Von Budapest bis Belgrad

  • 0

Von Budapest bis Belgrad

Category : Rad Touren

Donauinsel und Donauangler

Balkan-Beitrag

Hinter Budapest teilt sich die Donau in zwei Arme, die die Insel Csepel in die Mitte nehmen. Nach unserer Erfahrung gibt es in Ungarn nur zwei Sorten Radwege: hervorragend oder schaurig. Die Insel bietet beide.

Piste auf der Insel Csepel

Piste auf der Insel Csepel

In Rackeve verlassen wir Csepel und folgen dem Donauarm. Auf der Höhe von Tass zeigt unsere Karte einen Campingplatz auf einer kleinen Insel. Das Eiland sehen wir, doch weder Fähre noch Brücke. Wir fragen einen übel nach Schnaps riechenden Mopedfahrer. „Follow me“ erklärt er und fährt mit uns zu Anglern, die gerade ihren Fang frittieren. Wir bekommen Bier, Brot, eingelegtes Gemüse und natürlich leckeren Fisch vorgesetzt. Sie beratschlagen, wie sie uns helfen können. Der Zeltplatz ist wohl nur Anglern vorbehalten, wenn wir richtig verstehen. Csapa, der nette Mopedfahrer, ist als Fernfahrer europaweit unterwegs und kann etwas deutsch. Er nimmt uns mit in den Wald, wo sein Kollege Gabor schon wartet und uns begeistert begrüßt. Sie zeigen uns ihren Angelschein, zwei Ruten dürfen auslegt werden. Eine sie, eine wir. So sind wir für heute – falls eine Kontrolle kommt – Donau-Angler und stellen unsere Nylonvilla auf. Gabor holt Bier, Brot und Käse aus dem Zelt. In der Dämmerung  springen riesige Karpfen aus dem Wasser, doch nur ein kleines Exemplar geht an den Haken. Die beiden netten Typen wohnen in Kalocsa, 60 km von hier. Gabor hat dort ein Haus, lädt uns ein, will uns unbedingt die Stadt zeigen und mit Fisch bewirten.

Mit Csapa und Gabor beim Angeln

Mit Csapa und Gabor beim Angeln

Gern hätten wir die Einladung angenommen, doch wir müssen weiter. Gabor ist enttäuscht. Wir versprechen Fotos zu schicken (längst erledigt), jetzt ist er versöhnt. Sollten wir wieder in Ungarn sein, holen wir den Besuch nach. Es tröstet die beiden, dass wir morgen durch ihre Heimatstadt kommen. Am nächsten Morgen dringt verführerischer Duft in unser Zelt. Csapa hat in Ermangelung von Fisch Salami mit grünem Paprika geschmort. Es schmeckt sogar mir. Da ich Fleisch verschmähe, halte ich mich an Paprika, den ich viel lieber roh verspeist hätte. Wir Radfahrer haben immer Hunger und nach ein paar Stunden im Sattel ist das Frühstück verbrannt.

Frühstück bei Gabor und Csapa

Frühstück bei Gabor und Csapa

Liegeräder aus Frankreich

Hinter Tass nehmen wir die Hauptstraße 51. Der Asphalt ist gut. Die Autofahrer umrunden uns in angemessenem Abstand. Nach ein paar km können wir auf eine ruhige Nebenstraße ausweichen, ab Solt verläuft ein gut befahrbarer Dammweg neben der Hauptstrecke. Wir halten zum Einkaufen an einem Supermarkt. Davor zwei Liegeräder mit bunten Wimpeln. Isabelle und Regis aus Frankreich sind auch auf dem Weg nach Rumänien. Als Elsässer können sie recht gut deutsch. Ein paar Fotos und schon sitzen wir wieder im Sattel. Mehrmals überholen wir uns gegenseitig. In Dunapataj treffen wir uns am Kreisverkehr. Hier tauchen nun zum dritten Mal hinter Budapest die Jungs aus Stuttgart auf. Sie waren immer hinter uns. So skeptisch sie uns in Budapest angeschaut haben, so anerkennend meinen sie nun: „Ihr seid aber gut unterwegs.“ Die beiden haben je zwei Taschen am Gepäckständer, nicht mal Lenkertaschen. Wir haben insgesamt 13 Gepäckstücke. 7 blaue an Werners, 6 rote an meinem Rad. Wir sind zusammen 104 Jahre alt, die beiden vielleicht 40. Da geht uns ihre Aussage doch runter wie Öl.

Mit Isabelle und Regis aus Frankreich

Mit Isabelle und Regis aus Frankreich

Gemeinsam mit den Franzosen entscheiden wir uns für die Hauptstraße 51 Richtung Süden. Die Stuttgarter bevorzugen Nebenstraßen und Dammwege. Wir haben sie nicht wieder gesehen. Die Franzosen sausen uns mit ihren windschnittigen Velos vorbei und winken hinter Kolocsa am Straßenrand. Eine ganze Melone haben sie erstanden, jetzt wird zusammen geschmaust. Wir einigen uns, den Weg bis zum nächsten Campingplatz gemeinsam fortzusetzen. Die beiden nächtigen sonst in Pensionen, aber da es sehr warm ist, wollen sie heute ihr Notzelt aufstellen. So düsen wir bis Baja, laut unserer Karte gibt es (die Franzosen haben übrigens auch die Karten vom Huber-Verlag) gleich drei Zeltplätze. Wir steuern den ersten an. Er soll am Deich liegen, doch seit Jahren ist hier geschlossen. Von einem netten Radfahrer erfahren wir, dass nur noch ein Campingplatz existiert. Spontan entscheidet er, uns dort hin zu bringen.Toller Platz mit Strand und schöner Aussicht auf die Stadt. Als es dunkel ist, setze ich das erste Mal die Spiegelreflex-Kamera aufs Stativ und fotografiere mit Langzeitbelichtung die Wasserspiele. Dass ich diese Kamera in der Lenkertasche befördere, hat jede Menge Bedenkenträger auf den Plan gerufen: “Wo ihr unterwegs seid, wird geklaut, lass die Kamera zu Hause.“ Aber hier in Baja besitze ich das edle Teil noch. Eine Kamera im Hosentaschen-Format habe ich außerdem ständig griffbereit.

Abendstimmung in Baja

Abendstimmung in Baja

Hans aus Besigheim bei Stuttgart gesellt sich zu uns. Er ist von der Donauquelle über 2000 km geradelt. Sein Ziel ist die Schwarzmeerküste. Beneidenswert, er ist ohne Zeitbegrenzung unterwegs. Seine Frau wollte ihn aus Angst vor Straßenhunden nicht begleiten, er ist trotzdem losgefahren. Alle Achtung.

Hans gesellte sich auch noch zu uns

Hans gesellte sich auch noch zu uns

Baja verlassen wir in die falsche Richtung. Trotz Sprachschwierigkeiten erkennt eine Frau unser Problem sofort. Die Oma, eine Donauschwäbin, wird geholt. Von weitem ruft die alte Frau „Grieß Gott“ und will wissen, wo wir in Deutschland wohnen. Deutsch sprechen fällt ihr schwer, sie ist aufgeregt und überlegt bei jedem Wort. Ihre Wegbeschreibung führt uns präzise auf die Straße zur Fähre nach Mohacs im Dreiländereck Ungarn-Serbien-Kroatien. Kirchen mit Kuppeldächer lassen den Süden ahnen, die Hitze tut ihr übriges.

Kirche in Mohacs

Kirche in Mohacs

Hrvatska – widersprüchlich und liebenswert

Nur ein paar km, und wir verlassen die EU. „Werner, bitte Brille ab“ verlangt ein kroatischer Grenzpolizist. Ein anderer fragt in bestem deutsch nach dem Woher und Wohin und ob wir das erste Mal in seinem Land sind. Außer Stempel in unsere Pässe gibt es eine Landkarte und allerlei nützliche Informationen über Kroatien. Dermaßen ausgestattet befahren wir das erste Mal Hrvatska, wie Kroatien in der Landessprache heißt, und sind verblüfft über den guten Zustand der Straßen. Mais- und Sonnenblumenfelder werden von hübsch anzusehenden Weingärten abgelöst. In jedem Dorf sind Schule, Kirche, Sportplatz, Ambulanz und Friedhof ausgeschildert. Hier, wo die Donau die Grenze zu Serbien bildet, wurde im Kroatienkrieg geschossen. Noch nicht alle Minen sind geräumt. Wir wollen unser Zelt nicht irgendwo aufstellen. Campingplätze gibt es nur an der Adriaküste. Ich folge zu Fuß einem Schild „rooms“, doch „rooms not free“ und campen auf der Wiese nicht erwünscht. Ein junger Mann darf nicht entscheiden, ob wir am Weingarten zelten dürfen. Wir geben die Suche auf und finden in Zmajevac eine nette Pension. Morgens hängt an jedem Rad ein Beutel mit zwei Nektarinen.

Eindeutige Ausschilderung in Kroatien

Eindeutige Ausschilderung in Kroatien

Auf aalglattem Asphalt rollen wir am nächsten Morgen weiter. Es ist Sonntag. Heraus geputzte Familien sind auf dem Weg zur Kirche. In einem Dorf erstehen wir kühle Getränke und setzen uns zu den Einheimischen. Sie sind weder festlich gekleidet noch ist ihnen der Glaube an Gott und eine bessere Zukunft geblieben. Einer jungen Frau fehlt ein Frontzahn. Auf ihrem Shirt prangt der Spruch I love Lloret de Mar, doch davon kann sie höchstens träumen. Einer älteren, schlanken Frau – auch schwarz gekleidet – fehlen mehrere Zähne. Ihre Haare sind ungepflegt. Sie zieht freundlicherweise hinter Werner das Bambusrollo hoch, so dass der Wind es ihm nicht an die Schulter schlagen kann. Eine alte Matrone hat sich in eine Dederonschürze gezwängt, die unvorteilhaft ihre dicken Arme preisgibt. Ein nicht mehr ganz junger Mann sitzt bei den Frauen, sie reden aufgeregt durcheinander, vielleicht über uns. Die Dicke mit der Dederonschürze nimmt eine rot getigerte Katze auf den Arm. Das Tier schmiegt sich an ihre Wange und die Alte lacht glücklich. Ein älterer Mann setzt sich neben uns und redet gestikulierend über unsere Köpfe hinweg mit den anderen. Geleerte Bierflaschen und Kaffeetassen stehen auf den Tischen. Sonntags um zehn zieht das Leben in einem kroatischen Dorf an die Glaubens-Abstinenzler vorbei. Ein Touristenbus hätte hier nicht gehalten.

Im nächsten Dorf hat ein hochmoderner Supermarkt geöffnet, den die Leute aus der Kirche kommend ansteuern. Mittags erreichen wir Osijek. In der Nähe des teilweise restaurierten Castells genehmigen wir uns auf einer schattigen Bank eine längere Pause, um der lähmenden Mittagshitze zu entkommen. Um 11.30 Uhr zeigt unser Tacho im Schatten 32 Grad. Ich gehe mit der großen Kamera auf Pirsch, folge einem Trampelpfad an den Arkaden des noch nicht sanierten Castells. Plötzlich hustet jemand. Wie angewurzelt bleibe ich stehen. Die Stimme kommt aus einem halb verfallenen Häuschen neben dem Weg. Unter den Arkaden springen mir uralte Matratzen und Decken ins Auge. Ich drücke einmal den Auslöser und trete schleunigst den Rückzug an. Niemand hat mich bemerkt. Armut ist hier nicht sehr offensichtlich. Doch wer die ausgelatschten Wege verlässt oder sich zu den Einheimischen gesellt, stolpert auch in Kroatien darüber.

Osijek neu - Behörde.....

Osijek neu – Behörde…..

und alt - Obdachlosenbehausung

Osijek alt – Obdachlosenbehausung

Ein Wahrzeichen weckt Kriegserinnerungen

Ein paar km vor Vukovar überrascht uns ein Gewitter. Zwischen zwei Maisfeldern entdecken wir ein Haus und biegen ab. Im Nu ist der Weg zu einer Schlammpiste mutiert. Das Gebäude ist unbewohnt und verrammelt. Ein paar Pflaumenbäume davor bieten uns fürs erste Schutz. Unter unserer Zelt-Unterlegplane harren wir aus. Blitze zucken noch lange über die vor uns liegende Hügelkette. Als der Regen nachlässt, decken wir uns mit Pflaumen ein. Dann zurück zur Asphaltpiste. Am Ortsschild von Vukovar tropft es wieder. Ich schieße trotzdem ein paar Fotos. Vukovar war im Kroatienkrieg hart umkämpft und die Schäden sollen noch nicht völlig beseitigt sein. Zuerst rollen wir an Einfamilienhäuser vorbei. Neben der Straße ein Rasenstreifen. Dann ein schmaler Gehweg vor den durch Zäunen oder Mauern verbundenen Häusern, die mit dem Giebel zur Straße zeigen. Dieses Bild zeigt sich uns seit der Slowakei. Uns fällt auf, dass bei vielen Häusern nur die Straßengiebel frisch getüncht wurden. Zum ersten Mal sind die Straßenschilder zusätzlich kyrillisch beschriftet. Die Wohngegend geht in ein Gewerbegebiet über. Nagelneue Hallen und kein Ende. Plötzlich an einem Bahnübergang – wie ein Mahnmal – Fragmente eines Hauses, übersät mit Einschusslöchern. Es regnet, es ist spät, wir suchen eine Pension. Noch ein paar vom Kugelhagel gezeichnete Gebäude, und wir beziehen ein Zimmer mit überdachtem Balkon. Die Räder stehen im Torweg. Plötzlich ertönt draußen eine Stimme: „Werner, bitte aufmachen“. Vor dem Tor sind Isabelle und Regis, durch die Butzenscheiben haben sie Werner entdeckt. „Große Mann, kurze Jeans, Fahrrad – kann nur Werner sein“, so werden wir stürmisch begrüßt. Die beiden waren immer ein paar km hinter uns. Abends ist die Stadt wie ausgestorben. Unsere Vermieter verhalten sich höflich aber zurückhaltend. Die Gebäude sind kaputt, die Menschen sind kaputt – immer noch. Morgens geht das Leben hier anscheinend seinen normalen Gang.

Wasserturm mit Einschusslöchern - Wahrzeichen in Vukovar

Wasserturm mit Einschusslöchern – Wahrzeichen in Vukovar

Nach dem Abschied von den Franzosen treten wir in die Pedalen. Die beiden lassen sich noch etwas Zeit. Wieder Kriegsschäden und – weithin sichtbar – der Wasserturm voller Einschusslöcher. Als Kontrast dazu hinter Vukovar herrliche Sonnenblumenfelder, soweit das Auge reicht. Kurz vor der Grenze zu Serbien wollen wir uns mit Wasser eindecken. Als wir halten, ruft eine ältere Frau „deutsch?“. Nach zehn Minuten kennen wir ihren Lebenslauf. Einige Jahre in Deutschland gearbeitet, sieben Kinder, ein Sohn im Krieg verloren. Es folgt die unvermeidliche Einladung. Sie will sofort einkaufen, erläutert schon den Speiseplan. Wir haben es schwer, zu Wort zu kommen. Dass wir aus Zeitgründen weiter müssen, will sie erst nicht gelten lassen. Für den Rückweg sollen wir uns ihr Haus mit dem Spiegel in der Kurve merken. Da wir für die Heimfahrt Bahntickets haben, können wir auch diese Einladung nicht annehmen. Der Frau steht die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Wie bei den Anglern in Ungarn versprechen wir den Besuch nachzuholen, sollten wir wieder in Kroatien sein. In den Dörfern hinter Vukovar sind die Kirchtürme vom Kugelhagel gezeichnet und Supermärkte sucht man vergebens. Der Laden hat nur die notwendigsten Lebensmittel im Angebot. Aber immerhin gekühltes Wasser.

Kroatien - Sonnenblumen bis zum Horizont

Kroatien – Sonnenblumen bis zum Horizont

Please money, Mister

Hinter Ilok überqueren wir die Donau-Brücke und zücken beim serbischen Zöllner unsere Pässe. Das Brückengeländer hat schon lange frische Farbe nötig. Gleich dahinter der Grenzort Backa Palanka. Die Straßen voller Löcher. Zwei bettelnde Kinder nehmen die Verfolgung auf. Es wimmelt von Kroaten, die hier billig einkaufen und tanken. Sie sind sich offensichtlich wieder grün, die Menschen beiderseits der Donau. Wir suchen im Menschengewühl eine Bank, um an serbisches Geld zu kommen. An einem Straßen-Restaurant stellen wir die Räder ab. Ein Mann spricht uns auf schweizerdeutsch an. Er ist zur Zeit auf Heimaturlaub. Freundlicherweise übersetzt er uns die Speisekarte. Die bettelnden Kinder stehen hartnäckig neben uns und halten die Hände auf. „Please money, Mister.“ Wir ignorieren eisern ihr Ansinnen. Der Wirt eilt beflissen mit einem Tischtuch auf uns zu. Ruckzuck ist die schmuddelige Plaste-Tischplatte unter einer hellgrünen Decke verschwunden. Wir sind die einzigen Gäste mit ordentlich gedecktem Tisch. Doch es scheint außer uns niemanden zu stören.

Die serbischen Straßenzustände erfordern wieder unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Ungarn lässt grüßen – nur Verbotsschilder für Radfahrer fehlen. In Novi Sad entdecken wir die ersten orthodoxen Kirchen, innen wie außen echte Schmuckstücke und Kontrastprogramm zu den meisten umliegenden Gebäuden. Wir reihen uns in den fließenden Verkehr ein und rollen teilweise die Bus- und Taxispur entlang. Beim Halt an roten Ampeln wetzen Frauen mit kleinen Kindern im Arm auf die Straße und betteln. Wir werden verschont. Autobesitzer sind in ihren Augen wohl betuchter. Einige Autoscheiben gehen runter und Kleingeld wechselt die Besitzer. Springt die Ampel auf grün, sind die Frauen im Gewühl verschwunden.

Festung Petrovaradin bei Novi Sad

Festung Petrovaradin bei Novi Sad

Novi Sad ist die zweitgrößte Stadt in Serbien, Universitätsstadt und Hauptstadt der Provinz Vojvodina. Im Kosovo-Krieg war der Ort Ziel von NATO-Luftangriffen. Beschädigungen fallen uns, ganz im Gegensatz zu Kroatien, nicht auf. Im Gegenteil, das Zentrum wartet mit einer modernen Einkaufspassage auf. Wir überqueren die Donaubrücke und kommen nach Petrovaradin, wo sich die gleichnamige Festung über dem Fluss erhebt.

Manche mögens zu Fuß

Eine christliche Kirche steht offen und wir wollen sehen, ob sie dem Glanz der orthodoxen Konkurrenz standhalten kann. Ein älterer Mann und ein Pärchen mit großen Rucksäcken begrüßen uns vor dem Eingang. Jozef ist Vikar der katholischen Kirchengemeinde Petrovaradin. Stefan und Tina sind Pilger. Stefan ist zu Fuß auf dem Weg nach Jerusalem und seit Anfang Juni aus Bayern unterwegs. Tina ist mit dem Flieger gekommen und begleitet ihn ein paar Tage. Die beiden haben gerade mit Jozef einen Zeltplatz hinter der Kirche ausgehandelt und wir können uns anschließen. Auf dass am heiligen Gemäuer bald müde Wanderer und Radler in ihre Schlafsäcke kriechen können. Trinkwasserstelle und Steh-Toiletten inklusive. Gemeinsam verzehren wir die drei Gurken, die man uns gerade an einem Obststand geschenkt hatte (weil es mit einer Melone nicht klappte) und kochen Tee. Wir haben uns eine Menge zu erzählen. Stefan fand immer einen Platz für sein Zelt, wurde oft eingeladen und schlägt nun keine Einladung mehr aus. Er möchte die Menschen nicht enttäuschen, die so überaus gastfreundlich sind und ihn bewirten. Seine wie unsere Feststellung: Je ärmer die Menschen, desto mehr geben sie, und das ausgesprochen gern. Der Vikar Jozef will uns zum Kaffee einladen. Wir überzeugen ihn, dass uns Kaffee früh besser bekommt und verabreden uns für den nächsten Morgen. In Serbien haben viele Dörfer noch kein oder kein sauberes Trinkwasser, deshalb herrscht Andrang an der Wasserstelle. Seit Kroatien notieren wir die Temperaturen. Immer über 30°C. Hinter der Kirche schlafen wir wie die Murmeltiere. Die Wiese ist nachts so laut, wie ich es noch nie erlebt habe – pralles Leben zwischen den Grashalmen. Um 7 Uhr sind wir im Pfarrhaus und werden mit kühlen Getränken, starkem Kaffee und Pflaumenschnaps (!) von Jozef und Andrac bewirtet. Stefan und Werner trinken aus Höflichkeit ein Gläschen. Die beiden Vikare geben uns ihre Adressen. Sie wünschen sich eine Postkarte aus unserer Heimat (inzwischen erledigt).

Die Pilger Tina und Stefan treffen wir bei Novi Sad

Die Pilger Tina und Stefan treffen wir bei Novi Sad

Heute passiert uns der größte Fehler dieser Tour. Wir wählen eine Alternativroute zur viel befahrenen Hauptstraße, wollen die landschaftlich schönste Strecke fahren. Auf unserer Karte als gestrichelte Linie verzeichnet, also nicht asphaltiert. Die ersten km bis zu einer Ziegelei sind gut. Doch dann haben wir mit einer immer schlechter werdenden Schotterpiste zu kämpfen. Die Anstiege müssen wir schieben. Mein Packsack saust vom Gepäckständer, ich merke es zum Glück sofort. Die Hitze finde ich bei der Quälerei unerträglich. Wir haben kaum noch Wasser. Ich wünsche mir ein Rad mit Big-Apple-Reifen, dann hätte ich es nun leichter. Gegen Mittag erreichen wir ein Dorf, Cortanovci. Ein netter Serbe beschreibt uns den Weg zur Hauptstraße. Wir stürmen den kleinen Laden, decken uns mit Wasser ein, sitzen die Mittagshitze aus und beobachten das Treiben im Ort. Ein alter Mann fährt mit Rad ohne Bremsen, aber gefedertem Ledersattel. Ein neuer Volvo und verbeulter Zastava halten am Minimarkt. Am Straßenrand sitzen alte Leute und bieten Gemüse an, ab und zu hält ein Auto. Einigermaßen erholt setzen wir unsere Fahrt durch die von Landwirtschaft geprägte Vojvodina fort. In einem Dorf gibt es eine Post. Die Telefonzelle davor erweist sich als Fragment. Wir wollen unsere Eltern anrufen und ich gehe rein und frage, ob ein Gespräch nach Deutschland möglich ist. Man schickt mich doch wirklich zu der Telefonzelle, die diesen Namen nicht mehr verdient. Ja, fast hatte ich es vergessen. Wir sind in Serbien. Dann eben doch ein Anruf vom Handy. Wir hatten es geahnt. 5,64 € für die kurze Durchsage, dass wir bald in Belgrad sind.

Auch in Serbien fährt man Rad

Auch in Serbien fährt man Rad

Der nächste Halt zum Wasser kaufen. Vor dem Laden sitzen wie so oft Männer, palavern und trinken das so und so vielte Bier. Wir grüßen immer in der Landessprache, das kommt gut an. Meist springen sie auf und jeder will mir seinen schmierigen Stuhl unter den Hintern schieben. Doch hier ist ein alter Mann, der wohl noch nie zuvor sein Dorf verlassen hat und zum ersten Mal Radfahrer sieht. Er schaut immer abwechselnd auf mein Rad und mich, schüttelt den Kopf, erwidert nicht meinen Gruß. So geht das, bis Werner mit diversen Wasserflaschen im Arm aus dem Geschäft kommt. Wir haben keine Pioniertat vollbracht und sind hier am EuroVelo 6 mit Sicherheit nicht die ersten Radler. Doch diesen alten Mann haben wir komplett verwirrt.

Serbiens Metropole – Augen auf und durch

Unübersehbar nähern wir uns Belgrad. Ein kleiner, teurer Zeltplatz – Großstadt in Sicht – direkt an der Donau erlöst uns von der viel befahrenen Straße. Morgen ist die nächste Metropole fällig. Bei dem Gedanken daran ist uns nicht wohl. Hoffentlich endet nicht mitten im Gewühl die Ausschilderung. Wir setzen uns schon um 6 Uhr im Bewegung. Der Verkehr ist mäßig. Es geht durch Vororte mit Kopfsteinpflaster und über guten Asphalt entlang eines Donauarms. Auf der Brücke über die Save, die hier in die Donau mündet, ist Schluss. Fahrstuhl-Benutzung oder Treppen ohne Ende, um zum Radweg am Fluss zu gelangen. Es ist 7.30 Uhr und der Aufzug nimmt erst ab 8 Fahrt auf. Bald gesellen sich gesprächige Radler zu uns, die um 8 Uhr Steine runter schmeißen, um den Fahrstuhlführer zu wecken. Rasant geht es nach unten und weiter Richtung Zentrum. Teilweise können wir Gehwege nutzen, erklimmen aber auch ganz unerschrocken eine Steigung zwischen Straßenbahnschienen und hoher Bordsteinkante. Die Ausschilderung taucht immer wieder auf. Nur einmal biegen wir falsch ab, merken es zum Glück gleich. Pause in einem Straßen-Cafe und einer orthodoxen Kirche. Unsere Räder werden von vielen Passanten neugierig beäugt. Ein Mann schüttelt den Kopf, lacht und geht weiter. Kurz vor der Donaubrücke beginnt eine Baustelle. Im Stau kurbelt ein Autofahrer die Scheibe runter und zeigt uns den besten Weg zur Brücke. In dem Wirrwarr fahren wir trotzdem falsch.

Brücke über die Save

Brücke über die Save

Fahrrad-Aufzug an der Save-Brücke

Fahrrad-Aufzug an der Save-Brücke

Orthodoxe Kirche in Belgrad

Orthodoxe Kirche in Belgrad

ZURÜCK                                                                                                              WEITER

 


Leave a Reply

Kein Thema mehr verpassen?

das ist bisher passiert …

Kategorien