Wismar oder Wißmar?

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Wismar oder Wißmar?

Donnerstag 13. Juni – Freitag 14. Juni, Höxter – Camping Fulda-Schleife Guxhagen-Büchenwerra – 124 km

Gestern war zwar der 13., aber nicht Freitag. Trotzdem nicht mein Tag. Nach 9 km plötzlich „Puff“, dann lautes Zischen. Das fiese Geräusch kommt von vorn. Halte an und entdecke einen Riss in der Reifenflanke. Rufe meinen Radelpartner Gerhard. Also Gepäck eine Seite runter, Rad auf die Seite und Rad ausbauen. Gerhard wechselt den Schlauch. Den mit Loch nehme ich mit zum Flicken.

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Alles habe ich bei, nur keine funktionierende Luftpumpe. Werner hatte sie extra getestet, das Ding ist trotzdem Schrott. Gerhard hat eine gute und Ruck zuck können wir weiter rollen. In Bad Karlshafen fahren wir zu einem Radladen, aber die Auswahl an Reifen ist bescheiden. Auf einen Reifen ohne ordentlichen Pannenschutz verzichte ich. Weiter geht es Richtung Hann.Münden. Der Gegenwind wird nicht gerade schwächer, die Steigungen und Abfahrten nehmen zu. Der Sonne-Wolken-Mix ist angenehm. Eine sehr steile Steigung schiebt Gerhard mein Rad hoch. In Hessen wird die Wegfindung schwierig. Verein oder Amt, fühlt sich keiner für Markierungen verantwortlich? Wir verirren uns trotzdem nicht. Nach einer Weile wieder eindeutige Schilder. Nur selten müssen wir den Radweg wegen Hochwasser verlassen. Umleitungen sind nicht immer eindeutig ausgeschildert. Durch hügeligen Wald geht es, dann am Fluss entlang. Strochenschnabel am Wegesrand, Orchideen und Sumpfdotterblumen am Wasser.

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Das Weser Tal ist traumhaft und jeden erklommenen Anstieg wert. In Hann.Münden vermissen wir den Zusammenfluss von Weser und Werra zur Fulda. Irgendwo unter einer Brücke teilte sich ein Gewässer, so erinnere ich mich. Doch da die Ufer vom Hochwasser ausgefranst sind, erkannten wir diesen Ort nicht als Ursprung der Fulda. Am Hinweisschild vorbei gesaust. Ein anderer Radler weist uns später darauf hin.
Das Fuldatal breitet sich aus. Gelungene Fortsetzung des Weser Tals. Hier sind deutlich mehr Radler auf der Piste. Auch viele Selten-Fahrer, die regelrecht in Panik geraten, wenn Schwertransporter mit Überbreite anrollen. Wir stellen fest, dass der Radler aus Schwaben von gestern Abend ein Unikum ist. Genau wir wir. Nur skurille Typen sind so auf der Piste. Viele Radler mit wenig Gepäck düsen an uns vorbei. Ein Mann bleibt neben mir und meint ganz ehrfürchtig: „Sie müssen ja gut trainiert sein.“ Logisch. Kurz vor Kassel halten wir. Eine Frau mit weißen Handschuhen und einer großen Tüte sucht Wildkräuter. Sie hatte Gicht. Seit einem Jahr isst sie viel Rohkost und Wildkräuter und einmal am Tag eine warme Mahlzeit. Die Schmerzen sind nun so erträglich, dass sie keine Tabletten mehr braucht. Sie ist nicht mehr erkältet und müde und fühlt sich erheblich besser. Ich bin beeindruckt. Sie anscheinend auch von mir. Heute habe ich wieder nur Müsli, drei Riegel und immer wieder Löwenzahn und Brennnessel gefuttert. Gerhard ist mein Zeuge. Über 90 km zeigt er Tacho. Ich bin weder müde noch schlapp noch hungrig. Es freut mich, dass die Frau das auch so erlebt. Gerhard will diese Ernährung seiner Frau empfehlen. Und vielleicht auch selbst probieren.
Kreuz und quer durch Kassel führt der R 1, Ausschilderung lückenlos. Auf der Fuldabrücke fotografiere ich. Als ich losfahren will, sagt Gerhard hinter mir: „ Du hast einen Platten, bleib stehen.“ Der macht Witze, denke ich und fahre an. Es ist kein Witz, aber nun nicht mehr witzig. Unglaublich. Das Hinterrad ist wirklich platt.

Kassel: Hinterrad platt

Kassel: Hinterrad platt

Ich schiebe von der Brücke. Habe nur noch den Schlauch, der noch geflickt werden muss. Gerhard verabschiedet sich, muss weiter. Er will bis Guxhagen fahren. Da wollte ich auch hin, aber nun bleibt mir wohl nur die Jugendherberge. Der Kasseler Campingplatz ist ja geschlossen.
Ich lege das Rad auf die Seite, hole Werkzeug raus, hake die Bremse aus. Ein Radfahrer fragt, ob ich Hilfe brauche. Ja, ein Radgeschäft in der Nähe. Die Beschreibung ist für mich nicht nachvollziehbar. Er schreibt mir Adresse und Telefonnummer auf. Falls ich allein nicht klar komme. Hier wird alles für den Hessentag vorbereitet. Männer mit Warnwesten stellen Absperrungen auf und bieten mir Hilfe an. Sie vermuten einen Unfall, weil mein Rad so traurig da liegt. Wollten schon den Rettungswagen rufen. Als der Reifen von der Felge ist und ich den Schlauch betrachte, wird ein Mountainbike auf den Rasen gelegt. „Komm mal Mädel, ick helfe dir.“ Ein waschechter Berliner, ansässig in Kassel. Beherzt greift er zu, baut blitzschnell das Hinterrad aus und flitzt mit dem Schlauch zur Fulda. Das Loch ist schnell gefunden. Ich beginne den Schlauch zu flicken und der nette Berliner inspiziert den Mantel, baut alles wieder zusammen, pumpt mit seiner guten Luftpumpe den Reifen auf, ruft seine Frau an. „Ich komme etwas später, muss einer Radfahrerin helfen, bringe sie zur Rad-Werkstatt.“ Mein Rad ist schnell beladen und ab geht es. Torsten, der nette Berliner, übergibt mich an Ralf vom Fahrradhof. Wenn das nicht Glück im Unglück ist. Ich bin beeindruckt.

Torsten hilft ungefragt

Torsten hilft ungefragt

Nach einer guten Stunde ist mein Rad vorn neu bereift. Die Reparatur hinten halten die Jungs für geglückt. Ich verlasse mich auf ihr Urteil. Natürlich fahre ich nicht ohne neue Luftpumpe. Lasse mir den Weg zum R 1 erklären und rolle los. Ab nach Guxhagen, das schaffe ich noch. Auf Jugendherberge habe ich keine Lust. Um 20.20 Uhr bin ich dort. Total geschafft, nass vom Gewitterguss, aber überglücklich hier zu sein.
Vor Guntershausen wollte ich anhalten. Die Beschreibung raus holen, wie man die lange Serpentine über Grifte umfährt. Plötzlich ein Radler neben mir, die üblichen Fragen nach dem Woher und Wohin. Er fuhr mit mir nach Grifte und zeigte mir den Weg nach Guxhagen. So einen netten Menschen hatte ich an diesem verückten Tag verdient. In Guxhagen folgte ich der Zeltplatz-Ausschilderung, statt den R 1 zu nehmen. Lange Steigungen an der Hauptstraße und kein Radweg. Als kleine Zugabe Blitz, Donner und Regen. Die letzte Steigung schob ich fluchend hoch. Dann bergab bis Büchenwerra. Fragte mich, ob ich ein Schild übersehen habe. Endlich der Hinweis zum Campingplatz. Gerhard ist auch da. Vor Guxhagen war sein Vorderrad platt. „Frauen sind klar im Vorteil“, hörte ich ihn sagen. Bei ihm hielt niemand um zu helfen.
Mein Zelt stand und ich wollte essen. Ich kann das Vorzelt eines gerade freien Mietwohnwagens nutzen, falls es ungemütlich wird. Gedacht und los ging es. Dieser Schauer war heftig und recht anhaltend. Ich futterte unterm Dachüberstand des Vorzelts. Und harrte hier aus, bis mir fast die Beine weg knickten. Nur noch ab ins Zelt. Geduscht wird morgen. Für heute schaltete mein Gehirn ab. Überglücklich schlief ich ein.

Campingplatz in Büchenwerra

Campingplatz in Büchenwerra

Heute, am Freitag, bin ich früh wach. Mein erster Gang führt mich nicht zur Toilette, sondern zu meinem Stahlross. Wie fühlen sich die Reifen an? Rund und prall. Bin erleichtert. Die Vögel zwitschern aufgekratzt. Angeblich soll es über Nacht geregnet haben, ich merkte nichts. Beschlossene Sache, ich bleibe heute hier an der Fuldaschleife. Bezahle die zweite Nacht, laufe am Fluss entlang, futtere Wildkräuter, gehe nach Büchenwerra Gemüseteller essen (sehr lecker), flicke den Schlauch, wasche Klamotten, schreibe endlich alles auf, marschiere mit Kamera und Stativ abends zum Fluss.

Fuldaschleife bei Büchenwerra

Fuldaschleife bei Büchenwerra

Äh, was ist heute für ein Tag? Wie lange bin ich unterwegs? Erst eine Woche? Gefühlte vier Wochen. Welch eine Verlängerung der Lebenszeit. Verstehe meine Oma nicht. Sie behauptete, mit zunehmendem Alter fängt die Zeit an zu rasen. Bei mir dehnt sie sich irgendwie aus……….

Samstag 15. Juni, Büchenwerra – Camping in Ungedanken bei Fritzlar – 58 km

Heute habe ich keinen Radel-Partner und schon stehe ich nicht um 5.30 Uhr auf, obwohl ich wach bin. Als ich mich um 7.15 Uhr gemächlich aus dem Schlafsack pelle, tappe ich als erstes wieder zu meinem Rad, die Reifen prüfen. Alles in Ordnung. Um 9.00 Uhr packe ich das Zelt ein. Ein Dauercamper, der mich seit gestern beobachet, bietet mir ein Vollkornbrötchen an, doch ich lehne dankend ab. Bin satt von Müsli. Dass ich unterwegs Wildkräuter esse, interessiert ihn nicht.
Ich fahre am R 1 zurück bis Guntershausen und rolle vorbei an Mohnblumenwiesen die Serpentine runter, die ich auf dem Weg hierher auf dem Eder-Weg umfahren habe.

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Nein, diese Steigung hätte ich Donnerstag Abend nicht mehr gepackt. Nun bin ich wieder am Eder-Weg und halte an der Edermündung. Aus einem Auto schaut ein Gesicht mit Hut und schickt mich zur richtigen Stelle. Frage mich, warum niemand für die letzten Meter ein Schild übrig hatte. Ich steige vom Rad und rutsche fast aus. Unter meinem linken Schuh klebt glitschige Scheiße. Von wem auch immer diese stammen mag, Mensch oder Tier, Scheiße bleibt Scheiße. So sitze ich an dem sich teilenden Fluss auf einem Stein und stochere mit einem Stöckchen die stinkige Masse aus Klicki und Profil. Sollte es heute Abend regnen, müssen die Schuhe ins Zelt – pfui, mir wird schlecht.

Eder-Mündung bei Grifte

Eder-Mündung bei Grifte

Ich folge der E-Beschilderung für Eder-Radweg. In meiner Karte ist zwar ein anderes Zeichen, braun mit geschwungenem Fluss, aber E steht für Eder, habe ich mir sagen lassen. Außerdem ist es der R 10, aber diese Ausschilderung fehlt. Verstehe es wer will.
Ein Schotterweg führt durch einen kleinen Urwald. Ich fotografiere und futtere Knoblauchrauke, als ein Mann mit Hut und zwei Hunden an der Leine vorbei kommt. Die üblichen Fragen. Aber nicht, ob ich Angst habe. Doch zum dritten Mal die Vermutung, dass meine Hinterradnabe ein getarnter Akku ist. Ortliebtaschen hätte er auch, doch lange nicht benutzt. Na dann mal rauf aufs Rad. Wir reden über Wildkräuter und Trekking- und Radtouen. Der Mann fragt, ob er unsere Touren im Internet nachlesen kann. Ich gebe ihm eine Karte. Er will sich sofort die Wildkräuterseite ansehen.

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Herrlicher Wald an der Eder

In Wolfershausen entdecke ich eine R 10- Markierung. Und bald darauf halte ich an, um das echte Edertal-Symbol aufzunehmen. Ein Mann bestaunt mein beladenes Stahlross. Das Edertal ist gesäumt von sanften Anstiegen, unterbrochen von bewaldeten Bergkuppen. Eine Burg thront auf einem Berg. Der Radweg führt in diese Richtung. Bald bin ich in Felsberg mit der weithin sichtbaren Festung.

Felsberg

Felsberg

Gerade denke ich, dass ich mir heute am Samstag, außer Löwenzahn und Brennnessel, beim Bäcker ein Brötchen und Kaffee gönnen werde. Wie gerufen steht hinter einer Kurve ein Bäckerwagen. Der Kuchen lacht mich an. Ich bleibe stehen. Die Verkäuferin wird auf mich aufmerksam und fragt mich gemeinsam mit einer Kundin aus. Die ältere Frau im gepunkteten Kleid stellt die Mutter aller Fragen. Nein, wenn ich Angst hätte, würde ich zu Hause auf der Couch sitzen. Etwa 650 km bin ich von der Ostsee geradelt. Die beiden sind baff. Ich frage nach Kaffee, aber im Bäckerwagen gibt es nur Kakao aus der Packung. Ist auch in Ordnung. Die nette Verkäuferin hat eine Idee. Sie erklärt mir den Weg zum Backshop und ruft ihre Kollegin an. Mein Kaffee geht aufs Haus. Soll ich von Tanja ausrichten. Unglaublich. Kurz danach stehe ich vor Bäcker Rössel. Kaffee steht bereit. Ich soll mir gleich zwei Stücke Kuchen aussuchen. Tanja ruft nochmal an, ob ich den Weg gefunden hätte. Der Kuchen, Rhabarber und Apfel, ist lecker. Die freundliche Frau schenkt mit ungefragt Kaffee nach. Sie weiß von Tanja, dass ich von der Ostsee komme und erzählt, dass sie oft in Heiligenhafen war. Ich kann gar nicht fassen, was hier abläuft. Ein Engel schickt mich zum nächsten Engel. Der Kuchen geht auch aufs Haus. Danke an die reizenden Frauen von Bäcker Rössel. Sie taten es gern und ließen mich beschwingt weiter fahren. Als ich auf meinem Stahlross durch die traumhaften Ederauen gleite, frage ich mich, warum nicht alle Menschen so liebenswürdig zueinander sind. Kostet nur ein Lächeln und ehrliches Interesse am Mitmenschen – und beglückt beide Seiten. Und würde die Welt unendlich bereichern.

Gute Erinnerungen an Bäcker Rössel

Gute Erinnerungen an Bäcker Rössel

Vor Fritzlar sieht der Himmel nach Gewitter aus. Doch der Wind treibt die Wolken auseinander. Ich suche die Ausschilderung des R 4 nach Süden. Leider vergeblich. Wo sich E und R 4 teilen und ich unschlüssig vor der Karte stehe, radeln junge Leute heran. Beide ziehen Anhänger mit Nachwuchs. Wir rechnen aus, dass Kind plus Hänger etwa so viel wiegen wie meine Taschen. Der Mann erkennt sofort meine Hinterradnabe als Rohloff-Schaltung. Endlich einer, der Bescheid weiß. Den Weg kennen sie leider nicht, empfehlen mir aber bis Wega auf dem E-Weg zu fahren und über Bad Wildungen Richtung Süden. Ich folge ihrem Rat und entdecke gleich hinter Fritzlar, in Ungedanken, einen Campingplatz. Habe keine Lust weiter zu suchen und bleibe hier. Zwei Männer stellen gerade ihre Zelte auf. Sie kommen vom Edersee. Die beiden schauen interessiert zu, wie in Windeseile meine kleine Stoffbehausung steht. Ein Wohnmobil stellt sich in unsere Nähe. Nette Leute. Sie fragen das Übliche und ich erzähle. Die Frau rät mir alles aufzuschreiben.

Kaiserstadt Fritzlar

Kaiserstadt Fritzlar

Dann fahre ich nach Fritzlar zurück, kurbele zur Altstadt empor. Ich hoffe eine Karte von Edertal-Radweg zu ergattern. Könnte vielleicht meine Tour erweitern. Leider vergeblich. Ich frage ein älteres Pärchen. Fritzlar hat geschlossen samstags um halb sechs. Auf dem Weg zurück spreche ich junge Leute mit viel Gepäck an und darf auf ihre Karte schauen. Von Frankenberg bis zum Edersee sind es 50 km. Aber keine Zeltplätze, wo ich sie brauchte. Vielleicht haben die beiden Radler neben mir eine andere Karte. Doch aus deren Zelten kommen Schnarchgeräusche.

Sonntag 16. Juni, Ungedanken – Camping Aumühle in Gemünden/Wohra – 35 km 

Heute früh kann ich doch noch auf die Karte der beiden Radler schauen. Sie kommen von Ansbach, sind gut 800 km unterwegs. Wollen nach Kassel und mit dem Zug zurück. Zwei lustige Typen. Ich beschließe, den Edersee auszulassen. Erstens ist es ein Touri-Gebiet – und die meide ich wie die Pest. Zweitens ist heute Sonntag und bestimmt noch mehr los.
Ich fahre bis Wega. Hier verlasse ich den Eder-Radweg und biege ab nach Bad Wildungen. Bei Mercedes entdecke ich eine Luftpump-Station. Uralt. Ein alter Mann sitzt auf einer Bank und kommt herbei. Ich stecke den Schlauch aufs Ventil und er betätigt den antiken Hebel. 5 bar vorn und hinten. Die Reifen haben kaum Luft verloren, ich bin beruhigt. Die Pumpstation sei 70 Jahre alt, erklärt mir der Mann. Echte deutsche Wertarbeit.

Entdeckt und benutzt in Bad Wildungen

Entdeckt und benutzt in Bad Wildungen

Nun habe ich die hessischen Berge vor mir. Es regnet nicht, doch Gegenwind ist mein Feind. Alle Grashalme verneigen sich vor mir. Jede noch so kleinste Steigung fühlt sich an wie treten gegen eine Wand. Der erste nicht enden wollende Anstieg hinter Bad Wildungen geht bis Odershausen. In einer Kurve ist Vorfahrt zu beachten, zum Glück muss ich nicht vom Rad. Ich wäre nicht wieder raufgekommen bei dieser Schräglage. In Braunau ist die Kirche verschlossen. Sechs km bis Bergfreiheit. Ich folge dem R 5. Der führt in einen Wald. Der Wind ist endlich ausgesperrt. Die Sonne zeichnet Muster auf den von Waldmeister übersäten Boden. Schotterpiste bergauf und bergab. Ein Pärchen auf Mountainbikes kommt mir entgegen. „Mann o Mann“ höre ich gerade noch, nachdem sie freundlich grüßten und mitleidig lächelten. Irgendwann schlängelt sich der R 5 auf dem Asphaltband weiter. Kein Radweg. Die Autofahrer sind anständig. Die nächste Steigung starker Gegenwind. Doch es geht immer leichter. Ich denke an die Karpaten im letzten Jahr, bei sengender Hitze bezwang ich jeden Berg. Mehrere Motorradfahrer trauen ihren Augen nicht und drehen gleichzeitig ihre behelmten Köpfe in meine Richtung. Ich erklimme eine Ortschaft und belohne mich mit mehreren Riegeln und viel Wasser.

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Bergfreiheit erreicht. Pause im Schneewittchendorf. Ich kontrolliere, ob die Packsäcke fest sitzen. Mist. An einer Hinterradtasche hat sich die Haltleiste gelöst. Die Schraube kann ich noch retten. Packe um. Aus einem urigen Gasthof kommen gesättigte Leute. Ob es in Gemünden ein Radgeschäft gibt, wissen sie nicht. Eine Frau aus Fritzlar kennt sich nur dort aus.

Schneewittchendorf Bergfreiheit

Schneewittchendorf Bergfreiheit

Mit Übergewicht auf einer Seite fahre ich weiter. Was soll ich machen. Muss froh sein, wenn die Tasche bis Gemünden hält. Die nächste Steigung hinter Dodenhausen finde ich nicht mehr schlimm. Die Abfahrt aller Abfahrten kann ich richtig genießen, denn sie endet in Gemünden. Malerisch liegt der Campingplatz an der Wohra. Ich spüre den Platzwart auf und breite mich auf einer schönen Wiese mit Hecke aus. Einen Radladen gibt es nicht, im Baumarkt werden aber Räder verkauft. Naja, die haben bestimmt keine Ortlieb-Taschen. 5,50 € kostet die Wiese. Dafür nehme ich gern in Kauf, dass es weder Stuhl noch Tisch noch Klopapier gibt. Der Sanitärbereich ist nicht neu, aber sauber. Als erstes leere ich die defekte Tasche und finde die Mutter. Schraube die Leiste zusammen und sinke ins Gras. Schaden behoben. Ohne Baumarkt. Nach einer Stunde Tiefschlaf schlendere ich durch den Ort. Hübsch, viele Fachwerkhäuser. Aber kaum Menschen am Sonntag Nachmittag. Gönne mir eine Pizza als Belohnung für die Bergetappe. Später ziehe ich mit der Kamera los. Heute erzählt mir Werner, dass ihm allein langweilig ist. Ich bin beruhigt – er vermisst mich.
Abends im Waschraum Plauderei mit zwei Dauercamperinnen. Sie empfehlen mir Marburg als Pausentag. Der Campingplatz dort liegt direkt an der Lahn. Ich lasse mich überraschen. Die beiden haben mich vielleicht überredet.

Montag 17. Juni, Gemünden/Wohra – Camping Lahnaue Marburg – 39 km

Heute Vormittag setze ich mich vor das kleine Campingplatz-Restaurant und schreibe. Mein beladenes Rad schon neben mir. Schön im Schatten. Es ist heiß. Eine Dauercamperin von gestern Abend gesellt sich zu mir. Wir reden eine ganze Weile. Nach einem Radunfall musste sie wegen gebrochenem Wirbel lange liegen und ein Korsett tragen. Ich soll gut auf mich aufpassen. Erst gegen 12 Uhr starte ich. Will heute nur bis Marburg, etwa 35 km.
Zuerst fahre ich zum Bäcker im Ort. Kaffee und Brötchen. Mein Spezial-Müsli horte ich für härtete Etappen. Als ich los fahre, steigt ein Mann vom Rad. Die üblichen Fragen. Er duzt mich. „Wartest ´ne Stunde, ich packe und komme mit.“ Na dann mal los. Er holt mich ein und ruft: „Bis heute um fünf in Marburg auf dem Zeltplatz!“ Witzbold. Sportlich sah er nicht aus. Er verspricht mir noch einen wunderschönen Radweg bis Kirchhain. Und hier hatte er nicht übertrieben. Birken spenden Schatten. Sanfte Anhöhen, teils bewaldet, manchmal Pferde- oder Rinderweiden. Buschreihen schlängeln sich empor und trennen Felder voneinander. Ich kann mich kaum satt sehen. Verblühte Rapsfelder, die Ränder geschmückt mit Korn- und Mohnblumen, rot wie meine Radtaschen. Bachstelzen hüpfen vor mir her.

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Hahnenfuß ganz in gelb, konkurriert mit Rotklee, Margeriten und Lupinen, Lichtnelke, Wundklee, Schafgabe, Schöllkraut. Immer wieder einzelne Bauernhöfe. Ein besonders charmanter nennt einen Bauerngarten sein eigen. Davor eine Kastanienallee. Der Rhododendron ist fast verblüht.
In Wohra rolle ich an Autohäuser vorbei und bin dankbar, nicht mehr – wie vor Jahren – mit Blechkisten meine Brötchen verdienen zu müssen. Ein Milan schwebt hoch über mir durch die Luft. Und, nicht zu fassen – Rückenwind. Der Duft von frisch gemähten Wiesen betört meine Nase.

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Wieder ein Milan. Verfolgt er mich? Der Himmel ist blaugrau, von einzelnen Wolken überzogen, die ab und zu wohltuend Schatten spenden.
Hinter Rauschenbach rauscht ein rauschender Bach, die Wohra, zu meiner Linken. Die Wegränder sind auch hier nur spärlich oder gar nicht gemäht. Ich komme nur langsam voran. Immer wieder tut sich vor mir ein noch schöneres Fotomotiv auf. Nur allein kann ich diese Tour richtig genießen. Mit einem Partner, egal mit wem, kann man nicht so oft anhalten und die Kamera zücken. Es sei denn, er teilt diese Leidenschaft.
Ab Kirchhain führt der Weg an der Bahn entlang. Zwischen Gleis und Weg die wildeste Natur und immer wieder Orchideen.

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Zur Abwechslung wieder ein Fluss. Die Ohm begleitet den Radweg ab Anzefahr. Hinter einer Brücke halte ich, wie kann es anders sein, zum Fotografieren. Eine junge Frau radelte hinter mir und wundert sich über mein Gepäck. Sie stellt die üblichen Fragen. Beeindruckt schwingt sie sich aufs Rad.
Bei Cölbe ist die Ohmmündung ausgeschildert. Nicht dass ich wieder in Scheiße trete wie an der Edermündung. Ich halte nicht an. Plötzlich ist der Fluss breiter. An einer Staustufe wird sich am Ufer gesonnt. Ein Schild: Hier fließt schon die Lahn. Hinter Cölbe Expert rechts und Baumarkt links. Am Berg das Schloss und ein spitz aufragender Kirchturm – Marburg in Sicht.

Marburg erreicht

Marburg erreicht

Auf dem Radweg wird es eng. Jogger mit und ohne Kinderwagen, Skater, Radler, Fußgänger. Ich rolle hinter einer Truppe in einheitlicher Radkleidung mit wenig Gepäck her. Geführte Tour oder Ausfahrt der ADFC-Ortsgruppe. Wir überholen einen Skater. „O, nur die Letzte so schwer bepackt.“ tönt es hinter mir. Das muss ich klar stellen und halte an. „Bin allein unterwegs, rolle hier nur zufällig hinterher.“ Der Mann ist beeindruckt von meiner Solo-Tour und meinem Rad. Er bezichtigt mich nicht – wie nett – mit Akku durch die Gegend zu rollen. Rohloff-Schaltung kennt er nicht. Ich erkläre sie ihm, auch das E-Werk. Er war schwer krank, eine Depression raubte ihm allen Lebensmut. Er ist glücklich, dass er es schafft, wieder die Wohnung zu verlassen, sich zu bewegen und Leute anzusprechen. Ehe kaputt, Ärger in der Firma – das war zu viel. Ich weiß, wovon er redet. Er bedankt sich für das interessante Gespräch. Bin beeindruckt – dass er so viel von sich preis gab. Miteinander reden ist für beide Seiten ein Gewinn. Gerade auch diese Wortwechsel machen für mich die Reise aus. Ich erzähle und ich erfahre.
Auf den Wiesen sitzen junge Leute, das Gewusel nimmt zu. Vorsichtig rolle ich an der Lahn entlang. Mein Zelt steht bald auf einer Wiese am Fluss. Mit Tisch und Bank und Grillstelle. Leider brettern an der anderen Seite unentwegt Autos vorbei. Ohne Schallschutzwand wäre es noch lauter. Heute ist mir wieder kein Schwertransporter begegnet. Diese Sorte Radler ist und bleibt eine Rarität.

Ich marschiere in die Altstadt. Traumhaft. Frage ein paar junge Leute, die gerade einen Platten am Rad beheben, nach einem Trekkingladen. Sie sind sehr nett und zeigen mir die Straße auf dem Stadtplan. In der Barfüßler-Straße im Barfüßler-Cafe esse ich Nudeln. Zwischen – wie kann es anders sein – lauter Studenten. Sie kotzen über ihren Prof ab. Ich glaube, Leute in meinem Alter kommen hier nicht vor. Zum Glück stellen sich Studenten mit Eltern ein. Sie diskutieren über die Schwierigkeiten, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Das Abendlicht ist wunderschön und ich erklimme die vielen Stufen zum Schloss. Ausblicke vom Feinsten. Hier sitzen sie wieder, die Studierenden. Mit Bier, Sekt, Wein und Pizza auf der Schlossmauer und lassen die Beine und Gedanken baumeln. Einige in trauter Zweisamkeit. Zurück zum Campingplatz. Die andere Seite Marburgs ist nicht zu übersehen. In einer Unterführung liegen Obdachlose. An einer Treppe sitzt rauchend eine alte Frau und zieht Wollfäden durch die Finger. Doch niemand bettelt. Hätte die Hosentaschen umgekrempelt – meine Mäuse sind woanders deponiert.
Auf der Zeltwiese steht nun noch ein Zelt mit Rad. Ein Mann liegt im Gras. Grüßt nicht zurück. Kriecht in sein Refugium und macht die Schotten dicht. Alles klar, diese Sorte Radler gibt es auch. Die Unfreundlichen. Nicht Geprächsbereiten. Vielleicht tue ich ihm Unrecht und er will nur seine Ruhe haben. Morgens erwidert er den Gruß. Rafft sein Zeug und weg ist er.

Dienstag 18. Juni, Marburg – Camping am Dutenhofener See bei Gießen – 41 km

Da Tisch und Bank vorhanden, bin ich früh aus dem Schlafsack und vervollständige mein Reisetagebuch. Die Vögel übertönen mit ihrem lautstarken Morgenkonzert fast den Verkehr.

Campingplatz in Marburg

Campingplatz in Marburg

Natürlich marschiere ich zum Trekkingladen. Die Jungs hatten nicht übertrieben. Gut sortiert und Leute, die Ahnung haben. Die junge Verkäuferin fuhr in den Semesterferien mit Rad und viel Gepäck zur Ostsee, dabei kreuz und quer durch die Mecklenburger Seenplatte. Auch Mallorca hat sie radelnd umrundet. Solche Leute gehören in diese Branche. Und nicht diejenigen, die noch nie selbst ein Zelt aufbauten. Ich nehme für 1,95 € eine Löffel-Gabel-Kombination zum Klappen, da mein Löffel seit ein paar Tagen zweigeteilt ist.
Erst gegen 12 Uhr rolle ich los. Bis Gießen sind es nur 35 km. Nicht ohne genug Wasser zu bunkern. Der Wassersack bewährt sich. Bald habe ich eine Radlerin neben mir. „Respekt“ höre ich. Sie ist nun Rentnerin, hat Zeit, traut sich aber nicht allein loszufahren. Im nächsten Moment behauptet sie keine Angst zu haben. Ja, was denn nun? Vielleicht habe ich sie überredet, ihr Rad zu beladen und die Welt zu bestaunen. An einem Schwimmbad hält sie an, empfiehlt mir hier eine Pause einzulegen. Menschenmassen sind mir zuwider. Ich trete in die Pedalen. Das Lahntal ist weiter als das Weser- und Fuldatal. Die Anhöhen sind hier eher Hügel. Die Wegränder gründlich gemäht. Vor mir fahren Holländer (mit wenig Gepäck). Ich überhole und sage „Mooie weer“ (Schönes Wetter). Die Limburger lachen und grüßen freundlich. Wir überholen uns ein paar Mal. Heute ist es heiß und alle Radler halten an, um zu trinken. Ein älterer Mann, er fuhr schon den Diemel-Radweg, begegnet mir mehrmals. „Outback-Hitze“ stöhnt er. Mein Thermometer zeigt 37,6 Grad. Karpatenhitze ist es noch lange nicht. Dort radelten wir letztes Jahr bei 57 Grad durch die Berge. Hier gibt es einen Ort namens Wißmar. Also wie unser Wismar, nur mit ß. Neugierig biege ich ab. Nicht viel los. Ich suche ein Schild als Beweis. Fahre eine Ausfallstraße in der Hoffnung auf ein Straßenschild. Vergeblich. Nehme, als Ersatz, zwei Firmenschilder mit Adresse und die Radweg-Ausschilderung auf. Zurück zum Radweg. Plötzlich doch noch das Ortsschild.

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Wer wohl in Wismar schon mal von Wißmar gehört hat? Einen See hat der Ort zu bieten. Und einen Campingplatz. Ich will aber weiter.
In Lollar trinke ich bei Bäcker Horst Kaffee und esse Rhabarber Kuchen. Im Geschäft sind Bäcker und Schlachter glücklich vereint. Die Verkäuferinnen staunen über meine Tour. Und wieder die Mutter aller Fragen, die ängstliche Frage nach der Angst. Wenn ich Angst hätte, würde ich zu Hause auf der Couch sitzen und mir vielleicht das meist lausige Fernsehprogramm reinziehen. Aber genau davor habe ich Angst, große Angst sogar. Vorm fett werden und verblöden.
Der Radweg durch Gießen führt immer an der Lahn entlang, manchmal durch Gartenkolonien. Die Ausschilderung, trotz Umleitung, ist lückenlos. In der Nähe der Autobahn holt mich der ältere Radler ein. „Hier bin ich wieder“ tönt es neben mir. Er fährt ohne Navi und Karte, hat die Orte vorher im Internet recherchiert, fragt die Einheimischen und bittet andere Radler um einen Blick auf die Karte. Und kommt immer an. Umwege nimmt er in Kauf, die erweitern bekanntlich die Ortskenntnis. Frei nach Kurt Tucholski. Kann ich bestätigen.
Campingplatz am Dutenhofener See. Menschenmassen bin ich nicht mehr gewohnt. Doch hier wälzen sie sich Richtung Strand und zurück. Die Zufahrt ist verstopft mit Fußgänger, Autos, Radfahrer, Kinderwagen-Schieber. Jugendliche mit Handy am Ohr registrieren nicht meine Klingel. Im Schneckentempo taste ich mich voran. Neben dem Campingplatz eine Badestelle mit Kiosk und Restaurant. Ein kleines Schild verweist auf den Platzwart. Klingeln soll man.Tue ich, aber keine Reaktion. Irgendwann erscheint ein genervter Restaurant-Mitarbeiter. Er richtet vom Chef aus, ich soll zum Restaurant kommen. Und quäle mich mit meinem Schwertransporter durch die Schlange stehenden Strandbesucher. Hier habe ich das erste Mal Tacho und E-Werk sofort entfernt. Gefährlich, dieses undurchsichtige Gewimmel. Der Chef nimmt mich in Empfang. Ja, wir haben telefoniert. Ehe er mit mir am Zugang zum Zeltplatz ist, nimmt er noch zugerufene Bestellungen auf und vertröstet ein paar Gäste. So möchte ich nicht bedient werden. Eine Zumutung. Er lässt mich genervt an einem Kassenhaus stehen. Der heran gepfiffene Platzwart erscheint, knöpft mir 9,00 € ab, zeigt mir die Zeltwiese, weist in Richtung Sanitärgebäude und weg ist er. Ein paar Jugendliche zelten hier. Direkt am Wasser. Schön gelegen.

Morgens um fünf am Dutenhofener See

Dutenhofener See

Ein junger Mann kommt auf mich zu und fragt, ob er sich hier umziehen könne. Ich kann ihn nicht daran hindern. Als Entschädigung für das nervige Durcheinander gibt es Tisch und Bank. Ich kann in angenehmer Haltung schreiben. Das Sanitärgebäude ist ordentlich, aber keine Seife und Handtücher. Einem jungen Pärchen vermassele ich die ungestörte Zweisamkeit. In den See mag ich nicht springen. Er ist nicht groß und kann bei dem Andrang nur eine Urin- und Schweißpfütze sein. Also doch ab zur Dusche.

Mittwoch 19. Juni, Dutenhofen – City-Camping Frankfurt – 88km

Der See ist größer als ich dachte. Um 5 Uhr schwimme ich schon eine große Runde. Zwei Wildgänse sitzen auf dem Steg. Ein Vogel trällert fröhlich auf einem Mast. Ich verdrücke am Wasser mein Müsli und lese. Um sieben bin ich startklar. Hinter Langgöns ruft Burckhard aus Heimerdingen bei Stuttgart an. Er erwartet mich in den nächsten Tagen und schaut in die Karte, wo ich stecke. Kurz vor Butzbach gesellt sich ein Rennradfahrer mit der Bemerkung „Na, das sind ja mindestens 40 kg“ zu mir. Ich soll unbedingt in Butzbach auf dem Markt einen Kaffee trinken. Ich schiebe mein Rad über das antike Pflaster.

Butzbach

Butzbach

Vor einem Bäcker fragen mich zwei Frauen – beide tragen ein Shirt in pink – mit Hund fragen aus. Sie geben mir eine volle Stempelkarte vom Bäcker und sponsern damit meinen Kaffee. Ich schiebe mein Rad in den Schatten und werde schon wieder angesprochen. Die Frau pilgerte den Jakobsweg und ist neugierig auf meine Tour. Als ich mit Kaffee und Brötchen aus dem Geschäft komme, schieben mir die netten Damen in pink den Stuhl zurecht. Ich muss wieder erzählen. Oft radeln sie Tagestouren und kennen sich aus, beschreiben mir den Weg nach Bad Nauheim. Fragen, ob sie Informationen im Internet über meine Tour finden. Ich gebe den beiden meine Karte und nach ein paar Tagen melden sich die „two old ladies“ aus Butzbach.

Bruni, eine der "two old ladies"

Bäcker in Butzbach

Herrlich. Ein paar Rentner am Nachbartisch schnappen unser Gespräch auf. Als ich los will wird diskutiert, aus welchem Wismar ich denn nun anrollte. Wismar an der Ostsee oder Wißmar bei Gießen. Ich kläre die „old men“ auf und schwinge mich auf meinen Schwertransporter.
Den beschriebenen Weg finde ich, doch nicht die richtige Straße über die Autobahn nach Nieder-Mörlen. Ein Mann schickt mich zur Hauptstraße. Ich komme in ein Dorf, doch es ist nicht das erwartete. Gleisbauer zeigen mir einen Weg entlang der Bahn und ich finde die richtige Piste. In Ober-Mörlen genehmige ich mir eine Pause unter einer Linde. Siesta ist Pflicht bei Affenhitze. Ein junger Mann schickt mich zurück zur Hauptstraße. Folge ich dem Schild nach Bad Nauheim, muss ich bei diesen tropischen Temperaturen einen Berg erklimmen. Also düse ich entlang der Bundesstraße und bin bald da. Ein Mädchen beschreibt mir exakt die Route nach Friedberg. Dort angekommen schaue ich auf meine Karte. Ein Mann hält und bietet Hilfe an. Der schnellste Weg an die Nidda führt nach Assenheim. Er schwingt sich auf sein Rad und saust mit mir durch den Ort. Nun kann ich die Ausfahrt nicht mehr verfehlen und bin bald in Buchenbüchen und Assenheim. Kurz nach 16 Uhr stehe ich an der Nidda. Lese von Denaturierungsmaßnahmen. Der Weg ist wunderschön, nur ein Campingplatz findet sich nicht. Die Anhöhen des Taunus kommen links in Sicht. Vor Bad Vilbel eine Umleitung. Teils geht es auf Schotterpisten durch Felder. Die Ausschilderung endet abrupt. Ein Rennradfahrer hilft ungefragt weiter. Bald die nächste Umleitung. Eine Frau fährt mit mir eine Abkürzung und Ruck zuck bin ich wieder auf dem Radweg. Frankfurts Hochhäuser tauchen auf.

Franfurts Grüner Gürtel - die Hochhäuser sind weit weg

Franfurts Grüner Gürtel – die Hochhäuser sind weit weg

Die Nidda-Route ist als Frankfurts Grüner Gürtel ausgeschildert, und das ist nicht übertrieben. Natur vom Feinsten. Blumen blühen um die Wette, Reiher staksen durch die Wiesen.Und das mitten in einer Großstadt. Irgendwann taucht der Campingplatz auf. Wieder muss ich mich Rad schiebend durch Menschenmassen zwängen. Das gegenüberliegende Schwimmbad spült die Sonnenhungrigen auf den Parkplatz. Um so erleichterter bin ich, dass es auf dem Campingplatz wieder so ruhig und beschaulich ist wie am grünen Gürtel.

Donnerstag 20. Juni – Sonntag 23. Juni, Frankfurt – Eddersheim (bei Christine und Frank), 33 km Donnerstag und 41 km Sonntag

Weiter geht es entlang der Nidda. Ich komme nicht vorwärts, denn laufend spricht mich jemand an. Ein Mann fotografiert mich mit meiner Kamera. In Hausen komme ich vom Weg ab. Als ich an einem Schwimmbad lande, gerate ich an einen Mann mit Warnweste. Er bietet mir Hilfe an, fragt mich gleichzeitig aus. Blitzschnell zaubert er sich unsere Homepage auf sein Smartphone und möchte eine Autogrammkarte. Damit kann ich nicht dienen. Er erklärt mir, wie ich ohne umzukehren den grünen Gürtel erreiche. Seine Beschreibung war nach dem zweiten Anlauf in Ordnung. Unter einer Brücke sitze ich Regen aus. Ein Reiher schreitet über die Wiese und entkommt nicht meiner Kamera.

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Dann das, was ich fürchte, weil oft nicht korrekt ausgeschildert. Radweg-Umleitung. Ich muss das Rad eine kurze, steile Steigung hochschieben. Nehme die Säcke und Taschen hinten ab, sonst wird das nichts. Ein junger Mann hält. Er hätte mir geholfen, doch nun liegen die Radtaschen schon auf dem Weg. Lieber soll er mir den Weg beschreiben. Er zeigt mir auf der Karte unseren Standort. Ich bin schon kurz vor der Niddamündung.

Nidda-Mündung in Frankfurt

Nidda-Mündung in Frankfurt

Nach ein paar Minuten stehe ich am Main und schiebe meinen Schwertransporter durch das Main-Tor und vorbei am Schloss. Zwei Radler zeigen mir den besten Weg nach Eddersheim, über R 8 vorbei an Hoechst. Beeindruckt zieht einer vor mir seinen Radhelm. Der nächste Radler saust vorbei mit dem Spruch „Das sieht ja aus wie bis nach Vancouver!“ Hinter Hoechst keine Ausschilderung zum Main. Zumindest sehe ich kein Schild. Dann eben Wegfindung nach Karte, die man mir freundlicherweise auf dem Campingplatz spendierte. Nach kurzer Zeit stehe ich am Fluss.

Am Main hinter Frankfurt

Am Main hinter Frankfurt

Und werde abermals angesprochen. Zwei Frauen beschreiben mir die letzten km über Okriftel. Als ich Eddersheim erreiche, erfrage ich die Straße, in der meine Cousine wohnt. Bekomme erst nur ungenaue Auskünfte. Ich rolle am Main entlang und werde zum letzten Mal für heute ausgefragt. Ein Pärchen sitzt auf dem Balkon. Der Mann springt verdutzt auf, als er mich sieht. Als alle Fragen geklärt sind, finde ich die richtige Einfahrt. Um 16.45 Uhr ist mein erstes Ziel erreicht. Meine Cousine ist noch nicht zu Hause. Ihr Mann Frank bringt Rad und Gepäck auf die Terrasse. Stellt mir leckere Erdbeertorte vor die Nase. Großes Hallo, als Christine aufkreuzt. Viele Jahre haben wir uns nicht gesehen. Und nun bin ich mit Muskelkraft hier, um mein Buch (von Andreas Pröve „Mein Traum von Indien“) abzuholen. 908 km zeigt der Tacho. Die beiden lassen es sich nicht nehmen, mich nach Strich und Faden zu verwöhnen. Meine Wäsche flattert bald im Wind. Es gibt leckeres Essen. Wir reden über Gott und die Welt und gemeinsame Kindheitserinnerungen. Ferien bei Oma waren was Besonderes. Schauen alte Bilder an und klingeln unseren Cousin in Oschersleben an.

Bei Christine und Frank

Bei Christine und Frank

Sonntag Mittag düse ich weiter Richtung Mainz. Bei Hochheim geht es durch erste Weingärten. In Kostheim überquere ich die Mainbrücke und kann so Mainz umfahren. Rolle durch die Rheinauen bis zur Fähre nach Nierstein. Vier Renter gabeln mich kurz vor der Fähre auf. Die üblichen Fragen. Sie wollen nach Nierstein Kaffee trinken. Auf der Überfahrt werde ich ausführlich informiert über die hier angebauten Rebsorten.

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Fähre nach Oppenheim

In Oppenheim, gleich um die Ecke, gibt es laut Karte einen Campingplatz. Ich folge der Ausschilderung und lande an einer geschlossenen Schranke: Zutritt ausschließlich für Dauercamper vom Campingclub Oppenheim. Daneben Rhein-Strandbad mit Restaurant. Dort frage ich und darf auf der Wiese vorm eingezäunten Dauercamper-Areal mein Zelt aufschlagen. Am Strandbad gibt es dreckige Duschen mit kaltem Wasser und Toiletten, wo man sich das Atmen abgewöhnen sollte. Christine steckte mir zwei Schokoriegel in die Tasche. Die sind jetzt mein Trostpflaster. Es ist das erste Mal, dass ich mich nicht sicher fühle und Pfefferspray und Messer im Zelt griffbereit habe. Zu meinem großen Glück tauchen zwei verschwitzte Radler mit Schwertransporter auf. Ein Pärchen aus Schottland ist auf dem Weg nach Istanbul. Ich erkläre den beiden die Lage und mein Zelt steht nicht mehr allein am Rheinufer.

Abends am Rhein

Abends am Rhein

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