Von Wismar nach Budapest

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Von Wismar nach Budapest

Category : Rad Touren

Ohne-Wörter-Buch im ersten Einsatz

Balkan-Beitrag01

Herrlich, ein kühles Bier löscht den Durst nach der ersten Etappe. Gerade sind wir auf einen idyllisch gelegenen Campingplatz in Rajka, Ungarn, gerollt. Einige Jugendliche – sie verständigen sich in Gebärdensprache – stellen ihre Zelte auf. Ein junger Mann aus dieser Gruppe, Laszlo, ist mutig. Geht an die Räder, zeigt auf die Tachos, interessiert sich für unsere Etappe. 97 km. Er hebt den Daumen und lacht uns begeistert an. Bald bin ich von der Gruppe umringt. Hole Block und Stift, ziehe ein sogenanntes Ohne-Wörter-Buch (Bilder für alle Lebenslagen und jeden Anlass) aus der Tasche. Bei den Jugendlichen löst das kleine Hosentaschen-Format-Buch fesselnde Begeisterung aus. Wir können nicht miteinander reden, doch schreiben und Bilder zeigen. Zuerst notieren wir unsere Namen. Dann male ich einfach die Umrisse von Deutschland und Österreich in meinem Block, markiere unseren Wohnort an der Ostsee und Wien, zeige im Buch den Zug und schreibe yesterday auf. Sie verstehen. Zeigen mir das Kajak und ergänzen schriftlich tomorrow Györ. Unsere geplante Route bis ins Donau-Delta beschreibe ich auch auf diese Weise. Die Verständigung klappt prächtig. Laslo, dem Mutigen, sei dank für diese beeindruckende Begegnung. Am liebsten hätte ich ihm das Ohne-Wörter-Buch überlassen, doch wie soll ich in Rumänien Essen bestellen?

Bratislava – von historisch bis modern

Bratislava - von historisch bis modern

Bratislava – von historisch bis modern

Gestern sind wir mit dem Zug in Wien gelandet. Auf einem Campingplatz in der Nähe des Donau-Radweges verbrachten wir die Nacht. Zeitig ging es heute auf die Piste, die bis zur Donaubrücke kurz vor Hainburg durch den Nationalpark Donau-Auen führte. Gleich hinter Hainburg, auf einer Anhöhe der Hundsheimer Berge, kam Bratislava – obwohl noch einige km entfernt – in Sicht. Über Wolfsthal und der verlassenen Grenze näherten wir uns der Hauptstadt der Slowakei. Bratislava punktete mit St. Martinsdom, Burg, imposanten Brücken, modernen Skulpturen und einer interessanten Freiluft-Fotoausstellung. Der Abstecher war den Umweg wert. Wieder im Sattel zog uns die Radfahr-Fangemeinde aus Bratislava Richtung Ungarn. Fahrer sämtlichen Alters auf Rädern jeglicher Art teilten sich die glatte Asphaltpiste. Das rege Treiben endete in Cunovo, wo der Radweg über ein Stauwerk führt. Wir rollten jedoch nach Ungarn, erreichten nach ein paar km den Zeltplatz in Rajka, wo Laszlo und seine Freunde gerade die Zelte aufstellten.

Laszlo (2. von rechts) und seine Freunde

Laszlo (2. von rechts) und seine Freunde

Gigantismus und seine Folgen

Am nächsten Morgen zurück nach Cunovo. Wieder in der Slowakei düsen wir über das Stauwerk, sausen auf einer recht guten Asphaltpiste zwischen Stausee und Donau mit Rückenwind dem Gigantismus-Kraftwerk Gabcikovo entgegen. In unserer Radkarte finden wir den Vermerk, dass dem Staustufenprojekt trotz heftigster Proteste 4600 Hektar Auwald und Wiesen zum Opfer fielen. Geschundene Natur für Sicherung der Stromversorgung. Wie gern wären wir auch hier durch Donauauen geradelt und nicht entlang einer Leitplanke mit Betonufer. Wir überqueren die Schleusenanlage und fahren nach Gabcikovo zum Essen und Einkaufen. Jetzt führt der Radweg auf einem Damm entlang, der Asphalt ist längst nicht mehr so gut. Rot-weiße Metall-Absperrungen zwingen uns laufend zum Absteigen. Trotz Rückenwind kommen wir nicht zügig voran. So nutzen wir die Zwangspausen zum Fotografieren und entdecken prompt Pflanzen, die wir nicht kennen.

Was wächst denn hier?

Was wächst denn hier?

EU-Sponsering und Gesundheit aus der Therme

Der Dammweg wird schlechter und wir nutzen lieber die Landstraße. In einem Dorf erstehen wir kühle Getränke. Ein älterer Mann mit uraltem Fahrrad, der Sattel völlig zerfetzt, kann etwas deutsch und fragt nach unserem Ziel. Überhaupt nicht ins Dorfbild passen ein nagelneuer Schilderwald, taufrische Bänke und davor Pflaster vom Feinsten – gesponsert von der EU. Auffällig viele Häuser sind erneuert und von hohen Mauern oder Zäunen begrenzt. Glasierte Ziegel glänzen in der Sonne und ein dickes Auto vervollständigt das Bild. Dazwischen unübersehbar die Behausungen der Armen – frei einsehbar bis zum Hof, wo Hühner und ein kleiner Streifen Mais die Ernährung der Bewohner sichern oder auch nicht. Ob der Alte mit dem antiken Fahrrad wohl im Supermarkt einkaufen kann? Noch ein paar ähnlich anmutende Dörfer, dann sind wir auf der viel befahrenen Staatsstraße 63. Der breite Seitenstreifen gibt uns Sicherheit. Endlich das Ortsschild von Komarno, einer durch die Donau geteilten Stadt. Ein Schild gibt Auskunft über verschiedene Partnerstädte. Aus Deutschland ist es Weissenfels. An der Brücke erstehen wir ungarisches Geld, wechseln nach Komarom und sind nun endgültig in Ungarn. Mitten in der Stadt finden wir einen Campingplatz neben dem Thermalbad. Ermäßigter oder gar freier Eintritt für Camper – es interessiert uns nicht. Rings um uns vornehme, rollende Behausungen aus ganz Europa. Die Insassen übertrumpfen uns beim Körpergewicht, doch meist nicht beim Alter. Und kommen allesamt mit Handtuch über der Schulter ausdem warmen Thermalwasser, um gleich den Fast-Food-Imbiss anzusteuern. Was für ein berauschendes Gefühl! Wir sind hier mit Räder und Nylonvilla. Und nicht, um Wehwehchen auszukurieren. 114 km waren wir auf der Piste und schlafen wie die Murmeltiere. Am nächsten Morgen entdecke ich noch ein Zelt mit Fahrrad. Hurra, es gibt hier noch mehr Rad-Spezies!

Sonnengereifte Durststiller und Radwege für Nervenstarke

Weiter geht es Richtung Esztergom. Der erste Obststand. Ich bin enttäuscht. Man will uns keine der riesigen Melonen aufschneiden. Und ich hatte mich so darauf gefreut, mit Melonen meinen Durst zu stillen. Im nächsten Dorf klappt es. Jeder bekommt ein mundgerechtes Stück plus Küchentuch.

Endlich Melonen!

Endlich Melonen!

Der straßenbegleitende Radweg entpuppt sich als Sprungschanzen-Krater-Piste. Wir wechseln zur Hauptstraße und lassen uns von den dreigeteilten Verbotsschildern nicht verunsichern. Trabbis und Wartburgs sausen an uns vorbei, ich komme mir vor wie in Kindertagen. LKW-Fahrer sind nicht zimperlich.

Einfach ignorieren!

Einfach ignorieren!

Besorgte Passanten machen uns vergeblich auf den Radweg aufmerksam. Die Straße ist jedoch auch beschädigt und erfordert besondere Unerschrockenheit. Wir lösen das Problem, indem der vorn Fahrende bei gefährlichen Löchern schreit. Der Hintermann ist gewarnt und kann sich auf den von hinten nahenden Verkehr im Rückspiegel konzentrieren. Irgendwann endet das gefährliche Spiel und wir können auf aalglattem Asphalt dahingleiten. Plötzlich ein Gullideckel, bestimmt 15 cm versenkt. Ich habe jetzt Übung, springe vom Rad und reiße dabei blitzschnell das Vorderrad zu Seite. Geht doch, nichts passiert. Dann ein riesiger, bestens asphaltierter Parkplatz. Umschlossen von Kaufland, Kik, Deichmann usw., alles alte Bekannte. Es werden Bedürfnisse geweckt, die nicht jeder in diesem Land  befriedigen kann. Wie nett sind doch die kleinen Lebensmittelläden und Obst- und Gemüsestände, die hoffentlich nicht von der Konkurrenz geschluckt werden.

Esztergom hat viele Gesichter

Viele Bruchbuden in Esztergom, aber auch restaurierte Straßenzüge. In der Innenstadt endlich ein schattiges Plätzchen. Auf der Bank neben uns machen sich zwei Menschen breit, die niemals die Angebote von Rossmann und dm, die auf den anderen Straßenseite um die Gunst der Kunden werben, nutzen können. Sie gießen ihren Hunden Wasser in eine verbeulte Schüssel, die aus einem abgeschabten Aldi-Beutel geholt wird. Der Mann kontrolliert in der Umgebung die Papierkörbe. Ein paar Flaschen sind nun in der Tüte. Als wir aufstehen, landen auch unsere Buddeln darin. Ich frage mich, wie viele Menschen hier so vegetieren. Niemand antwortet mir. Ich muss weg. Ab zur Donau. Die Basilika thront pompös über dem Fluss.

Basilika in Esztergom

Basilika in Esztergom

Zur Abwechslung gibt es Schotterpiste. Allemal besser als die stark befahrene Hauptstraße. Hinter der Fähre, die uns nach Szob bringt, ist der hügelige Weg nagelneu und bietet fantastische Ausblicke. Der Himmel verdunkelt sich und bald fallen die ersten Tropfen. In Nagymaros, hinter dem Donauknie, breiten wir uns auf einem Zeltplatz mit beeindruckender Kulisse aus – wenn nur die tiefhängenden Wolken nicht wären. Neben uns ein Zelt mit Rad. Matthias aus Rostock ist allein nach Budapest unterwegs. Vergangene Nacht fühlte er sich in Komarom auch etwas einsam. Treffen wir doch mitten in Ungarn fast einen Nachbarn.

Blick von Nagymaros auf Burg Visegrad

Blick von Nagymaros auf Burg Visegrad

Die ganze Nacht fiese Tropfgeräusche auf unsere Nylonwände. Burg Visegrad, auf der anderen Donauseite, hüllt sich gelegentlich in Wolken. Doch der Regen verzieht sich und als wir in Vac die erste Pause einlegen, ist der Spuk vergessen. In der hübsch restaurierten Stadt ist Wochenmarkt. Alte Frauen bieten Obst und Gemüse an. Wir decken uns mit Pflaumen, Paprika und Äpfel ein. Melonen gibt es wieder nur im Ganzen. In einer kleinen Bäckerei gegenüber der Kirche holen wir Kaffee. Unsere Räder lehnen am ehrwürdigen Kirchengemäuer, die heilige Hedwig mag uns verzeihen.

Straßenszene in Vac - auch hier wird geradelt

Straßenszene in Vac – auch hier wird geradelt

Zungenbrecher und Metropolen-Camping

Die Fähre bringt uns nach Szentendrei Sziget. Drei km radeln wir über die Donauinsel bis zur Brücke über die Szentendrei-Duna, dann sind wir in Tahitotfalu, bald in Leanyfalu und Szentendre. Ja, das ist korrekt. Echte Zungenbrecher. Ungarisch hat nicht die Spur Ähnlichkeit mit russisch. In der Slowakei kamen mir viele Wörter bekannt vor. Doch wo Fahrrad kerekpar heißt, hilft nur noch das Wörterbuch. Unübersehbar nähern wir uns Budapest, kommen durch Gewerbegebiete mit Bauhaus, Cora und Mediamarkt. An zügiges Vorankommen ist nicht zu denken. Rote Ampeln, der Radweg entlang der Donau schmal und stark befahren. Wir werden rasant überholt und müssen den entgegenkommenden Radlern ausweichen. Unsere Räder sind Sorte „Brummi“ mit Überbreite. Also wieder unerschrocken in die Pedalen treten und an unser Radler-Glück glauben. Irgendwann sind wir mitten in der Metropole. Lassen uns Zeit, genießen das einzigartige Panorama. Parlament, Brücken, Burgpalast, Zitadelle…. Dann die Petöfi-Brücke. Unter uns der Fluss und rauschender Verkehr. Viele Leute sind mit Atemmasken unterwegs. Auf der anderen Seite der Brücke Treppen. Werner schleppt entnervt die Räder runter. Der Campingplatz ist bald erreicht. Mitten in Budapest Zelt aufstellen, das hat was. Matthias aus Rostock ist schon da. Er wird ein paar Tage bleiben und mit dem Zug nach Hause fahren. Zwei Jungs aus Stuttgart zelten in unserer Nähe. Sie radeln wie wir Richtung Osten. Wir werden sie noch wiedertreffen.

Beeindruckendes Panorama in Budapest

Beeindruckendes Panorama in Budapest

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