Kapazitäten auf den Touristenbooten als geplant sowie weitere Entschuldigungen. Wir verzichten auf den Nepp, machen uns zu Fuß mit Kamera-Ausrüstung zum Hafen auf. Bald offeriert uns ein Fischer eine Delta-Tour mit seinem Holzboot. Er spricht etwas deutsch, hat es selbst gelernt mit Buch und Kassetten. Am sogenannten Hafen – einer Bucht mit Holzstegen – steht gerade eine hochmodernes Hotel kurz vor der Eröffnung. EU bezahlt, betont der Fischer. Wer hier logieren wird, ist ihm genau so wenig klar wie uns. Als Kontrast davor eine Schar lungernder Straßenhunde, die uns knurrend passieren lässt.

Die EU hat vielleicht auch die vielen Papierkörbe in diesem Dorf spendiert, die an jedem Mast orange leuchten. Wenn sie nur immer ihren Zweck erfüllen würden. Wir tragen dem Fischer Benzin in großen PET-Flaschen und Schwimmwesten zum Boot. Ja, genau so stellen wir uns unsere Deltatour vor. Nicht im Touristen-Schnell-Boot, sondern im Fischerkahn mit Frosch auf der Planke.

Bei Pelikan, Storch, Schwan & Co. – unterwegs im Delta

Jetzt erst realisieren wir, dass wir uns auf die größten Schilfrohrflächen unseres Erdteils zubewegen. Flächenmäßig überlegen ist in Europa nur das Wolga-Delta. Wir tuckern an der Villa des Diktators Ceausescu vorbei, der ein riesiges Aquarium mit allen Fischen des Deltas sein eigen nannte. Große Teile des Deltas hatte der Diktator schon trocken legen lassen. Der Zusammenbruch des Ceausescu-Regimes 1989 kam gerade rechtzeitig, um die Zerstörung des unverwechselbaren Naturparadieses aufzuhalten.

Der Fischer schippert uns durch Kanäle. Zweige stippen ins Wasser, gewaltige Wurzeln halten die Bäume aufrecht. Dann ein See, der fast vollständig unter einem See- und Teichrosenteppich liegt. Dazwischen schwimmende Schilfinseln. Ein Kanal führt durch ein Spalier aus Schilf ins nächste imposante Gewässer. Über Blätterteppiche Möwengeschnatter, Haubentaucher lassen sich kurz blicken, uns unbekanne Vögel flattern im grünen Dickicht. Schwäne in einer Vielzahl, wie wir sie auch an der Ostsee noch nicht erlebt haben, setzen zum gemeinsamen Abflug an. Die Flügelschläge peitschen das Wasser auf und übertönen die zahlreichen Vogelstimmen. Unser Fischer stoppt mehrmals, um Benzin nachzukippen oder uns in Ruhe die traumhaften Motive einfangen zu lassen. Schon seit heute früh ist es bedeckt und sehr windig. Nur ganz kurz lugt die Sonne zwischen den immer dunkler werdenden Wolken hervor. Ich habe mein 300 mm-Tele im Einsatz bei dieser Wackelpartie. Endlich zeigt sie sich, die Symbolfigur des Deltas. Mehrere Pelikane ziehen elegant im Gleitflug am Schilf vorbei. Doch so weit weg, dass ich sie nur mit dem Teleobjektiv erfassen kann. Wie gut, trotz vieler Unkenrufe habe ich die vollständige Fotoausrüstung eingepackt und sie ist nicht abhanden gekommen. Hier brauche ich jedes Objektiv. Als die Pelikane auf der Speicherkarte festgehalten sind, verschwinden die Kameras ganz fix in wasserfeste Beutel. Dicke Tropfen prasseln auf uns nieder. Der Fischer lenkt uns ganz behäbig durch verschlungene Wasserwege zurück zum Hauptkanal. Hier brettern im rasanten Tempo die überdachten Touristenboote hin und her. Wie gern werden wir gerade nass! Zurück am Bootssteg hat sich der Regen verzogen. Schwimmwesten und Benzinflaschen befördern wir wieder in den Bootsschuppen, entlohnen unseren sympathischen Fischer, der auf seinem wackligen Fahrrad winkend davonfährt.

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