Wandern am Grünen Band in Thüringen und Bayern

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Wandern am Grünen Band in Thüringen und Bayern

Category : Trekking Touren

Es wird Zeit. Unsere Rucksäcke warten schon lange auf einen Einsatz. Viel Zeit haben wir nicht. Deshalb soll es auch nicht weit weg gehen. Als Naturliebhaber kommt uns das Grüne Band gerade recht.

Immer geradeaus

Immer geradeaus

Im Oktober 2013 sitzen wir bei strahlendem Sonnenschein im Auto und steuern den Campingplatz Auensee in Joditz (Bayern) an. Hier können wir – dank des freundlichen Campingplatzbetreibers – das Auto ein paar Tage stehen lassen. Am nächsten Morgen packen wir das Zelt nass ein. Der Himmel ist wolkenverhangen. Trotzdem traben wir los. Bald fängt es an zu schütten. In Regenklamotten gehüllt stiefeln wir verbissen unserem eigentlichen Ziel auf dem Saaleschleifenweg entgegen. Das Grüne Band beginnt in Hirschberg. Die acht km bis dahin müssen erst mal gemeistert werden. Die Rucksäcke drücken, die Schuhsohlen schmatzen auf dem nassen Waldboden, die wasserfeste Karte tropft. Irgendwann überqueren wir den Tannbach und finden uns in Thüringen auf dem Kolonnenweg wieder. Der Regen hat sich verzogen. Im ehemaligen Grenzstreifen wird heute der Acker bestellt. Über Venzka erreichen wir Hirschberg und wuchten vor einem Bäcker die Rucksäcke von den geschundenen Schultern. Wir stärken uns und erfahren, dass die Jugend hier frustriert das Weite sucht und wie wir am besten zur Saale gelangen. Vorbei am Rathaus entscheiden wir uns, den Fluss nicht zu überqueren und in Thüringen zu bleiben.
Zu unserer Linken das naturbelassene Ufer der Saale. Rechts ein paar schöne alte Häuser, denen nur noch Renovierung oder Abriß hilft. Irgendwann dröhnt über uns die A9. Der Weg steigt stetig an. Bald sind uns wunderschöne Aussichten beschert, nur getrübt von tief hängenden Wolken. Nach 13 km, kurz vor Sparnberg, finden wir neben dem Weg einen ebenen Platz. Kaum steht unsere Stoffhütte, fängt es wieder zu regnen an. Warm und trocken futtern wir das leckere Brot vom Joditzer Bäcker. Kein anderer Wanderer begegnete uns auf dieser ersten Etappe. Es liegt wohl am Wetter.

Am Grünen Band

Am Grünen Band

Am nächsten Morgen tanzen Mücken vor unserem Zelt. Zwar kein strahlender Sonnenschein, aber bessere Aussichten. Bald sind wir in Sparnberg an der Kirche. Sie ist verschlossen. Eine Frau – sie trägt Zeitungen aus – spricht uns an. Und erzählt ungefragt. Dass es heute auch in Sparnberg einige Ost-West-Beziehungen gibt. Doch meist bleiben Bayern und Thüringer unter sich. Die Bayern kommen bei ihr nicht gut weg. Als wir auch mal zu Wort kommen und erwähnen, dass wir eine Ost-West-Beziehung sind, hält sie sich schnell die Hand vor den Mund. Erschrocken verabschiedet sie sich. Wir stehen auf der Grenzfluss-Brücke und sie winkt uns doch noch zu. Fast wirkt es entschuldigend.
Der erste Ort in Bayern ist Rudolphstein. Obwohl nur ein paar 100 m Luftlinie von Sparnberg entfernt, sprechen die Leute hier völlig anders. Hinter dem Ort queren wir wieder die A 9. Diesmal dröhnt die Verkehrsader unter uns. Das Brückengasthaus Frankenwald in Sichtweite. Auf der bayerischen Saale-Seite nähern wir uns wieder Hirschberg. Durch Sachsenvorwerk und vorbei an einer Schiefer-Abraumhalde stehen wir nach einigen Stunden in Untertiefengrün. An der Saalebrücke zu Hirschberg harkt eine ältere Frau Laub zusammen. Sie fragt uns erstaunt, wo wir herkommen. Dass wir Zelt und mobile Küche mitschleppen, kann sie nicht fassen. Mit Blick auf das Wiedervereinigungs-Schild fragen wir, was von der Euphorie geblieben ist. Sofort bekommt sie feuchte Augen und erzählt erst mal von der Teilung. Ihre Familie wurde – wie so viele – getrennt. Ihre Eltern in Hirschberg waren plötzlich unerreichbar hinter dem alles überragenden Zaun. Hier, wo wir gerade miteinander reden, trennte er die beiden Orte unerbittlich voneinander. Die Grenzöffnung erlebten die Eltern nicht mehr. Sie erklärt uns noch, wo wir einkaufen können und wischt sich verstohlen ein paar Tränen aus den Augen.
Beim Bäcker und Metzger im Supermarkt sind wir wieder die Exoten und werden ausgefragt. Auf unsere Euphorie-Frage hören wir, dass Bayern und Thüringen gut zusammen gewachsen sind. Auch gäbe es viele grenzübergreifende Familien, die gut harmonieren.
Unser nächstes Ziel ist das Deutsch-Deutsche Museum in Mödlareuth. Wir laufen entlang der Saale, bis der Tannbach Thüringen und Bayern trennt. Ab jetzt Kolonnenweg. Man muss aufpassen, dass man nicht von den Steinen abrutscht. Wieder sind wir auf der Suche nach einem Übernachtungsplatz. Am Tannbach warnen Schilder vor Minen, obwohl dort Hochsitze aufgebaut sind. Da uns auch heute niemand begegnete, kommt unsere Stoffhütte neben dem Weg. Als wir im Zelt liegen, wird in unserer Nähe geschossen. Vielleicht ist es ein Jäger auf dem Hochsitz. Niemand scheucht uns weg. Wir schlafen selig.

Mödlareuth - einst geteilt, heute Museum

Auch Little-Berlin genannt

Am nächsten Morgen sind wir schnell in Mödlareuth. Das ganze Dorf ist Museum, so kommt es uns vor. Auf dem Parkplatz ein Panzer, an der Straße am Tannbach Schautafeln. Wie gewohnt waren wir auf dem Wanderweg unter uns, hier finden wir uns zwischen Schulklassen und Rentengruppen wieder. Auf der Toilette im Museum wäscht sich eine Frau die Tränen ab. Auch ihre Familie wurde durch die Grenze getrennt. Sie hätte mir gern mehr erzählt, aber der Reiseleiter drängelt. Wir sehen uns einen aufschlussreichen Film an. Die Bewohner der oberen Mühle konnten sich in letzter Minute nach Bayern retten. Die Mühle wurde, da sie im Grenzstreifen stand, abgerissen. Das Dorf wurde in der Mitte am Tannbach geteilt. Erst mannshoher Bretterzaun, dann Stacheldraht und Mauer. Deshalb auch Klein Berlin genannt. Im Dezember 1989 wurde die Mauer für Fußgänger geöffnet, später kam der Bagger und ließ als Mahnmal ein paar Meter Mauer stehen. Grenzfahrzeuge der DDR und Bundeswehr, ganze Batterien, sind in einer angrenzenden Scheune aufgereiht. Die ganze Ausstellung ist sehr informativ und gibt Anlass zum Nachdenken. Einer Museums-Mitarbeiterin stellen wir die Euphorie-Frage. Nur diese Frage will sie nicht hören. Fragt das hier jeder und sie hat davon die Nase voll? Doch wir hatten eher den Eindruck, man hat den Leuten den Mund verboten. Draußen spricht uns ein Mann an, der unsere Frage mit bekam. Fast entschuldigend hören sich seine Erklärungsversuche an. Jetzt haben wir von Mödlareuth genug und treten den Rückzug an.
Wieder nimmt uns der Kolonnenweg am Tannbach auf. Auf dem Saaleschleifenweg trotten wir zurück nach Joditz. Jetzt, am dritten Tag, drücken die Rucksäcke nicht mehr. Wir könnten noch tage-, wochen- oder monatelang so unterwegs sein. Doch wir müssen nach Hause. Unser Auto steht unversehrt auf dem Campingplatz.
24 Jahre nach der Grenzöffnung waren wir hier zu Fuß unterwegs, etwa 35 km. Immer noch wird abseits der Wege vor Minen gewarnt. Der Weg an der Saale ist einmalig schön. Am Tannbach wird neben dem Kolonnenweg der Acker bestellt, als wenn es nie anders war. Die Natur konnte sich in den Jahren der Teilung ungestört entfalten. Doch vielen Menschen wurde unendliches Leid angetan. Sie haben es uns erzählt.


Wander-Gesellen er-fahren die Welt intensiver als Viel-Flieger.
Walter Ludin


1 Comment

Karen

7. Juni 2015 at 1:21 pm

Hallo Franziska,

es sollte jetzt klappen mit den Kommentaren.

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