Von Radmanufaktur bis Ausmisten

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Von Radmanufaktur bis Ausmisten

HARTJE in Hoya

HARTJE in Hoya

Die Sache mit der Rad-Manufaktur 

Wir sind in dem kleinen Ort Hoya an der Weser. Wieder mal Regen, ich stehe bei den Rädern vor einem Supermarkt, Werner kauft ein. Ein Auto mit dem Schriftzug „HARTJE“ fährt vorbei. Kommt mir sehr bekannt vor, ich fahre schließlich ein HARTJE-Rad. „Die Rad-Manufaktur ist ganz in der Nähe, fahren sie dort unbedingt hin.“ Ein netter Mann erklärt mir den Weg zum Gewerbegebiet. Gehört, getan. Man begrüßt uns sehr freundlich und wir dürfen in die Ausstellung, die eigentlich den Händlern vorbehalten ist. Bei den Rennrädern gehen uns die Augen über. Das neue Contoura-Modell sieht großartig aus. Ich fahre seit drei Jahren das Contoura Parma und würde es jederzeit wieder kaufen. Über 13000 km zeigt mein Tacho. Sehr stabil und damit genau richtig für unsere Touren mit viel Gepäck. Noch nie sind Radler vorbeigekommen, erzählen uns die netten Frauen. Purer Zufall, dass wir hier gelandet sind. Hoya werden wir wegen „HARTJE“ nie vergessen. Toll, mein Rad ist „handmade in Germany by HARTJE“.
Schon in Uelzen sprach mich eine Frau an. „Sind sie mit ihrem HARTJE-Rad auch so zufrieden?“ Sie zeigte mir stolz ihr Contoura Porto, mit dem sie oft, auch mit Gepäck, unterwegs ist. Noch ein HARTJE-Fan.
Doch nicht immer sind wir mit den Rädern unterwegs. Für zwei Etappen müssen wir auf dem Rückweg die Bahn bemühen. Unsere Arbeitgeber sind mit vier Wochen Auszeit schon sehr großzügig.

Die Sache mit Luxemburg und Frankreich

Wenn wir schon die Mosel bis zur Saarmündung nach Konz kutschieren, können wir Luxemburg nicht auslassen. Wasserbillig (L) 6 km, so steht es auf dem Wegweiser. Wir waren vor Jahren mal dort, natürlich mit dem Auto. Um so genialer das Gefühl, mit den Rädern hier zu sein. Genau wie in Köln und Trier. Diesmal mit Muskelkraft, nicht mit Motorkraft. Möglicherweise das nächste Mal zu Fuß mit Rucksack? Die Grenze zwischen Deutschland und Luxemburg ist die Sauer. Wir halten auf der Brücke und sind begeistert, das erste Nachbarland erreicht zu haben. Fest steht, dass der Ort immer noch vom Tank- und Einkaufstourismus heimgesucht wird. „Kein Dosenpfand“ steht an allen Supermärkten. Die gibt es hier, genau wie Tankstellen, zuhauf. Beim Bäcker gönnen wir uns den obligatorischen Kaffee und fahren zurück zur Saarmündung.

Beim Weinbauern

Beim Weinbauern

Ruhr, Rhein, Mosel haben wir hinter uns – jetzt ist die Saar an der Reihe. In Konz schon hat ein netter Radler vom Saar-Hunsrück geschwärmt wie beeindruckend sich der Fluß durch die naturbelassene Landschaft windet. Einen Abstecher nach Saarburg mussten wir ihm versprechen. Wir werden nicht enttäuscht. Die Saar ist die Krönung der von uns bewältigten Flußradwege. An der Ruhr waren wir überrascht, dass sich der durch ein immensen Ballungsgebiet schlängelnde Fluss noch Auen und naturbelassene Etappen zu bieten hat. Unsere Rheintour führte uns von einer Großstadt in die nächste. Die Rheinschlepper ganz lässig zu überholen war ein Spaß. Die Mosel beeindruckte mit ihren Weinbergen. Wie oft haben wir uns überwältigende Aussichten erradelt. Interessant war der Überraschungsbesuchs bei einem uns bekannten Weinbauern. Zwei Gläser Wein. Anschließend hatten wir Schwierigkeiten mit unseren Rädern die Kurve zu kriegen.

An der Saar

An der Saar

Doch hier an der Saar ist es atemberaubend. Saarburg haben wir in guter Erinnerung. Obwohl ich beim Schieben auf dem antiken, nassen Pflaster bergan ausrutsche. Die Postfrau ist sofort zur Stelle. Der Abstecher hat sich gelohnt. Wo gibt es schon mitten im urigen Ort einen Wasserfall, Wasserräder und ein Amüseum. Einmal fragen wir uns: „Wo sind wir eigentlich: Im Saar-Hunsrück oder in Norwegen?“ Die Saar ist breit und von Felsen gesäumt wie ein Fjord. Im Naturschutzgebiet „Urwald“, gegenüber dem Vogelfelsen einige km vor Mettlach, bittet ein Schild um Verständnis für ein paar Meter Waldweg. Asphalt im Urwald, wie unpassend. Wir schieben gern. Die Saarschleife hinter Mettlach beeindruckt trotz Regen. Bald erreichen wir Merzig und queren den Ort auf der Suche nach einem Supermarkt. Bis Saarlouis ist es nicht weit. Wie verbringen die Nacht auf dem hübsch gelegenen Campingplatz mitten im Ort. Nette Nachbarn mit Caravan bringen uns Tisch und Stühle. „Ihr imponiert uns mit eurer Radtour von der Ostsee und sollt gemütlich sitzen.“ Mit diesen Worten verabschieden sich die beiden zum Stadtfest. Am nächsten Morgen drehen wir eine Runde durch Saarlouis, frühstücken beim Bäcker und folgen unserem Kurs der Saar entlang nach Frankreich.
Die Bühne wechselt. Erst Naturschauspiel, nun Weltkulturerbe. Wir haben es bis Völklingen geschafft und stehen an der gleichnamigen Hütte. Jetzt wird es Zeit, unseren Freund Otto anzurufen. Er kommt uns mit dem Rennrad (!) entgegen. Gemeinsam geht es im Reiseradler-Tempo nach Saarbrücken. Otto fährt dann mit uns einfach einen kleinen Umweg. Am 16. Tag unserer Tour und knapp 1300 km in den Pedalen stehen wir an der Grenze zu Frankreich. Luxemburg am 15. Tag erreicht.Frankreich am 16. Tag erreicht.Bis ins Mandelbachtal nach Erfweiler-Ehlingen müssen wir mit unseren schwer beladenen Rädern noch ein paar beachtliche Hügel erradeln. Otto passt sich freundlicherweise unserem Tempo an. „Da sind ja die Radfahrer aus Wismar“ ruft ein Mann und winkt uns freundlich zu. Unser Kommen hat sich bereits herumgesprochen.

Saarmündung

Saarmündung

Vier Tage bleiben wir bei unseren Freunden im Saarland. Gemeinsam schwingen wir uns auf die Räder, düsen nach Sarreguemines und den Canal de la Sarre entlang. Radfahrfreie Tage haben wir uns nun endlich verdient. Mit dem Bus geht es nach Saarbrücken, mit dem Auto in einen Archäologischen Park, der teils in Frankreich, teils in Deutschland liegt. Doch wir machen uns Gedanken über den Rückweg. Erstmal entscheiden wir uns für öffentliche Verkehrsmittel.

Die Sache mit der Bahnfahrt

Bahn fahren – was ist das? Lange her, unsere letzte Tour mit dem Zug. Überfüllt und voller Randalierer. Diesmal ist es nicht so schlimm. Dafür anders schlimm. Irgendwie müssen wir nach Hause kommen. Per Rad zurück ist zeitlich nicht drin. So entscheiden wir uns im Saarland für zwei Etappen mit der Bahn. Da wir noch bei unseren Freunden im Mandelbachtal sind, führt kein Weg an einer Busfahrt nach Saarbrücken zum Europa-Bahnhof vorbei.
Ich stehe rechts im Bus, vor mir das Rad. Mit der einen Hand klammere ich den Lenker fest, mit der anderen eine Stange. Zumindest gebe ich mir Mühe mit dem Klammern. Der Busfahrer ist beim Gas geben nicht zimperlich. In jeder Rechtskurve bringen mich die Fliehkräfte an den Rand der Verzweiflung. Die Gefahr ist groß, dass ich samt Rad und Taschen durch den Bus schieße. Werner geht es auf der anderen Seite nicht besser. Er mag die Linkskurven. Doch alles geht gut. Erleichtert verabschieben wir uns am Bahnhof vom flotten Chauffeur. Nie wieder Bus fahren mit Räder. Wir sind geheilt. Unser Freund Otto, seines Zeichens Busfahrer, hatte uns die Rheinland Pfalz/Saarland-Tickets besorgt. Gültig ab 9 Uhr für Bus und Bahn, Fahrradbeförderung inbegriffen. Versteht sich.
Auf zu neuen Abenteuern, wir sind im Zug. Hier gibt es Spanngurte, die Räder können nicht kippen. Das Fahrradabteil füllt sich. Wer zuerst raus muss, hat das Rad griffbereit ganz vorn. Die nächste Hürde heißt umsteigen. Den Ort habe ich vergessen, weiß nur, der Bahnhof war eine Großbaustelle. Die Aufzüge schlecht ausgeschildert, die Treppen steil. Nach mehrmaligen Nachfragen bei genervten Bahn-Uniform-Trägern finden wir dann doch den einzigen intakten Aufzug. Die Schlange ist lang, nur ein Rad paßt rein, die Zeit rennt wie verrückt. Gerade rechtzeitig erreichen wir unseren Zug. Es gibt diesmal keine Gurte, wir müssen gemeinsam mit anderen Radlern improvisieren. Spanngurte kommen mit auf unsere Packliste. Wieder was gelernt.

Warten auf den Zug

Warten auf den Zug

In Bonn verlassen wir den Zug. Bis Köln nehmen wir wieder Asphalt unter die Reifen und übernachten in Rodenkirchen auf einem Campingplatz am Rheinkilometer 681. Eine Frau informiert uns höflich aber bestimmt, dass wir uns gerade auf ihrem Parkplatz breitmachen. Doch wo sollen wir hin. Keine Zeltwiese, der Platz überfüllt. Uns bleibt nur die Dauercamperkolonie mit Blumenbeeten und Gartenzwergen. Morgens stelle ich einen Packsack gegen den Zaum vom nächsten Caravan. Geht da doch ein Fenster auf und hinter der Gardine ertönt eine aufgebrachte Frauenstimme: „Nehmen Sie den Sack weg, der Zaun könnte umkippen.“ Fenster zu. Ich muss einfach nur laut lachen. Nach ein paar Minuten lassen wir die Dauercamperkolonie in Frieden ihre Gartenzwerge bestaunen.

Wir sind auf dem Weg zum Hauptbahnhof. Jetzt ordern wir NRW-Tickets. Für die Räder verlangt man einen saftigen Aufschlag. Versteht sich. Wir sind nicht mehr im Saarland. Hier Übernachtung auf dem überfüllten Zeltplatz happig, die Zugfahrt gesalzen. Egal, wir wollen weiter und haben Tickets, gültig bis Minden. Das Radabteil füllt sich. Der allein radelnde Manager erzählt von seinen Erfahrungen mit GPS. Ein Pärchen unseres Alters ist das erste Mal auf einer längeren Tour und hat meist in Jugendherbergen genächtigt. Sie sind stolz auf ihre 500 km. Ich mag gar nicht sagen, dass wir fast 1000 km mehr auf dem Tacho haben. Unterwegs beschließen wir, in Münster auszusteigen. Das Wetter ist gut, warum sollen wir dann im Zug rumhängen?

Die Sache mit den Maisfeldern

Maisfelder, Maisfelder.....

Maisfelder, Maisfelder…..

Der Weser-Radweg führt durch ein uriges Dorf, geprägt von restaurierten Fachwerkhäusern. Der Wegweiser verspricht die schönste Reise entlang der Weser. Wären da nicht die Maisfelder, Maisfelder und nochmals Maisfelder. Mais ohne Ende macht die Reise an der Weser nicht gerade abwechslungsreich. Weinberge waren nicht so eintönig, aber die sind nun Geschichte. Vor Niendorf trennt uns ein überdimensionales Maisfeld vom Fluss. Das Feld liegt rechts neben uns – Wind von hinten. Der Pfeil führt uns nach rechts ums Feld – Wind von der Seite. Der Pfeil zeigt wieder nach rechts ums Feld – Wind von vorn. „Wenn der nächste Pfeil wieder nach rechts geht, hab ich hier die Nase voll. Ich will zur Weser und keine Maisfeld-Umrundung“, schreie ich gegen den Wind an. Doch irgendwann erlöst uns ein grüner Pfeil vom Riesen-Maisfeld. Ein weiterer Kukuruz-Acker lässt nicht lange auf sich warten. Wir hatten es geahnt.

Die Sache mit dem Ausmisten

Unsere letzte Station auf dieser Tour ist ein netter Zeltplatz am Salemer See, einem Nebenarm des Schaalsees. Gar nicht nett dagegen ist das Wetter. Es regnet ohne Pause. Wir haben nun die Etappe nach Hause vor uns und warten vergeblich auf Wetterbesserung. Es hilft nichts, frustriert setzen wir uns in Bewegung. Werner verzichtet auf Regenkleidung. Der Gedanke an eine heiße Dusche heute abend treibt ihn voran. Nach mehreren Stunden sind wir auf der Zielgeraden. Plötzlich teilen sich wie von Zauberhand die Wolken. Der Regen hört auf, Sonne zeigt sich. Zwar zaghaft, aber immerhin. Kurzentschlossen nehmen wir den Weg nach Wismar und als wir auf den Markt sind, strahlt die Sonne und wir sind trocken. Wer hätte das gedacht. Diesen plötzlichen Wetterumschwung nehmen wir zum Anlass, unseren Radhändler aufzusuchen. Gut 2000 km zeigen die Tachos. Wir werden mit Fragen überhäuft. Am meisten interessiert hier, wie oft wir zu Reparaturzwecken die Räder entladen und auf den Kopf stellen mussten. Gar nicht, weder Reifenpanne noch gerissene Kette. Glück gehabt wie am Oder-Neiße-Radweg. Gut gelaunt treten wir nun endgültig den Heimweg an. Unsere Wohnung kommt uns viel zu groß vor. Brauchen wir alles, was sich in diesen Räumen befindet? Wir haben die letzten Wochen sehr spartanisch gelebt und uns dabei so wohl gefühlt. Weder Fernseher noch Laptop vermissten wir.

Vier Wochen und 2035 km

Vier Wochen und 2035 km

Kaum sind unsere Taschen leer, beginnen wir unser Rückkehr-Ritual. Schranktüren öffnen und raus mit allen Sachen, die wir das letzte Jahr nicht gebraucht haben. Ausmisten fühlt sich so gut an. Und klappt am besten, wenn man von einer Tour mit minimalistischem Gepäck kommt. Was man ein Jahr nicht benötigt hat, braucht man das ganze Leben nicht mehr. An den Fernseher haben wir uns schnell wieder gewöhnt, auch an die großen Räume. Der Laptop ist notwendig, zum Beispiel zum Bearbeiten dieser Homepage. Doch die Kartons mit den unnützen Dingen entsorgen wir sofort. Nicht dass wir uns an den überflüssigen Kram gewöhnen.

Ein paar Schlussbetrachtungen

Die längste Tagesetappe: 109 km von Syburg an der Ruhr bis Duisburg am Rhein.
Der am schwersten zu ertragende Radfahrtag: Bei Dauerregen von Duisburg bis zum Campingplatz hinter Zons auf dem Rhein-Radweg.
Die anstrengendste Tagesetappe: 85 km bergauf und bergab durchs Weserbergland und Eggegebirge.
Das bemerkenswerteste Erlebnis: Wir schlossen in Hürth eine völlig fremde Wohnung auf, nämlich die von Karin und Claus.
Die schönste Erinnerung: Wir schafften es am 16. Tag bis zur französichen Grenze und waren schon in Luxemburg.
Die großartigste Erfahrung: Wir standen mit den Rädern vorm Kölner Dom und in Trier vor der Porta Nigra.
Der neue Plan: Wir wollen 2012 durch die Balkanstaaten zum Donaudelta radeln.

Radtour Frankreich

– ENDE –

Trenne dich nicht von deinen Visionen. Wenn sie verschwunden sind,
wirst du weiter existieren, aber aufgehört haben zu leben.

Mark Twain

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